Der Wirtschaftsempfang in VS wird zu OB Roths Wahlkampfauftakt. Ein Abend der ernsten Töne zur Automobilbranche – zwischen politischer Bilanz und Branchen-Realität.
Proppevoll war sie nicht, die Schwenninger Neckarhalle beim zehnten Wirtschaftsempfang der Stadt Villingen-Schwenningen am Dienstag – und doch war das Interesse am Format immerhin so groß, dass sie gut gefüllt war. Und das obgleich das Thema des Keynote-Speakers eines war, das seit Jahren bei Vorträgen und Impulsen für die Wirtschaft hoch- und runtergebetet wird: „Die Zukunft der Automobilindustrie“. Immerhin hatte man mit Stefan Bratzel, dem Direktor und Gründer des Centers of Automotive Management, einen renommierten Experten für die Transformation der Branche als Redner an Land gezogen.
„Das Thema Automotive wird im Herbst nicht erledigt sein“, dachte sich Wirtschaftsförderer Matthias Jendryschik zu Beginn der Planungen, er sollte Recht behalten. Auch wenn sich die Beschäftigungslage in VS derzeit noch stabil zeigt, stellte er klar: „Die aktuelle Lage ist nicht gut.“
Das spiegelte sich auch in der Rede von Oberbürgermeister Jürgen Roth wider, die zu seiner ersten offiziellen Wahlkampfrede geriet.
Eine OB-Bilanz
Das Stadtoberhaupt, das gerade erst seinen festen Willen zur erneuten Kandidatur angekündigt hatte, zog in seiner Begrüßungsrede Bilanz – und eröffnete zugleich seinen Wahlkampf. Die Kinderbetreuung etwa mit vielen gerade in Planung befindlichen weiteren Plätzen, die den Mangel – es fehlt aktuell an 220 Plätzen für unter und über Dreijährige in VS – mildern sollen. Aber auch die Gesundheitsversorgung mit dem MVZ-Start in Schwenningen, dem ein weiterer in Villingen folgen solle, oder das Großvorhaben Rössle-Neuorientierung streifte er.
„Diese Investitionen klingen gewaltig, sind sie natürlich auch, für mich sind sie aber dennoch richtig“, betonte Roth. Das trifft auch auf den Wasserstoff-Hub in VS zu, eine Art Produktionsstätte für Wasserstoff, sowie den geplanten Bau zweier Großbatterien mit der SVS in einer Zeit, in der die Netze ausgelastet seien, während Produktion, Digitalisierung und Nachhaltigkeit mehr Energie brauchten als je zuvor. Die geplatzten Pläne für ein regionales Gewerbegebiet in Sulz hingegen wertete er als „herben Rückschlag“, die Verfügbarkeit von Flächen entscheide über Ansiedlung und Abwanderung, kritisierte er. „Gestalten statt Verwalten, VS voranbringen“, so Roth – spätestens jetzt war klar: der Wahlkampf in VS ist eröffnet. Das Publikum klatschte.
Bratzel serviert harte Kost
Der Hauptredner des Wirtschaftsempfangs, Stefan Bratzel, wendete sich dann wieder streng wirtschaftlichen Themen zu und legte den Finger ganz ungeniert und tief in die Wunde: „Auch wenn es weh tut, jetzt müssen Sie ganz stark sein.“
Wenn deutsche Autobauer nicht besser seien als der Rest, etwa das Paradebeispiel China, „können wir halt auch nicht teurer sein“. Die seit 2019 anhaltende Nachfrageschwäche nach den teuren deutschen Automobilen treffe die Branche ins Mark.
Harte Kost war Bratzels ungeschönter Blick auf die Situation, fern jeder Aufbruchstimmung. Im Gegenteil, Bratzels Vortrag sorgte für nachdenkliche Gesichter im Saal. Immerhin in Bratzels Abspann ein Lichtblick: Mercedes Benz sei Innovationsführer beim Thema Automatisiertes Fahren auf der Autobahn – auf diesem Level könnten das „nur die Stuttgarter“. Und auch in der finalen Diskussionsrunde mit dem Chef von Aumovio, der abgespaltenen Automotive-Sparte von Continental, Ulrich Rothe, IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez und OB Jürgen Roth war das Bemühen um einen positiven Blick auf die Stärken der Wirtschaft in der Region spürbar, aber nicht durchschlagend angesichts etwa nicht lange zurückliegender Kurzarbeit, etwa beim Villinger Continental-Werk, oder der, so Albiez, nach wie vor „unglaublichen regionalwirtschaftlichen Bedeutung“ des Automobils für die Region.
„Man muss der Realität ins Auge schauen – und dann kann man entscheiden, wie man die Zukunft gestaltet“ – ein Satz Bratzels, den viele Unternehmer wohl mit nach Hause nahmen.