Manuel Bauer (Foto) erzählt an den Beruflichen Schulen aus seiner Vergangenheit. Er kam auf Einladung des Berufschullehrers Thomas Dähne, der den Ex-Neonazi schon lange nach Oberndorf holen wollte. Foto: Danner

Lebensbeichte erschüttert und schreckt ab. 39-Jähriger betreibt Aufklärungsarbeit. 

Oberndorf - Es gibt Schulstunden, die bleiben einem wohl ein Leben lang in Erinnerung. Jugendliche der Beruflichen Schulen Oberndorf-Sulz (BOS) erlebten am gestrigen Mittwoch so eine Lektion, die eindeutig unter die Kategorie "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" fällt. Der Ex-Neonazi Manuel Bauer war nach Oberndorf gekommen und berichtete aus seiner bewegten Vergangenheit. Harte Kost, die die Schüler der Elektro- und MetallKlassen da zu verdauen hatten.

Der 39-jährige Bauer sprach, wie ihm sein sächsisches Mundwerk gewachsen ist – schnell, direkt, manchmal "krass" derb – authentisch eben. Ohne den erhobenen Zeigefinger, ohne zu moralisieren. Das beeindruckte die jungen Menschen sichtlich. Denn seine Schilderungen der rechten Szene vermochten vielleicht viel mehr abzuschrecken, als es ein Schulbuch je kann.

In älteren Interviews, unter anderem im "Spiegel", sprach Manuel Bauer davon, dass er sich selbst hasst. Soweit ging er gestern vor den Oberndorfer Schülern nicht. "Ich hasse mich nicht, aber ganz verzeihen werde ich mir nie können." Das ist sicherlich auch sein Antrieb für die Aufklärungs- und Präventionsarbeit, die der 39-Jährige betreibt. Sein Beitrag, wieder gut zu machen, was eigentlich nicht wieder gut zu machen ist. Mit seiner Initiative "EXIT-Deutschland" will er Menschen helfen, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen.

Mit elf Jahren, so erfuhren die Schüler, kam Bauer – ein Kind der DDR – über einschlägige Musik in Kontakt mit der rechten Szene. Im Laufe der Zeit radikalisierte er sich immer mehr. Seine "Kameraden" wurden seine Familie. Seine Mutter schlug er, seinen Vater verletzte er mit dem Messer. "Für mich waren das die Verräter," die ihm seine Neo-Nazi-Devotionalien wegnahmen und ihm seine "Freunde" verbieten wollten. Dunkelhäutige Menschen waren für ihn Halbaffen. Den Holocaust leugnete er nicht. Vielmehr war er damals geradezu stolz darauf, dass "sechs Millionen Ratten" vernichtet worden waren. Mehr als einmal spiegelte sich auf den Gesichtern der Schüler das blanke Entsetzen bei Bauers Schilderungen. Auch, als er von seinen Gewalttaten erzählte. Wie er gemeinsam mit anderen Molotowcocktails auf Asylbewerberheime warf, eine Döner-Bude anzündete. Und wie er einer hochschwangeren, türkischen Frau, die bereits am Boden lag, mit voller Wucht in den Bauch trat, ein fünfjähriges, indisches Mädchen wie einen Fußball wegkickte, so dass es an eine Wand knallte. Schonungslos war die Lebensbeichte von Manuel Bauer. Ungeschönt ließ er seine Taten für sich sprechen. Rang sichtbar um Fassung, als er vom Vorfall mit dem Kind erzählte. Und doch, aus seiner damaligen Sicht auf die Welt waren seine Taten, für die er im Gefängnis landete, nur folgerichtig, erklärte er. Heute wisse er, wie "krank" das alles war.

Der Ex-Neonazi ließ die Schüler tief eintauchen in die Parallelwelt der rechtsradikalen Szene, von der er sich 2006 abgewendet hatte – Stück für Stück, wie er bekannte. "Es war ein Prozess".

"Ich wäre stolz darauf, wenn wir Ihnen neben der Fachkompetenz, die wir Ihnen vermitteln, auch die Wertschätzung eines jeden Menschen mit auf den Weg geben können," sagte Schulleiterin Susanne Galla in ihrer Begrüßung an die Jugendlichen gewandt. Denn: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir."

Info: EXIT-Deutschland

EXIT-Deutschland‹ arbeitet politisch und fachlich überparteilich und unabhängig von staatlichen Stellen und Polizei, Verfassungsschutz und Justiz. Informationen werden an keine Stelle weitergegeben. ›EXIT‹ arbeitet auch nicht im Auftrag derartiger Behörden. Der Umgang mit Informationen ist absolut diskret", heißt es auf der Homepage der Initative. Über ihre Geschichten, wollen die Mitglieder persönliche Irrtümer und deren Folgen aufzeigen. Im Rahmen des Aktionskreises publizieren sie, halten Vorträge in Schulen oder der Öffentlichkeit und beraten bei Fragen und Problemen. Manuel Bauer hat seine Biografie geschrieben: "Unter Staatsfeinden: Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene"

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