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Oberndorf a. N. Olympiasiegerin hält Hansel in Ehren

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Ursula Happe ist als vielfacher Feriengast bei der Einweihung des umgebauten Freibads 1991 in Oberndorf dabei und erhält freien Eintritt auf Lebenszeit. Fotos: Laufer/Pixabay Foto: Schwarzwälder Bote

Früher zog sie im Oberndorfer Freibad ihre Bahnen, umringt von Bewunderern, kürzlich wurde sie 94 Jahre alt: Olympiasiegerin Ursula Happe erinnert sich noch gut an ihre Ferien in Oberndorf.

Oberndorf/Dortmund. Ganz so schnell wie früher kann sie nicht mehr schwimmen, gibt sie zu. "Das habe ich ja aber auch nicht nötig", sagt die muntere 94-Jährige. Schneller als viele andere sei sie trotzdem.

Einige Oberndorfer werden sich noch gut an die Dame erinnern, die 1954 bei der Europameisterschaft Gold über 200 Meter Brust und Bronze über 100 Meter Schmetterling gewann und 1956 bei Olympia in Melbourne die Goldmedaille über 200 Meter Brustschwimmen abräumte und dabei noch einen Weltrekord aufstellte. Zu ihren Errungenschaften zählen ebenso 18 Deutsche Meistertitel.

Sicher wären noch zahlreiche weitere Auszeichnungen hinzugekommen, aber "mein Mann wollte nach dem Olympiasieg nicht mehr, dass ich bei Wettkämpfen schwimme", sagt die 94-Jährige im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Sie sollte sich um die Kinder kümmern. "Früher war man als Frau gehorsam", sagt Happe. Ob sie das heute noch so machen würde, zweifelt sie an.

Freier Eintritt auf Lebenszeit

Einer, der sich immer wieder gern an sie erinnert, ist der ehemalige Schwimmmeister des Oberndorfer Freibads, Werner Tott. "Frau Happe war die erste Schwimmerin, die zwei Goldmedaillen nach dem Weltkrieg gewann", sagt er. Zudem sei sie viele Jahre über in den Ferien in Altoberndorf zu Gast gewesen und habe die Schwimmfreunde im Oberndorfer Freibad mit ihrem Schwimmstil begeistert. Auch sei sie als Ehrengast bei der Einweihung des umgebauten Freibads Oberndorf 1991 gewesen. Damals habe sie eine auf Lebenszeit gültige Eintrittsfreikarte für das Oberndorfer Freibad bekommen, weiß auch Bürgermeister a. D. Klaus Laufer noch. Daran erinnert sich die 94-Jährige noch gut. Die Karte habe sie in Ehren gehalten. "Und der Hansel, den ich geschenkt bekommen habe, lebt auch noch."

Mittlerweile wohnt Happe in Dortmund. Wann sie das erste Mal in Oberndorf war, um dort die Ferien zu verbringen, weiß sie nicht mehr genau. Bei den Zahlen kommt sie durcheinander.

Gut erinnern kann sie sich aber noch daran, dass die Familie eigentlich auf die Insel Langeoog wollte, dann aber von einem Bekannten die Empfehlung bekam, Oberndorf einen Besuch abzustatten. Happes Olympiasieg lag da schon viele Jahre zurück. "Geschwommen bin ich trotzdem täglich und hatte immer einen Haufen Kinder um mich herum, die lernen wollten, so schnell zu schwimmen wie ich", sagt Happe lachend.

Meist stürzte sich die Olympiasiegerin schon morgens gegen 7 Uhr in die Fluten. Das Ritual des regelmäßigen Schwimmens hat Happe beibehalten, wird durch Corona derzeit aber im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst.

Die 94-Jährige hat einen unglaublichen Lebensweg hinter sich. Eigentlich wollte die im heute polnischen Danzig Geborene studieren, stattdessen wurde sie zum Arbeitsdienst einberufen, während die Russen nahten. Happe musste fliehen und sich auf dem Weg nach Westen mehrmals wegen Bombenangriffen von Briten und Russen im Gebüsch verkriechen.

In Deutschland musste sie ihren Arbeitsdienst bei der Berliner Straßenbahn verrichten. "Ich stand aber die meiste Zeit auf dem Trittbrett, weil mir bei der Fahrt schlecht wurde", erinnert sie sich. Immerhin habe sie hin und wieder ein Butterbrot von einem Fahrgast bekommen.

Selbstgestrickter Badeanzug

Ihre Mutter hatte sie in Danzig zurücklassen müssen. Wie sie später erfuhr, war diese jedoch auch vertrieben worden. Nur durch Zufall sahen sich Mutter und Tochter wieder. "Das klingt wie erfunden, ist aber wirklich so passiert", berichtet Ursula Happe. Sie sei, als die Russen vor Berlin standen, Richtung Kiel geflohen und habe Arbeit bei einem Landwirt nahe Lütjenburg (Kreis Plön) in Schleswig-Holstein aufgenommen. Auch ihre Mutter hatte den Weg nach Schleswig-Holstein gefunden. Dort, auf dem Marktplatz von Lütjenburg, fanden sie sich eines Tages wieder, wie die Olympiasiegerin erzählt.

Ebenso zufällig geschah es, dass Ursula Happe als begabte Schwimmerin auffiel. Ihr Bruder war damals Teil des Schwimmteams in Kiel. Der Gruppe fehlte aber noch eine Brustschwimmerin. Happe erklärte sich dazu bereit, ihrem Bruder zu helfen.

Schnell erregte das "unbekannte Mädchen" mit ihrer Geschwindigkeit Aufsehen. Und es dauerte nicht lang, da bestritt Ursula Happe ihre erste Deutsche Meisterschaft 1949. "Damals haben meine Mutter und ich aus einem alten Pullover einen Badeanzug gemacht", erzählt die Olympiasiegerin. Einer der Ausstatter habe ihr dann kurz vor dem Endlauf einen richtigen Badeanzug geschenkt. "Da musste ich ja gewinnen", sagt Happe lachend.

Daraufhin sei sie nach Dortmund eingeladen worden, um eine Schwimmhalle einzuweihen. "Mein Mann war der Fahrer, der mich zum Hotel brachte. So habe ich ihn kennengelernt", erzählt sie.

Als sie bei Olympia antrat, war die Mutter dreier Kinder bereits 30 Jahre alt. "Ich weiß noch, dass der Reporter gesagt hat: Wie kann man nur eine alte Frau schwimmen lassen statt einer Jungen die Chance zu geben?", weiß Happe noch.

Doch sie ließ sich nicht einschüchtern und siegte. Unter Wettkampfbedingungen trainieren konnte sie lediglich zwei Mal vor Olympia. "Heute schwimmen sich die Profis vor dem Wettkampf 3000 Meter ein. Da wäre ich längst gestorben", meint Happe lachend.

Auch heute noch denkt die passionierte Schwimmerin gern an die Zeit zurück und hat sich zwei Dinge bewahrt: die Freude am Schwimmsport und die Erinnerung an ihre Ferien in Oberndorf.

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