Leidenschaft kommt von Leiden: Charlotte Gainsbourg spielt einen Teil der Hauptrolle in „Nymphomaniac“. Foto: Verleih

Der dänische Regie-Meister Lars von Trier nimmt in dem dänischen Drama „Nymph()maniac (Teil 1)“ menschliche Süchte unter die Lupe am Beispiel einer Sexbesessenen.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Nymphomaniac"

 

Stuttgart - „Bei uns heißt das sexsüchtig“, sagt die Leiterin einer Selbsthilfegruppe, in der die sexsüchtige Joe sich gerade als „Nymphomanin“ vorgestellt hat. Das passiert zwar erst im zweiten Teil, ist aber wichtig: Ja, Lars von Trier hat den Titel mit Bedacht gewählt.

Und natürlich hat er als profilierter Filmregisseur keinen Pornofilm gedreht, auch wenn sein genialer Geist Tür an Tür mit dem Wahnsinn haust. Alle Sexszenen haben eine dramaturgische Funktion, besonders explizite fehlen in der Kino-Kurzfassung. Und selbst die Langfassung sollte niemanden schockieren, der aufgeklärt ist und ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper hat.

Letzteres ist Joe nicht vergönnt. Schon als Jugendliche wettet sie mit einer Freundin um eine Tüte Bonbons, wer im Zug mehr Männer zu schnellem Sex verführen kann. Später besuchen sie bis zu zehn Männer am Tag. Nach der blutigen Paartherapie in „Antichrist“ und dem Weltuntergangsdrama „Melancholia“ nimmt von Trier menschliches Suchtverhalten unter die Lupe: Wohin mit dem unbändigen Drang, das Leben permanent mit jeder Pore spüren zu wollen bis hin zur Selbstzerstörung?

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Der Eigenbrötler Seligman (Stellan Skarsgard) findet Joe (Charlotte Gainsbourg) blutend auf der Gasse, nimmt sie mit, versorgt sie. Sie fasst Vertrauen, erzählt. Er ist ein wandelndes Lexikon, zu jeder Episode gibt es passende Analogien. Die Männerjagd im Zug? Verhaltensmuster und Strategien von Beute und Jäger wie beim Angeln. r Bachsche Polyfonie mit drei Orgelstimmen? Wie drei von Joes vielen Männern, die im Zusammenklang ihre Lust lindern konnten.

Auf geteilter Leinwand zeigt Lars von Trier die Besessene und ihre Liebhaber parallel, ein Triptychon der Leidenschaft, das vom braven Christenmenschen Johann Sebastian Bach so weit weg sein müsste, wie nur irgend möglich – doch die Verbindung ist zwingend, nicht zu leugnen.

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Nach der Zug-Sequenz lutscht Joe genüsslich Bonbons, und dieser Akt wirkt weit frivoler als all der Sex, den sie dafür über sich ergehen ließ. Auch Schrift und Grafik setzt von Trier ein sowie dokumentarischen Szenen, etwa eines Kirchenchors oder eines Raubtiers, das sich exakt bewegt wie einer der Liebhaber. Außerdem zitiert er sich selbst, spielt etwa erneut mit dem Motiv des Kindes am Abgrund wie in „Anitchrist“. Er ist immer ein passionierter Tabubrecher gewesen, der seine Zuschauer mit ihren Dämonen konfrontiert; in „Dogville“ (2003) provozierte er sein Publikum dazu, einem ganzen Dorf den Tod zu wünschen.

Die Newcomerin Stacy Martin (23), als junge Joe oft nackt im Bild, meistert schamlos und charakterstark jede heikle Lolita-Situation. Shia LaBeouf („Tranformers“) überzeugt als zentraler Liebhaber Jêrome, der sich vom Schnösel zum Gentleman entwickelt. In Berlin haben die Schauspieler dünnhäutig reagiert auf die Frage nach den Sexszenen; niemand weiß, wie viel sie preisgeben mussten jenseits von künstlichen Geschlechtsteilen und Körper-Doubles.

Ihren größten Auftritt seit „Pulp Fiction“ (1994) hat Uma Thurman (43). Sie spielt eine Ehefrau, die mit drei kleinen Söhnen ihrem Mann zu Joes Wohnung folgt – er hat sie gerade verlassen, und sie hält einen derart zugespitzten Monolog, dass es allen anderen die Sprache verschlagen muss. „Darf ich den Jungs das Hurenbett zeigen?“, fragt sie Joe, und sagt dann zu den Jungs: „Lasst uns Papas Lieblingsplatz anschauen!“

Das steckt die Protagonistin noch weg. Dann verendet ihr herzlicher Vater unter Deliriums-Qualen allmählich in schwarzweiß, und Sex mit einem Fremden in den Katakomben des Krankenhauses betäubt Joe nicht mehr – ihr Orgasmus mündet nahtlos in einen Weinkrampf. Da ahnt man: In Teil zwei wird das Publikum noch in ganz andere Abgründe blicken; wie in einen Spiegel, aus dem Dämonen zurückstarren.

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