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Oberndorf a. N. Heckler & Koch: Letzter Schuss für das G36

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HK-Waffe G36. Foto: dpa

Oberndorf - Der letzte Montag im März dieses Jahres ist im hoch gelegenen Stadtteil Lindenhof im Neckarstädtchen Oberndorf in unguter Erinnerung. Der Waffenhersteller Heckler & Koch (HK) hat hier in einem weiträumigen, umzäunten Industriekomplex seinen Sitz. Schlechte Presse ist man gewohnt bei H&K. Als Waffenproduzent muss man mit Kritik umgehen können. Zudem ermittelt seit Monaten die Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Es geht um Waffenexporte in Unruheprovinzen in Mexiko. Stoff, der jetzt verfilmt worden ist. Schauspieler wie Heiner Lauterbach und Veronica Ferres sind in 14 Tagen in der ARD in einem fiktionalen Film in unlautere Waffengeschäfte verstrickt. "Meister des Todes" lautet der vom Sender ungelenk bei Lyriker Paul Celan abgekupferte Titel. Dann bestreitet H&K auch noch Arbeitsgerichtsprozesse, in denen eben eine Rolle spielt, ob Mitarbeiter illegale Waffenexporte zu verantworten haben.

Um all das geht es aber gar nicht an diesem 30. März. Vielmehr schreckt auf dem Lindenhof eine Pressemeldung von Ursula von der Leyen (CDU) auf. Das G36, ist dieser zu entnehmen, eines der Paradeprodukte der Oberndorfer, habe "offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heiß geschossenen Zustand". Nun ist das G36 nicht irgendeine Waffe – das Produkt vom Neckar ist das Standardgewehr nicht nur der Bundeswehr und das seit knapp zwei Jahrzehnten. Zwar ist es an diesem Märzenmontag nicht das erste Mal, dass in und um die Bundeswehr herum über angebliche Präzisionsmängel des Gewehres getuschelt wird. Schon 2006 sollen im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung Hinweise auf Einschränkungen bei der Treffergenauigkeit geäußert worden sein.

Doch diesmal ist es die Verteidigungsministerin selbst, die Zweifel an der Treffsicherheit des G36 streut. Und von der Christdemokratin ist bekannt, dass sie es im politischen Geschäft an Entschlossenheit nicht mangeln lässt. Egal, ob es um eine von ihr als richtig erkannte Sache oder um die eigene Karriere geht.

Der Hersteller in Oberndorf reagiert perplex auf die Notizen aus Berlin. Doch das spiegelt allenfalls einen Teil der Gefühlslage. Denn man ist herzhaft empört. Schließlich gehen die Vorwürfe gegen die technische Ehre der Präzisionskonstrukteure. Man sieht einen immensen Rufschaden heraufziehen.

Viele Gutachten hat es wegen der Mängel bei Extrembedingungen schon zuvor gegeben

Das wird nicht besser, als Wochen später die CDU-Politikerin nachlegt. Dutzende Mikrofone und Kameras sind dieses Mal im Deutschen Bundestag auf Ursula von der Leyen gerichtet. Es hört sich an wie die Fortsetzung des Feldzuges gegen den langjährigen Geschäftspartner aus dem deutschen Südwesten. Und ist noch unmissverständlicher als Ende März. Das G36 habe "keine Zukunft in der Bundeswehr" lautet das Machtwort.

Viele Studien und Gutachten hat es zuvor schon wegen der Mängel bei Extrembedingungen gegeben. Experten können deren Systematik nicht immer nachvollziehen. Mal werden außergewöhnliche Einsatzbedingungen simuliert. Dann wiederum heißt es, die Munition bereite Probleme. Die Auswertung weiterer Untersuchungen wartet die Ministerin nun aber nicht einmal mehr ab. Den April-Auftritt vor den Medien werten Beobachter deshalb schon als so etwas wie den Befehl zur Ausmusterung des Produktes made in Baden-Württemberg.

Gestern ist es schließlich so weit. "Das G36 gehört bald zum alten Eisen", überschreibt die Deutsche Presseagentur (dpa) ihren Artikel zu einem neuerlichen Statement aus dem Verteidigungsministerium. Von einem "klaren Schnitt" ist dieses Mal die Rede, und der Kernsatz ist unzweideutig: "Nach fast 20 Jahren G36 wollen wir eine neue Generation Sturmgewehr für die Bundeswehr beschaffen", lässt sich die Ministerin zitieren. Punkt! 167 000 Gewehre, schlussfolgert dpa, "landen demnächst in den Arsenalen der Bundeswehr oder auf dem Schrottplatz".

An diesem Dienstag sieht es so aus, als treffe die Information den Waffenhersteller nicht gänzlich unvorbereitet. Schließlich hatte man wochenlang Zeit, sich auf das kaum mehr Vermeidbare einzustellen. Gegenüber unserer Zeitung begrüßt HK ausdrücklich die Entscheidung des Bundesverteidigungsministeriums, "ein neues Sturmgewehr beschaffen zu wollen". Der Auftrag, heißt es aus dem Ministerium, solle europaweit ausgeschrieben werden. Kenner rechnen mit einem Geschäft im dreistelligen Millionenbereich. Man gehe indes davon aus, dass die ersten Exemplare nicht vor 2019 ausgeliefert werden. Für eine Übergangsphase gleiche man die Präzisionsprobleme bei Hitze und bei Dauerfeuer durch die Anschaffung von 600 Sturmgewehren des Typs G27P und leichten Maschinengewehren MG4 aus. Auch diese Waffen stammen von Heckler & Koch.

Da fügt es sich gut, wenn das Oberndorfer Unternehmen vermerkt, man habe für einen Übergangszeitraum "technische Lösungen entwickelt, um die geänderten Anforderungen für gewisse Szenarien zu unterstützen".

HK kündigt an, sich an der europaweiten Ausschreibung beteiligen zu wollen

Die Tonlage zwischen Ministerium und Unternehmen klingt inzwischen wieder geschäftsmäßig. Auch nach 50 Jahren stehe man als Entwicklungspartner von Bundeswehr und Nato zur Verfügung, kündigt HK an, sich an der Ausschreibung zu beteiligen.

Beigelegt ist der Streit damit nicht. Noch laufen politische Untersuchungen und gerichtliche Klärungen. Allein Mitte Oktober werden Untersuchungsberichte dreier Kommissionen erwartet. Darin geht es um Korruptionshinweise und Organisationsstrukturen. Und die mögliche Gefährdung von Soldaten im Einsatz durch die angebliche Trefferungenauigkeit.

Noch sind Schadenersatzforderungen nicht ausgeschlossen. Jedenfalls beharrt HK auch gestern darauf, die gelieferten G36-Gewehre hätten "vollumfänglich den technischen Lieferbedingungen von 1996" entsprochen. "Geliefert wie bestellt", hatte dies HK-Gesellschafter Andreas Heeschen stets formuliert.

Ob je die Hintergründe dieses politisch-industriellen G36-Komplexes völlig aufgeklärt werden, scheint fraglich. Hat sich hier die Ministerin als kanzlerinnentauglich erweisen wollen? Wurden Grabenkämpfe im Moloch Verteidigungsministerium um das Gewehr ausgefochten? Handelt es sich um einen von ökonomischen Interessen gespeisten Angriff auf Ruf und wirtschaftliches Standing des Unternehmens aus Oberndorf mit seinen 700 Mitarbeitern und einer Umsatzerwartung von 150 Millionen Euro in 2014? Welche Rolle spielen Gutacher-Eitelkeiten? Haben politische Kräfte die Konflikte angeheizt, denen Rüstungsgeschäfte wie Bundeswehr sowieso ein Dorn im Auge waren? Sind Rüstungsindustrie und Regierungsstellen verfilzt?

Viele Fragezeichen bleiben. Sicher ist seit gestern: Die Zeit des G36 bei der Bundeswehr läuft ab. Gleichgültig, ob die Waffen jetzt verschrottet, oder – wie 8000 Waffen im vergangenen Jahr – weitere Gewehre den kurdischen Peschmerga zum Kampf gegen den IS geschenkt werden. Die Kurden jedenfalls sind mit den Produkten vom Lindenhof zufrieden. Peschmerga-Minister Mustafa Sayid Qadir konnte gar nicht genug kriegen: "Je mehr, desto besser", erklärte er.

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