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Oberes Enztal Mögliches Territorium für ganzes Wolfsrudel

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In der Nacht zum 22. August wurde dieses Foto der Kategorie C3 im Grenzbereich zwischen Touristengebiet und Naturschutzgebiet aufgenommen. Foto: Riehle

Oberes Enztal - Wer aus dem Kreis Calw oder Enzkreis kommt und einen lebendigen Luchs live erleben möchte, muss mindestens nach Pforzheim in den Wildpark fahren. Für Wölfe sind weitere Strecken erforderlich.

Diese können in Natura im "Wildparadies" beim Freizeitpark Tripsdrill oder im "Alternativen Bärenpark Schwarzwald" in Bad Rippoldsau-Schapbach beobachtet werden.

In freier Wildbahn wird selbst ein Jäger oder Förster die beiden Wildtiere eher nicht zu Gesicht bekommen, obwohl diese zwischenzeitlich auch im Nordschwarzwald nachgewiesen wurden. Zwei einzelne Exemplare sind sogar als resident (sesshaft) erklärt worden. Es handelt sich dabei um den GW852m, der im Nördlichen Schwarzwald unterwegs ist, sowie den GW1129m, der seit November 2019 regelmäßig den Südschwarzwald durchstreift.

Beide stammen von einem Rudel in Schneverdingen in Niedersachsen ab und sind in den Schwarzwald eingewandert. "Wir hatten am 29. April 2018 eine regelrechte Zäsur, als der GW852m bei Bad Wildbad eine Schafsherde angegriffen hat und über 40 Tiere zu Tode kamen", berichtet Bernhard Brenneis, Wildtierbeauftragter für den Enzkreis. Bereits im November 2017 gab es einen Nutztierriss in Bad Wildbad-Meistern mit einem ersten genetischen Nachweis zum selben Rüden und auch danach weitere C1-Hinweise (siehe Kasten). Da die Herde nicht ausreichend geschützt war, kam es jedoch zu diesem massiven Übergriff beziehungsweise Verlust für den Weidetierhalter.

Deutlich erweitert

Am 25. Mai 2018 wurde laut Brenneis der Wolf GW852m offiziell als resident erklärt und damit die Grundlage geschaffen für eine finanzielle Förderung bei der Anschaffung wolfsabweisender Herdenschutzmaßnahmen durch Weidetierhalter in einem definierten "Fördergebiet Wolfsprävention" innerhalb eines Radius’ von 30 Kilometern.

"Als auch der zweite Wolf GW1129m im Juni 2020 für sesshaft erklärt wurde, wurde das Fördergebiet nochmals deutlich erweitert zum Naturraum Schwarzwald", so Brenneis. Schutzmaßnahmen wie Zäune, Geräte zur Erdung oder Herdenhunde werden seither zu 100 Prozent bezuschusst. Für Herdentiere, die trotz Einhaltung der vorgeschriebenen Maßnahmen gerissen werden, wird eine entsprechende Entschädigung gezahlt, führt der Wildtierbeauftragte aus.

Umgekehrt sei der im Nordschwarzwald heimisch gewordene GW852m aber auch noch nirgends in eine gut geschützte Herde eingedrungen. "Damit würde er sich auch keinen Gefallen tun", meint Andreas Wacker. "Eine größere Verletzung wäre sein Todesurteil, zumal er dann alleine nicht mehr jagen kann", so der im Stadtwald Bad Wildbad für den Sommerberg zuständige Revierförster.

Auch der im Nordschwarzwald, insbesondere im Murgtal umherstreifende, aus der Schweiz stammende und mit einem Sender ausgestattete Luchs "Toni" hat nach den Angaben der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg noch keinen Schaden bei Weidetierhaltern angerichtet.

105 Wolfsrudel sind laut Brenneis derzeit in Deutschland erfasst, davon allein 41 in Brandenburg. "Junge Wölfe müssen weiterziehen, sie drücken daher vom bereits stark besiedelten Norden in den Süden", meint Brenneis, der von einem "Habitatgeneralisten" spricht. Das bedeutet, dass für den Wolf fast die gesamte deutsche Kulturlandschaft nutzbar ist und er sich zunehmend an den Menschen gewöhne, wie insbesondere auch jüngere Studien aufzeigten. "Er besiedelt heute auch reine Agrarlandschaften und brauche den Wald nur als Rückzugsgebiet und für die Aufzucht seiner Jungen", erläutert Brenneis.

Im Naturraum Schwarzwald benötige der Wolf ein Revier von rund 200 Quadratkilometer, da er hier genügend Nahrung finde. Auch das Gebiet um Eiberg, Sommerberg, Kaltenbronn, Enzklösterle und Eyachtal scheint als mögliches Territorium, auch für ein ganzes Wolfsrudel, gute Voraussetzungen mitzubringen. Der jüngste Nachweis, allerdings von der FVA nur in der Kategorie C3 eingestuft, stammt aus einer Fotofalle von Jagdpächter Wolfram Riehle und zeigt – so zumindest seiner Ansicht nach – die Aufnahme eines Wolfs auf dem Sommerberg. "An einem guten Tag sind dort bis zu 10 000 Leute unterwegs, doch findet der Wolf hier auch einen dichten Wildbestand vor", beschreibt Förster Wacker die Situation, bei der das eine – sprich touristische Nutzung des Waldes – das andere – nämlich Lebensraum für den Wolf – nicht ausschließt. Jedenfalls werde das Raubtier nicht von menschlichen Hinterlassenschaften, wie etwa Abfällen, angelockt. Das interessiere eher den Fuchs, wobei fehlende Behälter auf dem Sommerberg die Besucher dazu anhielten, ihren Abfall mitzunehmen, was laut Wacker dank einer gewissen Selbstkontrolle auch gut funktioniere.

Neue Lebensräume

Die lokale Frage stellt sich auch Rudi Suchant vom Wildinstitut der FVA nicht. "Wölfe haben große Streifgebiete und sind im gesamten Nordschwarzwald unterwegs, was mit dem Jagdverhalten zusammenhängt", so Suchant. "Sobald er in einem bestimmten Bereich ein Tier erbeutet, sind die übrigen Beutetiere in der Regel vorgewarnt und verhalten sich entsprechend. Um weiterhin effizient jagen zu können, muss der Wolf daher weiter ziehen", erläutert er. "Als Beutegreifer nimmt sich der Wolf, was am leichtesten zu jagen ist und legt dafür auch mal 50 bis 60 Kilometer in einer Nacht zurück", so Suchant weiter. Im Gegensatz zum Luchs könne der Wolf eine Zeit lang ganz gut alleine leben. Käme allerdings ein Weibchen in seine Nähe, würde er das auch finden, meint Suchant, der davon ausgeht, dass es im Schwarzwald zu einer Rudelbildung kommen wird. Junge männliche Luchse würden auch relativ weit in neue Lebensräume vorstoßen, kehrten aber zur Ranzzeit in die heimatlichen Gefilde zurück, sofern sie dort kein Weibchen finden. Während der sprichwörtliche "einsame Wolf" gut mit dem Alleinsein zurechtkomme, benötige die Katzenart Luchs sozialen Anschluss und entwickle während der Ranzzeit einen starken sexuellen Trieb, gibt Suchant zu verstehen.

Luchs und Wolf sind laut Brenneis keine Nahrungskonkurrenten, zumal Luchse nicht im Rudel leben beziehungsweise jagen, sondern als Ansitzjäger auf Beute aus sind. "Es sind die Menschen, die den Wildtieren ihren Platz wegnehmen" und angesichts der aktuellen dynamischen Entwicklung und großen Potenziale im Hinblick auf eine Rudelbildung, gelte es schon jetzt, entsprechende Vorbereitungen zu treffen, betont er. "Der Mensch ist für den Wolf kein Beutetier, sondern ein notwendiges Übel, dem er so gut es geht ausweicht", so der Experte. "Umgekehrt müssen wir die Sorgen und Nöte der Herdenhalter ernst nehmen und sie laufend informieren und aufklären, sind doch deren Ziegen und Schafe wichtig für die Offenhaltung der Kulturlandschaft, den Erhalt des Grünlandes und die Biodiversität im Nordschwarzwald", beschreibt er seine Herausforderungen als Wildtierbeauftragter.

In den in der Förderkulisse liegenden Enzkreisgemeinden Straubenhardt und Neuenbürg gibt es laut Walter Horlacher vom Veterinäramt 60 Tierhalter mit rund 500 Ziegen und Schafen. Bei der Abteilung Verbraucherschutz und Veterinärdienst im Landratsamt Calw sind knapp 200 Schafhalter mit rund 10.500 Schafen und circa 170 Ziegenhalter mit rund 1300 Ziegen gemeldet. Laut Pressesprecherin Anja Reinhardt handelt es sich aber in vielen Fällen um eine hobbymäßige Tierhaltung mit eher kleinen Beständen, die nicht dem Bestreiten des Lebensunterhalts dient. Neben den Schafen und Ziegen gibt es im Landkreis Calw auch rund 3000 Rinder und 1500 Pferde, die regelmäßig auf der Weide gehalten werden. "In Zusammenarbeit mit der forstlichen Versuchsanstalt Freiburg beraten die Kollegen aus der Abteilung Landwirtschaft und Naturschutz im Landratsamt Calw die Weidetierhalter vor Ort und geben telefonisch und praktisch Hilfestellung bei der Abwicklung der Förderanträge zur Wolfsprävention", informiert Reinhardt.

Europaweit werden für ein standardisiertes Monitoring der großen Beutegreifer die sogenannten SCALP-Kriterien verwendet. Sie teilt Meldungen nach deren Überprüfbarkeit in drei Kategorien ein. C1 bedeutet dabei eindeutige Nachweise wie Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis, Foto/Video oder Telemetrieortung. Zu Kategorie C2 gehören durch eine erfahrene Person bestätigte Ereignisse wie Risse oder Spuren mit starkem Wolfsverdacht. Ereignisse, die nicht überprüft wurden beziehungsweise in der Regel nicht überprüfbar sind (zum Beispiel Beobachtungen, Rufe) fallen unter Kategorie C3.

Zuletzt wurde Wolf GW852m im April in Enzklösterle eindeutig nachgewiesen. Weitere C1-Nachweise gab es im Juli in Baiersbronn und Gernsbach, die Foto- oder Filmaufnahmen lassen jedoch keine Individualisierung zu.

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