Das neue Krankenhaus soll im Frühjahr öffnen. Foto: Thomas Fritsch

Die Hesse-Bahn, das neue Krankenhaus und vieles mehr sollen 2026 ihren Bestimmungen übergeben werden. Calws Oberbürgermeister freut sich. Doch es warten auch Herausforderungen.

Die angespannte Finanzlage wird Calw – wie die meisten Kommunen – auch 2026 weiter begleiten. Ansonsten blickt Oberbürgermeister Florian Kling recht optimistisch auf das Kommende. Wenngleich manches herausfordernd bleibe.

 

Im Interview spricht Kling über einen Umgangston, der rauer geworden ist, unbequeme Entscheidungen und warum es in seinen Augen wichtig ist, Fördermöglichkeiten zu nutzen, wenn sie sich bieten.

Ganz allgemein gefragt: War 2025 ein gutes Jahr für Ihre Stadt? Und warum oder warum nicht?

2025 war für Calw ein sehr intensives, aber insgesamt sehr gutes Jahr. Neben dem Stadtjubiläum wirken vor allem die Infrastrukturprojekte und Baumaßnahmen lange nach und wirken in die Zukunft. In der Bildungslandschaft haben wir riesige Schritte nach vorn gemacht: Die Sanierung der Heinrich-Immanuel-Perrot-Realschule und der Grundschule Altburg wurden abgeschlossen und die Wimbergschule konnte in neue Räume einziehen, so dass auch die Waldorfschule ein neues Zuhause auf dem Wimberg finden konnte. Ein besonderer Moment für mich war das grüne Licht bei den Genehmigungen für die Hermann-Hesse-Bahn und die Übernahme der neuen Löschfahrzeuge TLF-3000 für die Freiwillige Feuerwehr in Altburg und Stammheim.

Was war 2025 der wichtigste Meilenstein für Ihre Stadt?

Wir haben mit der gesamten Stadt unser 950. Jubiläum gefeiert. Das Riesenrad zum Stadtfest, die Konzerte und Disco am Brühl, der Festumzug mit vielen Blaskapellen und unseren Partnerstädten, das Bahnhofsfest oder das Hesse-Bahn-Theater werden sicherlich vielen Menschen noch lange in Erinnerung bleiben. Es war ein Jahr voller Erlebnisse und Höhepunkte. Auch musikalisch hatte das Jahr mit dem Landeswettbewerb Jugend Musiziert in Calw, 125 Jahre Liederkranz Holzbronn, Beethovens 9. Symphonie in der Stadtkirche, dem Jubiläumskonzert der Stadtkapelle (360 Jahre) und dem Weihnachtskonzert der Calwer Chöre unglaublich viel zu bieten.

Welches Projekt wird für Ihre Stadt 2026 das wichtigste sein?

2026 wird vor allem ein Jahr der Einweihungen und Eröffnungen. Am Ende entscheiden die Bürger selbst, ob Ihnen der neue Stadtgarten mit Rutschen, die Begrünung am Unteren Ledereck, die sanierte Gemeindehalle in Stammheim, der neue Kindergarten mit Gemeindehaus in Hirsau, der Naturkindergarten in Alzenberg, der Radweg nach Wimberg oder das renaturierte Nagoldufer im Walkmühlenweg am meisten Freude bereitet. Für die Zentrumsfunktion der Großen Kreisstadt und den gesamten Mittelbereich werden sicherlich die Hermann-Hesse-Bahn und der neue Gesundheitscampus mit Krankenhaus die größte Bedeutung haben.

Was wird 2026 die größte Herausforderung für Ihre Stadt?

Die größten Herausforderungen sind jene, die wir nicht vorhersehen und auf die wir uns nicht vorbereiten können – und wir leben bekanntlich in bewegten Zeiten. Bis dahin wird größte Herausforderung 2026 unsere angespannte Finanzlage bleiben. Wir müssen also mit sehr begrenzten Mitteln das Beste für Calw herausholen. Dieser Balanceakt – sparen und priorisieren, ohne die Stadtentwicklung abzuwürgen – wird uns 2026 ständig begleiten. Konkret bedeutet das, diverse Projekte und Wünsche gegeneinander abzuwägen und mit wenig Geld möglichst viel zu bewirken. Das ist uns meines Erachtens bisher sehr gut gelungen.

Auf dem Weg zur Hesse-Bahn musste 2025 noch etliches erledigt werden. Ende Januar wird sie nun offiziell eingeweiht. Foto: Karl Ulrich Schneider

Ende Januar 2026 steht die erste Fahrt der Hesse-Bahn an. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Das Projekt begleitet mich schon seit meinem Amtsantritt, und sein Erfolg ist mir persönlich wie beruflich sehr wichtig. Als Stadt sind wir wesentlich am Zweckverband beteiligt, und im vergangenen Jahr verging keine Woche, wo wir nicht im Verwaltungsrat oder Zweckverband die politische Steuerung des Projektes eng begleiten mussten. Für mich persönlich ist es eine selbst erfahrene Verbesserung der Mobilität und Freiheit. Als Kind habe ich am aufgegebenen Bahndamm gespielt, Lager gebaut und Tunnel erkundet, aber die eingeschränkte Mobilität in meiner Jugend in Richtung Stuttgart und Weil der Stadt musste meist das Mama-Taxi ausgleichen. Für viele Pendler, Schüler und Touristen entsteht damit eine wesentliche Verbesserung, auf die ich mich sehr freue.

Der Job des Bürgermeisters scheint in den vergangenen Jahren immer härter geworden zu sein – mit allen negativen Konsequenzen. Auch im Kreis Calw ist das zu spüren. Was macht Ihnen beruflich am meisten zu schaffen? Und was müsste sich ändern, um das zu verbessern?

Die Fülle an Themen, Terminen und Entscheidungen, die jeden Tag auf den Tisch kommen, ist enorm. Man trägt Verantwortung für Bereiche von A wie Abfall bis Z wie Zukunftsplanung – und alles ist wichtig. Diese ständige Verfügbarkeit und Entscheidungsdichte ist herausfordernd. Zudem hat sich das Klima in den vergangenen Jahren spürbar verändert: Der Ton ist rauer geworden. Kritik und kontroverse Diskussionen gehören zwar zur Demokratie dazu, aber inzwischen schlagen sie leider auch in persönliche Anfeindungen um. Das nimmt einem manchmal die Leichtigkeit in der Amtsführung. Wenn Land und Bund uns finanziell und gesetzlich entlasten würden, wäre schon viel gewonnen und der Druck auf dem Kessel würde sinken. Zweitens würde ich mir wünschen, dass im Umgang miteinander wieder mehr Respekt und Geduld einkehren. Alle Beteiligten, also Bürger, Gemeinderat und Verwaltung haben dasselbe Ziel, nämlich unsere Stadt voranzubringen. Wenn wir uns das bewusst machen, könnten wir sachlicher diskutieren. Innerhalb des Gemeinderates nehme ich das Miteinander sehr positiv wahr – sonst hätten wir in den vergangenen Jahren nicht gemeinsam so viel erreicht.

Egal ob Windräder, Baugebiete oder Mobilfunkmast - immer öfter bildet sich organisierter Widerstand gegen größere Projekte in der Nachbarschaft. Halten Sie das für legitim? Oder greift hier eher das Sankt-Florian-Prinzip, das im englischsprachigen Raum auch als „not in my backyard“ („nicht in meinem Hinterhof“) bekannt ist?

Es ist gut, wenn sich Anwohner einmischen, Fragen stellen und auch Kritik üben – schließlich können wir Projekte oft verbessern, indem wir lokale Bedenken berücksichtigen. Wir können aber nicht alle notwendigen Vorhaben aufschieben, nur weil es irgendwo Protest gibt. Unsere Aufgabe ist es, abzuwägen: Wo sind Einwände berechtigt und verlangen Anpassungen? Und wo müssen wir – nach gründlicher Information und Beteiligung – auch mal unbequeme Entscheidungen treffen, weil sie dem Wohl der Gesamtstadt dienen? Einer Stadt kann es nicht gut gehen, wenn jeder nur „Nein“ zu allem in der Nachbarschaft sagt.

Die Finanzlage der Kommunen ist schlecht, überall muss gespart werden. Zurückstecken will natürlich niemand. Ist die Erwartungshaltung der Bürger in dieser Situation realistisch?

Viele Bürger verstehen inzwischen, dass wir uns nicht mehr jeden Wunsch erfüllen können. Sie sehen ja selbst, wie überall gespart werden muss – vom Bund bis zur Kommune. Jeder wünscht sich, dass gerade das eigene Anliegen Priorität hat. Das führt zwangsläufig zu Zielkonflikten. Realistisch werden die Erwartungen immer dann, wenn man ehrlich miteinander über die finanziellen Spielräume spricht. Dann suchen wir gemeinsam nach Lösungen. So haben wir in diesem Jahr beispielsweise eine Machbarkeitsstudie für ein Hallenbad beauftragt, damit wir vorbereitet sind, wenn sich Förderspielräume auftun. Es war von Anfang an klar, dass wir nicht sofort mit dem Bau loslegen können und dass aktuell keine Finanzierung da ist. Leider verstehen nicht immer alle, dass wir als Stadt Förderungen als Chance begreifen und manchmal Projekte vorziehen müssen, weil wir mit der Förderung unsere Investitionen potenzieren können, um insgesamt mehr für Calw zu erreichen. Da wird dann oft schnell die Kritik laut, dass es ja wohl wirklich Wichtigeres gibt. Nach unserer wahrgenommen Wichtigkeit legt aber in Berlin oder Stuttgart niemand Förderprogramme auf.

2026 wird der Landtag gewählt. Welchen Wunsch haben Sie an die neue Landesregierung?

Als OB habe ich keine Wünsche an die Landesregierung außer die Erwartung, dass die kommunale Ebene ernst genommen wird.

Und zu guter Letzt noch etwas Persönliches: Was war Ihr schönster Moment 2025?

Am 11. November kam unsere Tochter Pia zur Welt. Für ihre Zukunft und die ihrer Generation lohnt sich die Arbeit an unserer Stadt.