Weniger Zuhörer als sonst finden den Weg zum Meisterkonzert in die Klosterkirche
Von Alwin Weber
Oberndorf. Das Programm des Meisterkonzerts war hochkarätig. Vier der bekanntesten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) wurden geboten. Die Solistin Miao Huang ist eine vielfach hoch ausgezeichnete Interpretin.
Woran mag es gelegen haben, dass zum dritten Meisterkonzert weniger Zuhörer als sonst den Weg in die Klosterkirche gefunden haben?
Am Anfang stand Sonate Nr. 14 cis-Moll op. 27 Nr. 2 (entstanden 1801), die "Mondscheinsonate". Dieses Stück, fast ein Gassenhauer der Klassik, begann Miao Huang relativ ruhig, doch nicht süßlich oder verschleppt. Das so eingängige Thema war hervorragend zu verfolgen; es wurde glasklar musiziert. Häufig im Einsatz war das mittlere Pedal des Bechsteinflügels, das es erlaubt, den angeschlagenen Ton fortklingen zu lassen, die anderen aber dämpft.
Im sich anschließenden Allegretto zeigte sich dann Miao Huangs komplexes Können. Zweiunddreißigstel-Läufe, die nahezu unspielbar erscheinen – egal ob in der linken oder rechten Hand – kamen atemberaubend. Triller der linken Hand bildeten einen Tonteppich für die Melodie. Diese Darbietung weckte absolute Lust auf die folgenden Stücke. Vor der "Waldsteinsonate" Sonate Nr. 21 C-Dur op. 53 (entstanden 1803) erklärte Miao Huang, dass alle Stücke in der Zeit Beethovens beginnender oder voller Taubheit entstanden sind. Auch die heute gebräuchlichen Namen seien nicht vom Komponisten. Wahrlich con brio erklang der erste Satz der Waldsteinsonate. Auch hier waren noch bei kleinen Notenwerten frappierende Klarheit und Durchsichtigkeit gegeben. Hinreißend: ein langes Crescendo in der linken Hand, worüber die rechte die Melodie aufbaut! Eine gewisse Magie konnte dem Spiel nicht abgesprochen werden.
Im Rondo – und nicht nur dort – zeigte sich die ausgefeilte Gestaltungskunst der Tongebung. Es war erstaunlich, in welchem Maße die Interpretin den Aufbau dieses Stückes durchleuchtete und miterleben ließ.
Das Allegretto entwickelte sich, mit übergreifender linker Hand, zu einer gleichsam silberhell sprudelnden Tonquelle, ehe es nach packenden Läufen in mächtigen Akkorden endete. Die Sonate Nr. 30 E-Dur op.109 (entstanden 1820), ein Riesenwerk, eröffnete den zweiten Teil des Konzertes. Im Satz Prestissimo stand Technik noch im Vordergrund. Zu Beginn des dominierenden dritten Satzes aber hatte man das Gefühl, in langsamen Passagen würde Miao Haung jedem Ton nachlauschen. Trotz ihrer Ähnlichkeit waren die Variationen durch Tempo und Dynamik deutlich zu unterscheiden. Fast Unmögliches scheint Beethoven in der Sonate Nr. 23 f-Moll op. 57 "Appassionata" (entstanden 1804/05) den Interpreten abzuverlangen. Im ersten Satz übernimmt die rechte Hand oft die Bassstimme, die linke die Melodie. Doch für Miao Huang – anscheinend kein Problem. Daumen und Zeigefinger "krabbeln" im gleichen Intervall über drei Oktaven abwärts, um von einem donnernden Bassakkord empfangen zu werden. Spieltechnisch komplizierte Läufe in Zweiunddreißigsteln werden mühelos genommen.
Das Finale dieser Klaviersonate ist ein Fest der Töne, für das sich das Publikum mit sehr großem Applaus bedankte und mit einer Brahms-Zugabe belohnt wurde. Wenn Ludwig van Beethoven als Gigant unter den Komponisten bezeichnet wird, welches Attribut träfe dann auf die mentale und pianistische Leistung Miao Huangs zu? "Genial" wäre sicher nicht übertrieben.