Was will Christian Ruf in Rottweil erreichen? Sieht er seine Erfahrung als amtierender Bürgermeister als Vor- oder als Nachteil? Wir haben nachgefragt.
Rottweil - Das Rennen ist im Gang: Vier Kandidaten wollen mittlerweile Oberbürgermeister in Rottweil werden. Wir stellen alle im großen Interview vor und haken nach: Warum wollen sie den Job machen? Was sind ihre Ziele? Heute im Gespräch: Christian Ruf.
Der Wahlkampf ist angelaufen. Wie sehen denn im Moment Ihre Tage aus?
Mein Terminkalender ist gerade außerordentlich gut gefüllt. Durch den Wahlkampf dürfen meine vielfältigen Aufgaben als Bürgermeister ja nicht zu kurz kommen. Heißt für mich: Reguläre Arbeitstage in der Stadtverwaltung, darüber hinaus interessante Gespräche mit vielen Bürgerinnen und Bürgern auf der Straße, bei Veranstaltungen, mit Unternehmern, Kulturtreibenden, Vereinsvertretern – die Liste ließe sich beliebig fortführen. Der Austausch an Ideen und Anregungen begeistert mich jeden Tag.
Für die Entscheidung, sich als OB zu bewerben, haben Sie sich Zeit genommen. Wie ist der Entschluss gereift und wie waren die Reaktionen darauf aus Ihrem Umfeld?
Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren durchweg positiv mit dem Tenor, dass ein Oberbürgermeister Dr. Christian Ruf für Rottweil eine sehr gute Lösung wäre. Besonders freue ich mich aber über den großen Zuspruch aus allen Kreisen der Bevölkerung und gesellschaftlichen Gruppen. Für die Entscheidung habe ich mir ausreichend Zeit genommen, denn der Entschluss zu einer Kandidatur um das Amt des Oberbürgermeisters ist politisch und persönlich weitreichend. Mit meiner Ausbildung als promovierter Jurist und meiner Erfahrung in der Verwaltungsspitze der Stadt Rottweil bringe ich die besten Voraussetzungen mit, um die Anforderungen an einen OB zu erfüllen. Nach gut sechs Jahren als Bürgermeister ist es für mich der richtige Moment, den nächsten Schritt zu machen.
"Ich kenne die großen Aufgaben"
Als Bürgermeister haben Sie auch unpopuläre Entscheidungen den Bürgern gegenüber zu vertreten, sei es nun das Schließen des Aquasols über den Sommer oder die Erhöhung der Kindergartenbeiträge. Ist Ihr Amt im Wahlkampf eher ein Vor- oder ein Nachteil?
Meine bisherige Tätigkeit ist ganz sicher ein Vorteil, weil ich die großen Aufgaben kenne, die wir in Rottweil gemeinsam anpacken müssen. Hier habe ich bereits durch mein Amt, und nicht erst im Wahlkampf, viele Gespräche mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern, Einzelhändlern oder Vertretern der Wirtschaft geführt. Dass zu meinen Aufgaben als Bürgermeister auch gehört, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur populär sind, lässt sich nicht vermeiden. Wichtig ist mir, die jeweilige Entscheidung nachvollziehbar zu begründen und den jeweils betroffenen Menschen zu erklären.
Die Begeisterung nutzen
Simon Busch will zusammen mit Rottweil wachsen, was wollen Sie?
Mir ist wichtig, dass wir unsere schöne Stadt weiter voranbringen. In den vergangenen Jahren haben wir viele Projekte angestoßen – nun geht es darum, diese zum Erfolg zu führen und umzusetzen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite: Rottweil hat unglaublich großes Potenzial, viele Bürgerinnen und Bürger arbeiten sehr engagiert mit. Diese Begeisterung für neue Ideen möchte ich verstärkt nutzen und Anregungen aus der Bevölkerung für weitere Verbesserungen gerne aufnehmen. In vielen Bereichen sind wir auf einem guten Weg, als Stadt unserer Größe sogar Vorreiter. Was gut ist, möchte ich bewahren, und darüber hinaus auch mutig Neues wagen.
Die Ziele für die Zukunft
Wie sind denn Ihre Ziele für die Stadt für die Zukunft? Wo soll’s hingehen?
Vor uns liegen große Aufgaben, die wir gemeinsam bewältigen werden. Dabei sind die Rahmenbedingungen nicht gerade einfach. Nach der Pandemie stehen wir nun vor geopolitischen Herausforderungen. Die Themenvielfalt für Rottweil ist groß – ich möchte dennoch drei besonders wichtige Bereiche hervorheben. Zum einen ist das unsere Innenstadt. Sie muss lebendig sein. Das schließt nicht nur einen florierenden Einzelhandel und ein gutes gastronomisches Angebot ein. Mit Sorge sehe ich den wachsenden Leerstand und schließende Lokale. Gemeinsam mit allen Beteiligten will ich Lösungen finden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Ich sehe die Innenstadt jedoch nicht nur als einen Ort für Besucherinnen und Besucher, sondern auch als einen Ort, an dem man gerne lebt. Denkmalschutz und die Schaffung attraktiven Wohnraums müssen daher besser in Einklang gebracht werden – wir müssen Eigentümer schneller und besser unterstützen. Außerdem müssen wir für mehr Aufenthaltsqualität für alle Altersgruppen sorgen. Dazu gehört auch und vor allem ein funktionierendes Mobilitätskonzept. Deshalb muss die Innenstadt Chefsache werden. Zum anderen müssen wir Klimaschutz künftig aktiv leben. Auch auf lokaler Ebene können und müssen wir unseren Beitrag leisten. Die Stadtverwaltung möchte bis zum Jahr 2040 klimaneutral sein, das dauert mir zu lange. Mein Ziel ist es, dass wir Klimaneutralität bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts erreichen. Dieses Thema wird aber derzeit höchstens punktuell bearbeitet und berücksichtigt. Deshalb ist hier ein deutlich höherer Stellenwert – auch und gerade innerhalb der Verwaltung – unbedingt erforderlich. Außerdem ist mir Bildung und Betreuung eine Herzensangelegenheit. Rottweil hat einen hervorragenden Ruf als Schulstadt. Den dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Weder im baulichen Bereich, wo nach der Sanierung von Eichendorff-Schule, Droste-Hülshoff-Gymnasium und Achert-Schule weitere Aufgaben warten, noch im Bereich der Ausstattung, allen voran bei der Digitalisierung. Bei der Kleinkindbetreuung sind wir grundsätzlich gut aufgestellt. Mit einer Betreuungsquote von rund 63 Prozent der Kinder unter drei Jahren stehen wir, um ein Beispiel zu nennen, sehr gut da. Zentrale Aufgabe ist es jetzt aber, das Angebot noch besser an den sich wandelnden Bedarf der Eltern anzupassen, etwa bei der Ganztagesbetreuung. Auch wenn die Herausforderungen beispielsweise durch den bestehenden Fachkräftemangel immens sind. Gleichzeitig muss Kinderbetreuung für die Eltern bezahlbar sein. Wir dürfen diese wichtige Aufgabe nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel der Kämmerei betrachten.
Die kulturelle Vielfalt ist mehr als beachtlich
Ihre Ideen für Rottweil sind ja auf Ihrer Homepage nachzulesen. Zum Kulturbereich findet man indes nichts. Weil das ein bestelltes Feld ist und alles läuft?
Das kulturelle Angebot in Rottweil ist herausragend. Das unterstreiche ich auch in meinem Wahlprogramm. Meine Aussage dazu ist klar – und so formuliere ich es auch auf meiner Homepage: Die kulturelle Vielfalt in Rottweil ist mehr als beachtlich und entfaltet ihre Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Dies ist nur durch das überragende ehrenamtliche Engagement aus der Bürgerschaft heraus möglich. Deswegen: Auf die finanzielle Unterstützung durch die Stadt können sich die Initiatoren mit mir auch zukünftig verlassen. Jedoch muss die Förderung auch deutlich mehr in die Breite, und nicht nur in die Spitze gehen.
Leite zentrale Bereiche
Mit 39 sind Sie im Moment einer der ältesten unter den Bewerbern. Und Sie nehmen für sich in Anspruch, Erfahrung für den Job des OB mitzubringen. Reichen sechs Jahre als Bürgermeister, um das zu behaupten?
Eine bessere Vorbereitung kann es kaum geben. Seit sechs Jahren leite ich als Bürgermeister zentrale Bereiche in der Stadtverwaltung und trage Verantwortung für mehr als 350 Mitarbeiter. Die Notwendigkeit von kommunaler Verwaltungserfahrung sollte man keinesfalls unterschätzen. Mit gerade einmal 39 Jahren bereits über sechs Jahre Bürgermeister in einer Großen Kreisstadt, das ist durchaus eine Besonderheit. Darüber hinaus lebe ich unsere Stadt, stets mit einem Gespür für die Themen, die die Menschen bewegen.
Ein "Weiter so"?
Wenn der Bürgermeister den OB beerbt… ist das nicht automatisch ein »Weiter so«?
Ganz klares Nein! Die Aufgabenverteilung zwischen OB und Bürgermeister innerhalb der Stadtverwaltung ist klar geregelt. Als Bürgermeister bin ich für bestimmte Themen und Fachgebiete im Rathaus verantwortlich, und auch der Oberbürgermeister hat neben der Gesamtverantwortung seine eigenen Zuständigkeiten. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Bürgermeister und Oberbürgermeister nicht immer einer Meinung sein müssen – und sind. Deshalb stehe ich nicht für ein „Weiter so“, denn das ist keine Kunst. Als Oberbürgermeister werde ich meine eigenen Akzente setzen und gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Entscheidungsträgern unsere Stadt erfolgreich weiterentwickeln.
Kompetenz ist ein Muss
Bürgernah, kompetent, erfahren, kreativ – klingt schön. Sind das die »wohlklingenden Plattitüden« von denen Kai Jehle-Mungenast spricht?
Für mich sind Bürgernähe, Kompetenz, Erfahrung und Kreativität unverzichtbare Voraussetzungen, um ein guter Oberbürgermeister für alle zu sein. Bürgernähe drückt sich für mich dadurch aus, dass ich seit meinem Amtsantritt offen auf die Menschen zugehe, ihnen zuhöre, ihre Wünsche und Ideen für meine Arbeit aufnehme. Kompetenz ist ein absolutes Muss, um eine Stadtverwaltung mit über 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuverlässig führen zu können. Erfahrung ist in meinen Augen wesentlich als Basis für viele Entscheidungen. Und schließlich Kreativität: Ohne Kreativität kein Fortschritt, keine Veränderung – das gilt im kommunalen Bereich genauso wie im ganzen Leben. Genau deshalb sind Bürgernähe, Kompetenz, Erfahrung und Kreativität gerade keine Allgemeinplätze, sondern für mich wesentliche Kriterien meiner Arbeit.
Was wünschen Sie sich für den Wahlkampf? Noch ein paar Bewerber mehr?
In meinen Augen kommt es nicht auf die Anzahl, sondern ganz entscheidend auf die Qualität der Kandidaten an. Deswegen wünsche ich mir, dass sich die Wählerinnen und Wähler ein fundiertes Bild von der Qualifikation, der Erfahrung, der Kompetenz aber auch der Haltung der Bewerber machen können. Daher erwarte ich eine Auseinandersetzung auf sachlicher Ebene, die sich ernsthaft mit den Aufgaben in Rottweil beschäftigt. Damit ist die Kenntnis der Stadt und der aktuellen Herausforderungen unablässig.
Keine Zeit für Lernkurven
Und was wünschen Sie sich für die Zeit nach dem Wahlkampf?
Dass ich als neuer Oberbürgermeister sofort und ohne Einarbeitungszeit gemeinsam mit Bürgerschaft, Gemeinderat und Verwaltung unsere Themen vorantreiben kann. Denn wir haben jetzt – ich denke dabei nicht zuletzt an die Landesgartenschau oder unser Mobilitätskonzept – viele weitreichende Entscheidungen zu treffen und keine Zeit für Lernkurven.