Das Rennen ist im Gang: Drei Kandidaten kämpfen bislang um den Posten des Oberbürgermeisters in Rottweil. Darunter ist auch Kai Jehle-Mungenast.
Rottweil - Wir stellen alle im großen Interview vor und haken nach: Warum wollen sie den Job machen? Was sind ihre Ziele? Heute im Gespräch: Kai Jehle-Mungenast.
Der Wahlkampf ist angelaufen. Wie sehen denn im Moment Ihre Tage aus?
Ich bin täglich in Rottweil unterwegs. Besonders auf die Begegnungen mit den Menschen hier in Rottweil während des Wahlkampfs freue mich sehr. Aktuell spreche ich mit zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern, suche den Dialog und stelle mich den Menschen hier in der Stadt vor. Ich verteile persönlich Flyer an jeder Haustüre und zeige den Bürgerinnen und Bürgern, dass ich für alle Anliegen immer ein offenes Ohr habe. Denn so will ich Rottweil auch die nächsten acht Jahre gestalten: Auf Augenhöhe und im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern.
Wie ist der Entschluss bei Ihnen gereift, sich in Rottweil zu bewerben und wie waren die Reaktionen darauf aus Ihrem Umfeld?
Als Schwarzwälder kenne ich Rottweil schon sehr lange, außerdem stammt die Familie unserer Patenkinder ursprünglich hier her. Zuletzt habe ich den Neubau der Edith-Stein-Schule, die katholischen Fachschule für Sozialpädagogik in Rottweil, als Teil der Gesellschafterversammlung betreut. Daher habe ich schon länger das Gefühl: Rottweil ist eine großartige Stadt, in der man richtig viel bewegen kann. Gleichzeitig hat sie einen unglaublichen Charme – meiner Meinung nach wie kaum eine andere Kommune. Ich glaube jedoch, dass Rottweil hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Das finde ich sehr schade!
Dazu kamen ganz konkrete Fragen und Bitten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis hier aus Rottweil, doch für frischen Wind zu sorgen. Und da ich jetzt ja seit einigen Jahren Erfahrung an der Spitze eines der größten Bezirksrathäuser Stuttgarters sammeln konnte – habe ich mir selbst gesagt – Mensch, Rottweil wäre genau die Stadt, in der meine Familie und ich uns nicht nur wohl fühlen, sondern auch meine Ideen für eine moderne Stadt umsetzen kann.
Nach der Bekanntgabe meiner Kandidatur habe ich unglaublich viele positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten. Auf der anderen Seite aber auch viel Zuspruch aus Stuttgart-Vaihingen, wo ich ja derzeit als hauptamtlicher Bezirksvorsteher tätig bin. Da sind viele traurig darüber, dass ich eventuell bald andernorts Verantwortung übernehmen könnte. Aber so weit sind wir ja noch nicht.
Als bislang einziger Bewerber von außerhalb: Ist das im Wahlkampf eher ein Vor- oder ein Nachteil?
Ich sehe darin einen ganz klaren Vorteil. Ein externer Blick auf die Herausforderungen der Stadt und die Sorge der Menschen hilft wohl eher als dass er schadet. Als Kandidat, der deutlich mehr kennt, als nur die Rottweiler Verwaltung, kann man losgelöst von bestehenden Strukturen einfach auch frischen Wind in die Stadt bringen.
Wie sind denn Ihre Ziele für die Stadt für die Zukunft? Wo soll’s hingehen?
Zukunftsfähig muss Rottweil werden. Ich weiß – dahinter verbirgt sich viel und nichts zugleich. Konkret heißt das für mich, dass wir uns nicht am aktuellen Bestand, sondern am zukünftigen Bedarf orientieren. Besonders deutlich wird das bei der Frage des Mobilitätsverhaltens. Der aktuelle Bestand ist sehr am eigenen Pkw ausgerichtet. Sicher, durch die ländliche Lage Rottweils und der umliegenden Orte wird dieser Bedarf noch länger notwendig sein als in der Stuttgarter Innenstadt. Aber selbst wenn ich zumindest zeitweise auf Alternativen umsteigen wollen würde, es gibt sie nicht in einer Form, die mir das Umsteigen mit einem akzeptablen Aufwand ermöglicht. Ich habe selbst ausprobiert, ob ich im Wahlkampf auf mein Auto verzichten kann. Keine Chance: Beispielsweise berechnet mir Google, von meiner Wohnung in der Hochwaldstraße nach Göllsdorf mit dem Bus 41 Minuten, mit dem Auto 12 Minuten. Zu später Stunde wird es mit dem Bus noch schwieriger, Car- und Bikesharing suchte ich vergeblich. Das gleiche gilt für mich beim Thema Wohnen: Wie schafft man Wohnraum und wie bleibt er bezahlbar. Darauf braucht es konkrete Antworten. Die Liste ist lang. Im Bereich Digitalisierung oder Klimaschutz will ich nicht alles auf die lange Bank schieben und Konzepte für die Schublade entwickeln, sondern einfach anpacken und mal loslegen. Das ist wie beim Frühjahrsputz: nicht ewig drüber nachdenken, sondern einfach mal den Besen in die Hand nehmen.
Ihre Ideen für Rottweil sind ja auch auf Ihrer Homepage nachzulesen. Wie kommen Sie denn darauf, dass das OB-Amt in Rottweil spannend und reizvoll ist?
Reizvoll ist es für mich, weil Rottweil als Stadt mit seinen Ortschaften einfach unglaublich lebendig ist und die Menschen sich mehr als andernorts mit ihrer Heimat identifizieren. Da weiß ich, dass man Freude daran hat, etwas gemeinsam auf den Weg zu bringen und zu verändern. Spannend sind die Herausforderungen und die Möglichkeit, auch wirklich neue Ideen umsetzen können. Und das Kandidaten-Tableau beweist ja, dass das nicht nur ich so sehe.
Sie sind 38 Jahre alt und nehmen für sich in Anspruch, Erfahrung für den Job des OB mitzubringen. Welche Erfahrungen bringen Sie denn mit für den Job?
Ich denke, 20 Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen und Institutionen und vor allem auch in der Verwaltung geben mir das Handwerkszeug, ein Rathaus zu führen. Entscheidend ist aber auch, dass man eine gewisse breit aufgestellte Lebenserfahrung mit sich bringt und das tue ich.
Welcher Partei gehören Sie denn an? Und warum treten Sie dennoch als unabhängiger Bewerber an?
Ich bin seit vielen Jahren in meiner alten Heimat stilles CDU-Mitglied. Eingetreten bin ich seiner Zeit, weil ich ein politisch denkender Mensch bin und in meinem Heimatdorf etwas verändern wollte. Für mich ist aber klar, dass eine Oberbürgermeisterwahl eine Persönlichkeitswahl ist. Da geht es um Vertrauen und innovative Konzepte und Ideen und nicht um Grundsatzprogramme einer Partei.
Wenn Sie von „wohlklingenden Plattitüden“ sprechen? Welche meinen Sie denn damit?
Schauen Sie: die Versprechen von OB-Kandidaten – egal, ob hier in Rottweil oder andernorts – sind meist einfach austauschbar. „Betreuung sicherstellen“ – das ist so ein Beispiel für eine Plattitüde. Wer würde das nicht so pauschal seinen Wählerinnen und Wählern versprechen. Ich trete jedoch als Kandidat an, der nach Möglichkeit auch konkrete Umsetzungsvorschläge macht. Das ist doch das, was die Menschen wissen wollen. Es geht also um die Fragen: „Wie soll denn ein Ziel erreicht werden?“. Und im konkreten Fall muss man eben die Ärmel hochkrempeln und mal ein wenig Mut an den Tag legen, um etwas zu verändern!
Besonders deutlich wird das für mich bei der Entwicklung der Innenstadt, die dringend eine höhere Aufenthaltsqualität und eine neue Definition statt Einkaufsmeile braucht. Ich sehe ein Potenzial der Innenstadt sehr stark bei den gastronomischen Angeboten. Doch wer möchte seinen Kaffee neben den Abgasen und dem Lärm des Parkraumsuchverkehrs genießen? Ergänzt werden könnte die Gastronomie durch hochwertige Boutiquen und Handwerkskunst, die es so nur in Rottweil gibt und die Innenstadt damit von den Einkaufsmeilen anderer Städten abhebt, die mir beliebig erscheinen.
Was wünschen Sie sich für den Wahlkampf? Noch ein paar Bewerber mehr?
Vor allem wünsche ich mir einen fairen Wettbewerb und am Ende eine hohe Wahlbeteiligung. Mittlerweile gibt es vier Kandidaten – das zeigt, dass die Stelle des Oberbürgermeisters von Rottweil einfach sehr attraktiv ist. Grundsätzlich freut es mich, dass die Bürgerinnen und Bürger in Rottweil bei der Oberbürgermeisterwahl nun eine wirkliche Auswahl haben.
Und was wünschen Sie sich für die Zeit nach dem Wahlkampf?
Erstmal eine ruhige Auszeit mit meiner Frau und vor allem meinem Sohn. Denn der Sommerurlaub ist ja bis zum Wahltag erstmal nicht in Sicht. Und anschließend wünsche ich mir, dass ich gemeinsam mit dem Rathaus und den Bürgerinnen und Bürgern nach einer erfolgreichen Wahl rasch die ersten konkreten Dinge umsetzen kann. Vor uns liegt viel Arbeit – packen wir es an!