David Braig (re.) beglückwünscht Nyamekye Awortwie-Grant zu seinem ersten Saisontor für die Kickers gegen den FC 08 Homburg. Foto: Baumann

Innenverteidiger Nyamekye Awortwie-Grant ist beim Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers die positivste Überraschung im bisherigen Saisonverlauf. Was zeichnet den Spätstarter mit der ungewöhnlichen Vita aus?

Die Begegnung und den Ausspruch seines Vaters wird Nyamekye Awortwie-Grant nie vergessen: Als Jugendspieler traf er beim Turnier in Ergenzingen einmal Abédi Pelé und gab der Fußball-Legende aus Ghana die Hand. „Wenn er dich angefasst hat, dann wirst du Profi“, sagte Harold Awortwie-Grant zu seinem Sohn. Lange Zeit sah es nicht so aus, als würde sich diese Wunschprognose erfüllen. Doch seit dieser Saison hat sich das geändert. Zumindest hat sich Nyamekye Awortwie-Grant (Spitzname Njami) beim Regionalligisten Stuttgarter Kickers als Stammspieler etabliert.

 

Erstes Tor gegen Homburg

Vor dem letzten Spiel des Jahres an diesem Samstag (14 Uhr) beim Aufsteiger und Schlusslicht FC 08 Villingen gibt es keine zwei Meinungen: Der 24-Jährige ist die positivste Überraschung des bisherigen Saisonverlaufs. „Ich bin mega happy, dass es für mich als Neuzugang bei einem solch großen Club bisher so gut läuft. Ich spiele für so viele Leute, die für den Verein leben, das ist einfach ein richtig tolles Gefühl“, sagt der Abwehrspieler, der vergangenen Samstag beim 3:0 gegen den FC 08 Homburg vor der Saison-Rekordkulisse von 5540 Zuschauern auch noch sein erstes Pflichtspieltor für die Blauen erzielte.

Keine NLZ-Ausbildung

Der gebürtige Tübinger ist der klassische Spätstarter. Seine Innenverteidigerkollegen bei den Kickers erfuhren ihre Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren von Proficlubs: Brian Behrendt (Hamburger SV, Rapid Wien), Paul Polauke (FC Ingolstadt 04) und Milan Petrovic (TSG 1899 Hoffenheim) gingen diesen klassischen Weg der Talentförderung. Awortwie-Grant erlernte das Fußball-ABC beim TV Derendingen, ging dann mit acht Jahren zum SSV Reutlingen, mit 15 Jahren zur TSG Balingen und im ersten A-Jugendjahr wieder zurück nach Reutlingen. „Ich habe mich körperlich spät entwickelt, da gab es lange Zeit stabilere Jungs als mich“, nennt er einen Grund dafür, dass er durchs Raster fiel. Doch auch als er im Aktivenalter an Größe und Muskelmasse zugelegt hatte, wurde er erst einmal verkannt.

Er musste selbst bei Clubs anklopfen, um überhaupt ein Probetraining absolvieren zu dürfen. Als er in Bad Cannstatt Gesundheitsmanagement studierte, klappte dies um die Ecke beim damaligen Verbandsligisten VfB Neckarrems. Nach einem Jahr entschied er sich für ein BWL-Studium in Nürtingen. Der Abwehrmann fragte beim Verbandsligisten TSG Tübingen an – und wurde abgewimmelt. Erst Ligakonkurrent VfL Pfullingen und sein damaliges Trainerduo Michael Konietzny und Daniel Güney schenkten ihm das Vertrauen. Nach zwei guten Jahren ging es 2022 zur TSG Balingen in die Regionalliga.

Stammkraft erst unter Isik

Unter Coach Martin Braun (inzwischen FV Ravensburg) spielte Awortwie-Grant keine Rolle, wollte weg, doch als Murat Isik den Trainerposten übernahm, änderte sich das schlagartig. Er spielte eine starke Rückrunde 2023/24, die Kickers wurden auf ihn aufmerksam. Da er nicht mehr unter die U-23-Regel fiel, sah es zunächst nicht danach aus, dass der Transfer zustande kommt. Doch nach dem verpassten Drittliga-Aufstieg nahm Sportdirektor Marc Stein nochmals den Kontakt auf und bot einen Zweijahresvertrag an.

Eine goldrichtige Entscheidung. Nach einer starken Vorbereitung entschied sich Trainer Marco Wildersinn vor dem ersten Punktspiel gegen Eintracht Frankfurt II kurzfristig, aus dem Bauch heraus, für Awortwie-Grant in der Startformation an der Seite von Behrendt – und gegen Paul Polauke. Auch nach seiner Roten Karte im zweiten Spiel in Homburg, kehrte er nach Ablauf der Sperre sofort wieder in die Anfangself zurück. „Dieses Vertrauen ist unglaublich wichtig für einen Spieler. Das war bei mir unter Murat Isik der Fall und jetzt bei Marco Wildersinn“, sagt der Abwehrstratege. Man sehe das auch an den Kickers-Eigengewächsen Mario Borac und Nevio Schembri: „Der Trainer gibt ihnen Verantwortung und sie entwickeln sich in doppelter Geschwindigkeit weiter.“

Mehr Verantwortung ohne Behrendt

Das gilt natürlich auch für ihn selbst. Zuletzt übernahm er sogar die Rolle des Abwehrchefs. Durch die Verletzung von Routinier Behrendt (33) rückte der 22-jährige Milan Petrovic gegen Homburg an seine Seite. Damit stieg die Verantwortung für Awortwie-Grant, die lautstarken Kommandos konnte er nicht mehr dem ehemaligen Zweitligaspieler Behrendt überlassen. Er selbst war in der Pflicht und hat es gut gemeistert.

Dynamisch, schnell, kopfballstark

Die Dynamik, die Schnelligkeit, die Zweikampf- und Kopfballstärke des 1,92 Meter großen Modellathleten tun dem Spiel der Kickers gut. Das Talent hat er vom Papa, der in London aufwuchs, studierte und in früher Jugend bei West Ham United am Ball war. Dessen Vater verbot ihm dann aber weiter der Leidenschaft Fußball nachzugehen. Stattdessen musste er die Schule in den Vordergrund stellen. „Das ist der Grund, warum er es bei mir anders gemacht hat und mich überall hingefahren hat, zu jedem Fußballtraining“, erzählt Nyamekye Awortwie-Grant.

Überhaupt die Wurzeln in Ghana. „Ich habe ein bisschen Farbe im Gesicht, das prägt einen von Kindesbeinen an. Ich versuchte immer ein paar Prozent mehr zu geben, um es manchen zu beweisen“, sagt der Sohn einer deutschen Mutter. Sein Vater betreibt in Tübingen ein afro-karibisches Restaurant. Alltagsrassismus kennen beide. „Ich erlebe einen Bruchteil dessen ,was mein Papa früher mitgemacht hat. Aber auch heute noch wird er im Laden schon mal auf Englisch angesprochen, oder er wird vom Paketboten gefragt, ob sein Chef auch da sei“, erzählt der Fan des FC Chelsea, der froh ist, nicht von Jugend an immer „zu 100 Prozent“ den Fußball im Kopf gehabt zu haben.

„Wir müssen große Spiele gewinnen“

„Im Gegensatz zu einem Spieler, der ein NLZ durchlief, ist das, was ich gerade erlebe einfach nur Bonus“, sagt der Abwehrstratege, der hofft im neuen Jahr noch einmal mit den Kickers ins Aufstiegsrennen eingreifen zu können. „Wir wollen es noch einmal spannend machen. Dafür müssen wir dann die großen Spiele gewinnen.“ Dann klappt es vielleicht doch noch mit der dritten Liga, wo der Profifußball offiziell losgeht, und die Wunschprognose des Papas nach dem Händedruck mit Abédi Pelé hätte sich endgültig erfüllt.

Ergebnisse und Termine

Pflichtspiele
Stuttgarter Kickers – Eintracht Frankfurt II 2:1, FC Esslingen – Kickers 0:5 (WFV-Pokal), FC 08 Homburg – Kickers 1:1, Kickers – FC 08 Villingen 1:0, FC Normannia Gmünd – Kickers 1:3 n. V. (WFV-Pokal), FC Gießen – Kickers 2:2, Kickers – FC-Astoria Walldorf 1:0, 1. Göppinger SV – Kickers 0:0, Kickers – SGV Freiberg 1:3 n. V. (WFV-Pokal), Kickers – TSV Steinbach Haiger 5:1, Kickers Offenbach – Kickers 2:0, Kickers – FSV Frankfurt 0:1, SGV Freiberg – Kickers 2:2, Kickers – TSG 1899 Hoffenheim II 1:2, Bahlinger SC – Kickers 1:3, Kickers – SG Barockstadt Fulda-Lehnerz 2:2, Eintracht Trier – Kickers 0:6, SC Freiburg II – Kickers 2:1, Kickers – 1. FSV Mainz 05 II 1:0, KSV Hessen Kassel – Kickers 1:3, Eintracht Frankfurt II – Kickers 0:0, Kickers – FC 08 Homburg 3:0, FC 08 Villingen – Kickers (7. Dezember, 14 Uhr), Kickers – FC Gießen (21./22./23. Februar 2025). (jüf)