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Oberndorf a. N. Altenpflege wird zum Albtraum

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Dürr hätte sich gern mehr Zeit für die Bewohner genommen, doch die Personalknappheit ließ das nicht zu. Foto: pixabay

Oberndorf/Sulz - Es war ihr absoluter Traumjob, bis er sie krank machte: Ramona Dürr (22) aus Hochmössingen berichtet von ihren Erfahrungen als Altenpflegerin und deckt damit schockierende Umstände auf.

Ramona Dürr geht es jeden Tag besser. Seit sie die Ausbildung abgebrochen hat, ist es, als hätte man ihr ein großes Gewicht von der Brust genommen. Denn eins ist für sie klar: Auch wenn die Altenpflege ihr Traumberuf, ja, ihre Berufung war, will sie in diesem Bereich nicht mehr arbeiten.

Dass ein Pflegeberuf kein Zuckerschlecken ist, das ist bekannt, doch was Ramona Dürr schildert, geht über normale Arbeitsbelastung hinaus. Von psychischem Druck ist die Rede, Arbeit bis zum Zusammenbruch und einem Arbeitsklima, das jegliche Motivation zerstört. Der Pflegeberuf macht krank? Das kann sie sofort unterschreiben.

Dass Pflegekräfte fehlen, wundert Dürr nicht. Dabei sei die Arbeit an sich so erfüllend, meint die 22-Jährige. Der Umgang mit alten Menschen, Gutes zu tun und so viel Liebe zurückzubekommen, habe sie dazu motiviert, Altenpflegerin zu werden. Gern hätte sie ihre Ausbildung zu Ende gebracht – "das Ende fiel schwer" –, doch ihr Körper zwang die 22-Jährige dazu, die Reißleine zu ziehen.

Dürr erinnert sich noch an die Anfänge ihrer Ausbildung. "In der Pflege bekommt man die Hierarchie unter den Kollegen deutlich zu spüren", weiß sie. Die 22-Jährige begann ihre Ausbildung vor gut zwei Jahren in einer Altenpflegeeinrichtung im Großraum Sulz.

Mit der Hygiene wird es nicht genau genommen

Gut 55 ältere Menschen gab es zu betreuen. Wenn die Laune der Kollegen im Keller war, bedeutete das für Dürr, die auf der gerontopsychiatrischen Station eingeteilt war, also mit dementen Menschen arbeitete, einen Horrortag.

Während sie sich Mühe gegeben habe, dass der Laden läuft, wurde sie von den Fachkräften schikaniert, während diese bewusst Regeln brachen. Das begann schon beim Thema Hygiene. Pro Station waren etwa 13 Bewohner zu betreuen, oftmals gab es dafür nur eine Pflegekraft. Dürr als Azubi oblag es, als Springer auf jeder Station auszuhelfen.

Mehrmals habe sie mitbekommen, wie Pflegekräfte sich aus Zeitgründen nicht die Mühe machten, Handschuhe anzuziehen, nicht einmal bei Tätigkeiten wie der Einführung eines Zäpfchens. Auch mit der Arbeitskleidung wurde es nicht so genau genommen. Manche Kräfte seien mit Flipflops herumgelaufen, während die Azubis bei der kleinsten Unachtsamkeit zur Pflegedienstleitung zitiert wurden.

Zudem bekam Dürr Ärger, wenn sie sich zu lange mit Bewohnern beschäftigte. Ihr sei auf der Schule beigebracht worden, man solle den Bewohnern möglichst wenig abnehmen, damit sie Tätigkeiten wie das Waschen des Gesichts nicht verlernen. "Bei manchen Bewohnern dauerte das nunmal eine Viertelstunde", erzählt Dürr.

Oft sei sie so unter Zeitdruck gesetzt worden, dass sie dazu gezwungen war, nur Gesicht und Intimbereich zu waschen anstatt auch die obligatorische Mundreinigung und die Hautuntersuchung durchzuführen. "Alles ging auf Zeit, wie am Laufband. Es gab keine Zeit für Gespräche oder Ähnliches", schildert Dürr. Das habe sie oft bis in die Nacht beschäftigt. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Die ganze Situation war sehr belastend."

Anleitung oder Hilfe bei der Arbeit gab es so gut wie keine, schildert Dürr. Zwei Tage wurde sie eingelernt, dann musste sie funktionieren unter von Personalmangel frustrierten und vom Stress geplagten Fachkräften, die aus ihrem Ärger über den Job keinen Hehl machten, so erzählt sie.

Respektloser Umgang mit den Bewohnern

Doch mehr als der Umgang mit ihr schockierte die junge Frau der Umgang mit den Bewohnern der Einrichtung. Auf der Station habe es einen Parkinson-Patienten gegeben, dessen Krankheit so stark ausgeprägt gewesen sei, dass er Nahrung nicht mehr richtig zu sich nehmen konnte. "Wenn es nicht geklappt hat, haben die Kräfte ihm manchmal das Essen weggenommen, obwohl dieser Geschmack noch das einzige bisschen Lebensqualität war, was ihm geblieben ist", berichtet Dürr. "Damals als Auszubildende habe ich mich natürlich nicht getraut zu sagen: ›Geht’s eigentlich noch?‹."

Ein anderes Mal habe sie mitbekommen, wie eine Pflegerin Patienten den Stinkefinger gezeigt und sie sogar angeschrien habe. Respektloser Umgang war an der Tagesordnung, weiß die 22-Jährige.

Hinzu kam Psychoterror aufgrund des Personalmangels. Als Dürr erkältet war, kam sie trotzdem zur Arbeit, weil sie Druck von Kollegen bekam, die sie als "unkollegial" beschimpften. "Ich hatte Angst, mich krank zu melden", erzählt Dürr.

Zu den psychischen Beschwerden kamen körperliche. Weil es zu wenig Personenlifter gab, musste Dürr Patienten oft selbst aus dem Bett hieven. Die Folge waren starke Rückenschmerzen. "Ich arbeitete nur noch unter Schmerztabletten", sagt Dürr. Ständige Wechselschichten taten ihr Übriges. "Ich zog mich zurück und wurde schlecht gelaunt", erinnert sich Dürr.

Die Arbeit begann Stück für Stück, die Hochmössingerin krank zu machen. Jeden Tag ging sie mit Bauchschmerzen zur Arbeit. "Es gab Tage, an denen ich auf die Toilette gehen und mich ausweinen musste", gibt die 22-Jährige zu. Wenn sie nicht schnell arbeitete, bekam sie auch noch den Unmut der Bewohner ab. "Ich wurde kraftlos, bekam Schlafstörungen. Ich konnte nur noch mit Medikamenten schlafen", sagt sie.

Im März bricht die 22-Jährige zusammen

An einem Tag im März geschah es dann. Ramona Dürr hatte sich aufgrund von Magenschmerzen krank gemeldet, und auch diesmal blieb der Psychoterror auf Seiten der Kollegen nicht aus. Dürr wurde schlecht, dann wurden ihre Beine taub. Alle Muskeln verkrampften, die 22-Jährige konnte nicht mehr sprechen, rang nach Luft.

Der Notarzt brachte sie ins Krankenhaus, diagnostizierte einen psychosomatischen Belastungsanfall. "Das war ein eindrückliches Erlebnis", sagt Dürr. Seitdem fiel sie immer wieder krankheitsbedingt aus. Diagnose: Burn-Out.

Sie bekam Antidepressiva und reichte ihre Kündigung ein, befreite sich aus dem Würgegriff der Arbeit. Eine schwere Entscheidung, die absolut nötig war, weiß die 22-Jährige. Eine Mail des Vaters an die Pflegedienstleitung des Ausbildungsbetriebs blieb bis heute unbeantwortet.

Eine Befragung des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigt, dass Dürr kein Einzellfall ist. So sind die Fehltage wegen Arbeitsunfähigkeit besonders in der Altenpflege alarmierend, liegen weit über dem Bundesschnitt. Mit 24,1 Ausfalltagen im Schnitt pro Beschäftiger im Jahr lässt die Altenpflege damit die Krankenpflege (19,3 Tage) und den Bundesschnitt (16,1 Tage) weit hinter sich.

Was Dürr schon weiß, hat auch die BKK herausgefunden: Der Hauptgrund für die Fehlzeiten sind oft psychische Störungen. "Mehr Pflegestellen zu schaffen, ist gut, aber wichtiger ist es, die beruflichen Bedingungen zu verbessern", reagiert Dürr auf die Worte von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). 8000 neue Pflegestellen sollen demnach entstehen. "Man muss sich fragen, warum die Kräfte fehlen", meint Dürr. Sie weiß, wieso.

Fachkräfte machen ihrer Frustration Luft

Dass Schikane nicht nur in ihrer Ausbildungseinrichtung an der Tagesordnung war, merkte Dürr, als sie ein Praktikum in einer anderen Einrichtung im Raum Sulz machte. "Wir hatten einen Patienten, der sich immer eingestuhlt hat, psychisch aber noch in guter Verfassung war", erzählt Dürr. Eine Pflegefachkraft habe ihn gesäubert und sich dabei lautstark beschwert, dass er sich jeden Tag "vollmache". Der 22-Jährigen habe sie den Rat gegeben: "Schau, dass du was Richtiges wirst". Schockierend für die 22-Jährige, die auch mitbekommen hat, wie Praktikanten auf diese Weise vergrault wurden. "Wenn man den Beruf attraktiv rübergebracht hätte, würden Azubis und Praktikanten gern da arbeiten", ist sich Dürr sicher.

Dass sie kein Einzelfall ist, weiß Dürr auch durch Kollegen und Mitschüler. Von mehr als 20 Auszubildenden in ihrer Klasse seien nur noch sieben übrig. Von depressiven Verstimmungen ist die Rede und unglaublichem psychischen Druck. "70 Prozent meiner Krankheit war durch die Psyche bedingt", ist sich die Hochmössingerin sicher. Doch von den Verantwortlichen gebe es nur Unverständnis und das Gefühl, Dürr übertreibe.

"Ich bedaure, dass ich erst jetzt den Mund aufmache", meint Dürr. Sie wird im sozialen Bereich bleiben, fängt demnächst ein Studium der sozialen Arbeit an. Ihr geht es wieder gut, doch nur, weil sie mutig genug war, den großen Schritt zu wagen und dem Terror ein Ende zu setzen. "Altenpflege war immer mein Traumjob – bis es sich zum Albtraum entwickelte."

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