Siemens und Continental geben Oberleitungs-Lkw eine Chance. Die Unternehmen kooperieren bei der Entwicklung und Fertigung von Stromabnehmern für Lkw.
München - Eine ungewöhnliche Vorstellung: Über Tausende Kilometer hinweg sind über Autobahnen in Deutschland Stromleitungen gespannt. An sie koppeln Lkw mit einem Stromabnehmer an und beziehen so Energie aus der Oberleitung. Wenn es nach Siemens und Continental geht, soll diese Vorstellung nach der Bundestagswahl im großen Stil Realität werden. Beide Dax-Konzerne kooperieren nun bei Oberleitungs-Lkw, um zeitnah mit den Serienfertigungen beginnen zu können. Die Stromabnehmer für Lastwagen will Continental entwickeln und produzieren. Beim Bau der Oberleitungen steht die Zugsparte von Siemens parat. „Wir übertragen das Prinzip der Bahnelektrifizierung auf die Straße“, sagt Christoph Falk-Gierlinger, Chef der Conti-Tochter CES. Das Unternehmen kooperiert nun mit Siemens Mobility, das diese Technologie bereits seit einigen Jahren entwickelt.
Drei Teststrecken in Deutschland
Derzeit gibt es in Deutschland drei Teststrecken in Hessen und Schleswig-Holstein sowie in Baden-Württemberg. Die sogenannten eHighway-Feldversuche werden von den Bundesministerien für Umwelt und Verkehr unterstützt. Größere Pilotanlagen sind bis 2023 geplant. Doch Siemens und Continental wollen mehr: Ziel sei es, das Lkw-Oberleitungssystem flächendeckend in ganz Europa zur Verfügung zu stellen.
Die Stromtrassen sollen dafür sorgen, dass Elektro-Lkw elektrisch fahren und dabei ihre Batterien laden können. Dazu muss zwar nicht das ganze Autobahnnetz in Deutschland mit seinen 13 200 Kilometern Länge mit Stromleitungen überspannt werden, aber mit rund 4 000 Kilometern immerhin mehr als ein Drittel. Die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität, eine Initiative des Bundesverkehrsministeriums, empfiehlt ein Drittel des Autobahnnetzes bis 2030 zu elektrifizieren. Denn etwa zwei Drittel des Kraftstoffverbrauchs im Lkw-Fernverkehr auf deutschen Autobahnen entfallen auf die meistbefahrenen 4000 Kilometer. Könne man dort gezielt Diesel-Lkw durch Elektro-Fahrzeuge ersetzen, könne ein großer Beitrag zum Klimaschutz erreicht werden.
Die Emissionen verringern
„Beim Kampf gegen den Klimawandel spielt der Straßengüterverkehr eine zentrale Rolle“, sagt der Chef der Siemens-Bahnsparte, Michael Peter. In Deutschland verursache der Straßengüterverkehr ein Drittel aller Emissionen des Klimakillers Kohlendioxid im gesamten Verkehrssektor. Mit dem eHighway habe Siemens bereits heute eine einsatzreife Technologie für einen kostengünstigen und emissionsfreien Lkw-Verkehr.
Das sehen nicht alle so, vor allem nicht beim Stuttgarter Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck. „Die Oberleitungstechnologie ist ausgemachter Blödsinn und Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen“, urteilte dessen Chef Martin Daum bereits im vergangenen Herbst. Man plane deshalb keinen Oberleitungs-Lkw. Die Positionen von Daimler Truck zu diesem Thema hätten sich seitdem nicht verändert, erklärt das Unternehmen.
Daimler setzt auf den Strom-Laster
Die Stuttgarter sind überzeugt, ihren Strom-Laster E-Actros schon bald so weit zu haben, dass zusätzliche Stromleitungen zum Aufladen während der Fahrt überflüssig sind. Dies sollen Batterien mit einer immer größeren Reichweite sowie die Brennstoffzellentechnik ermöglichen. 2024 will Daimler einen fernverkehrstauglichen Elektrobrummi haben, der weit flexibler sei als an Oberleitungsstrecken gebundene Fahrzeuge, die bei Streckensperrungen durch Baustellen oder Unfälle vor einem Problem stehen.
Andere in der Lkw-Branche glauben jedoch an die Oberleitungstechnik. „Scania testet seit Mitte 2020 in Deutschland auch Oberleitungs-Lkw und hat dabei positive Erfahrungen gesammelt“, heißt es bei VW-Tochter Traton, zu der die Lkw-Marken Scania, MAN und VW do Brasil zählen. Die VW-Nutzfahrzeug-Holding ist mit einer Testflotte von mittlerweile 22 Lastern an den laufenden Siemens-Tests beteiligt und sieht die Oberleitungstechnik beim elektrischen Fahren als praktikable Ergänzung.
Auch Continental ist zuversichtlich, dass Nutzfahrzeughersteller mit Stromabnehmer bestückte Lkw bauen. „Aktuell sind wir mit einigen Kunden in Kontakt“, erklärt CES. Namen würden wegen Geheimhaltungsvereinbarungen allerdings nicht genannt.
Klar ist aber, dass der Startschuss für die Oberleitungstechnik nur von der Politik gegeben werden kann, und zwar mit Blick auf transeuropäische Lkw-Verkehre. In Europa gebe es aber bislang keine Absprachen zum Bau einer grenzüberschreitenden Infrastruktur, sagt der Verband der Automobilindustrie. Bei Investitionskosten von zwei bis vier Millionen Euro je Kilometer Autobahn käme das zudem kostspielig. Acht bis 16 Milliarden Euro wären es so gerechnet für 4000 Autobahnkilometer in Deutschland und ein Vielfaches in EU-Dimension.