Finden vorerst keine Sitzungen mehr im großen Saal des Oberndorfer Rathauses statt? Foto: Danner

Gemeinderat tagt vorerst nicht mehr öffentlich. Aggressivität und Anfeindungen bereiten Sorge. Mit Kommentar

Oberndorf - Mit einem Knaller beendete Bürgermeister Hermann Acker die letzte Sitzung des Oberndorfer Gemeinderats in diesem Jahr. Aus "Fürsorgepflicht" für seine Mitarbeiter will er vorerst nicht mehr öffentlich im großen Ratssaal im Klosterbau tagen.

Grund: ein fehlender zweiter Rettungsweg und mangelndes Sicherheitsempfinden der Mitarbeiter bei Sitzungen.

Acker verlas ein Schreiben an den Personalrat der Stadtverwaltung, das er auch unserer Zeitung zur Verfügung stellte. Darin heißt es unter anderem: Das aktuelle Geschehen bezüglich Gewalt, Aggressivität und Anfeindungen einiger Mitmenschen in unserer Gesellschaft bereitet zunehmend Sorge hinsichtlich ausreichender Sicherheit in unseren öffentlichen Räumlichkeiten."

Insbesondere der große Sitzungssaal erwecke wenig Vertrauen. Man sei dort im zweiten Obergeschoss regelrecht eingesperrt, es gebe nur eine Tür und keinen zweiten Rettungsweg. Die Termine der öffentlichen Sitzungen stünden in der Presse. "Psychopathen mit Geltungsbedürfnis wissen also, wann und wo sie uns finden." Wenn jemand in der Türe stehe, umher schieße oder eine Rauchbombe zünde, habe man keine Chance. Der Verfasser des Schreibens fordert deshalb aus Gründen der Fürsorge ein Sicherheitskonzept für den Sitzungssaal und einen zweiten Rettungsweg.

In einer E-Mail wandte sich zudem ein Mitarbeiter an den Bürgermeister und den Personalrat. Darin wird von einer Person berichtet, der beim Bürgertreff in der Klosterkirche sowohl Bürgermeister Acker als auch Hauptamtsleiter Hermann Leopold verfolgt und angeschrien habe. Den Namen dieser Person nannte Acker in der Sitzung am Dienstagabend nicht. Der Verfasser der E-Mail äußert seine "große Sorge", dass das "eindeutig wahnhafte Verhalten" besagter Person zu einer "nicht beherrschbaren Eskalation führen könnte."

Der Personalratsvorsitzender der Stadt schreibt an die Verwaltungsspitze, dass in den vergangenen Wochen mehrere Mitarbeiter auf ihn zugekommen seien mit der Bitte, entsprechend präventive Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Rathaus zu veranlassen. "Amokläufe kommen nie ohne Vorwarnung."

Wie der Leiter des Oberndorfer Polizeireviers Ulrich Effenberger auf Anfrage des Schwarzwälder Boten mitteilt, werde man dies nun prüfen und der Verwaltung beratend zur Seite stehen. Grundsätzlich, so Effenberger, sei es immer schwierig, wenn es nur einen Zugang zu einem Raum gebe.

Falls bis zur nächsten Gemeinderatssitzung Mitte Januar keine Lösung gefunden sei, so Acker, werde er die Sitzung in einer Turnhalle oder einem anderen städtischen Gebäude einberufen.

Kommentar: Mulmig

Von Marcella Danner

Ist die Reaktion von Bürgermeister Acker überzogen, wenn er vorerst keine öffentlichen Sitzungen mehr im Ratssaal abhalten will? Auch wenn er keinen Namen nannte, so wusste doch jeder im Raum, vom wem die Rede war, als Acker aus Mitarbeiterschreiben Sätze wie "Psychopathen mit Geltungsbedürfnis" oder "eindeutig wahnhafte Verhalten" zitierte. Ein ehemaliger städtischer Angestellter scheint unter den ehemaligen Kollegen für ein mulmiges Gefühl zu sorgen. Ungeachtet der persönlichen Differenzen zwischen dem Bürgermeister und besagter Person, ist eine Reaktion auf die von den Mitarbeitern geäußerten Ängste nachvollziehbar. Vorfälle wie das tödliche Attentat auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder der Messerangriff auf den Schramberger Kämmerer lassen aufhorchen. Besser handeln, bevor etwas passiert.