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Nusplingen Geschichten aus einem entschwundenen Land

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Links der legendäre gelbe "Trabi", rechts ein weißer BMW: Ost und West auf einem Bild vereint – und mittendrin Jens Weigelt.Foto: Archiv Weigelt Foto: Schwarzwälder Bote

Ein gelber Trabant als Erkennungsmerkmal: Doris und Jens Weigelt aus Nusplingen haben ganz eigene Erinnerungen, wenn es um 30 Jahre Deutsche Einheit geht.

Nusplingen. Die meisten Deutschen in Ost und West wissen genau, wo sie vom Mauerfall erfahren haben – auch Doris Weigelt. Die damals 24-Jährige war im Auto unterwegs nach Hause und hörte im Radio von der Öffnung der Grenzen. Ihr heutiger Mann Jens, der aus der kleinen Stadt Zeulenroda im Vogtland stammt, war an jenem geschichtsträchtigen 9. November 1989 Grundwehrdienstleistender auf DDR-Seite. Er bewachte – Weigelt muss bei der Erinnerung daran ein wenig schmunzeln – tatsächlich die Grenze zwischen Ost und West, irgendwo im Nirgendwo unweit von Eisfeld.

Dass sich Regierungssprecher Günter Schabowski mit den Worten "Sofort, unverzüglich" sprichwörtlich "verzettelte", weil er wichtige Informationen des SED-Generalsekretärs Egon Krenz falsch weitergab, bekam der damals 24-Jährige nicht mit. Als sich der Übergang an der Bornholmer Straße um 23.29 Uhr endgültig öffnete, war der junge Soldat der DDR-Grenztruppen immer noch im Dienst. Tausende feiernder Menschen in langen Autoschlangen hatten sich da längst auf den Weg gemacht.

Jens Weigelt, das erzählt er mit Augenzwinkern, erfuhr allerdings erst zwei Tage später vom historischen Mauerfall. Weitere 327 Tage später war die Wiedervereinigung vollendet: am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit.

Der Tausendsassa spricht bis heute mit thüringischem Akzent

Kurz nach der Wiedervereinigung hat sich das heutige Ehepaar kennengelernt – ganz klassisch beim Tanzen in einer Laufener Disko. Sie, die Nusplinger Bekleidungsschneiderin, die die Fasnet so sehr liebt und sich in hohem Maß für die Narrenzunft Tannenburg engagiert. Er, der gelernte Agrartechniker aus der Kleinstadt Zeulenroda, ein Tausendsassa, der bis heute charmant mit thüringischem Zungenschlag spricht. Wie viele andere junge Menschen hatte ihn Anfang der 1990er-Jahre ein neuer Arbeitsplatz in den Westen verschlagen. Weigelt lieferte damals mit dem Transporter Autos für eine Sigmaringer Firma aus. Privat reichte es ihm etwas kleiner: Der junge Thüringer fuhr mit Hingabe einen gelben "Trabi" – auf der Zollernalb ein echter Hingucker.

Doris Alber, wie Weigelts Frau damals noch hieß, fand den jungen Mann, der da in der Disko plötzlich vor ihr stand, von Anfang an sehr sympathisch. Bis die beiden ein Paar wurden, sollte es aber noch ein wenig dauern. Denn die Bekleidungsschneiderin hatte gerade erst eine neue Stelle im Ausland angenommen. Als sie auf die Schwäbische Alb zurückkehrte, erkannte sie den gelben Trabi an einer Balinger Tankstelle wieder. Der Rest ist Geschichte. Wie so vieles andere in jener Zeit.

Das sympathische Paar lebt seit vielen Jahren gemeinsam in Nusplingen, 13 davon in seinem Eigenheim. Die beiden haben dort ihre Kinder großgezogen. Jens Weigelt blickt auf die DDR ohne Groll zurück. Trotz aller Unfreiheiten und Stasi-Repressalien, wie er sagt.

Ein Zwischenfall ist dem einstigen Straßenradsportler gut in Erinnerung: Als sein Lehrer, ein harter Hund, in seiner Schulmappe eine westdeutsche Illustrierte entdeckt hatte, gab es für ihn als "Übeltäter" natürlich einen Riesenärger. Doch nicht allein: Sein Vater bekam ebenfalls sein Fett weg – am nächsten Tag bei der Arbeit. "Man stelle sich das einmal heute vor", sagt Weigelt und schüttelt mit dem Kopf. "Undenkbar!"

Dabei habe seine Familie durchaus als privilegiert gegolten. Der Vater fuhr als Lasterfahrer in schöner Regelmäßigkeit DDR-Produkte in den Westen. In den Genuss von Coca-Cola, Raider-Riegel und Bananen war die Familie durch diese Stippvisiten also öfter gekommen. Mindestens genauso oft hatte dieser Umstand allerdings Neider auf den Plan gerufen. Für Sozialwissenschaftler gehört Weigelt, Jahrgang 1965, zur so genannten "entgrenzten Generation". Gemeint sind damit junge Bürger, die in der Endphase der DDR Westmusik hörten, über den Staat diskutierten und offen über ein Leben jenseits der Mauer nachdachten.

"Ich galt als Rebell", sinniert der Wahl-Nusplinger heute, "ich habe mich eben nie unterkriegen lassen." Vielleicht, so flachst er, habe das auch daran gelegen, dass ihm in der Jugend große Ähnlichkeit mit dem Sänger Rio Reiser nachgesagt worden sei.

Wenn er heute ab und zu "der Ossi" genannt wird, stört ihn das nicht, wohl aber seine Ehefrau. "30 Jahre nach der Wiedervereinigung könnte man durchaus von Thüringern oder Baden-Württembergern sprechen, nicht mehr von Ossis oder Wessis", betont Doris Weigelt. "Zumal bei der Wiedervereinigung nicht alles fair gelaufen ist." Viele frühere DDR-Bürger, so findet sie, seien über den Tisch gezogen oder um ihr Lebenswerk gebracht worden – häufig dank der Treuhand und der wenig sensiblen "Abwicklung" der Betriebe.

"Wir erzählen unseren Kindern von einem entschwundenen Land"

Ihre Kinder seien viel zu jung, um sich bewusst an DDR oder BRD erinnern zu können: "Sie kennen nur das eine, das geeinte Deutschland. Wir erzählen ihnen von einem entschwundenen Land." Nach Zeulenroda fährt Jens Weigelt immer noch gern – aber nur auf Besuch: "Dort heißt es, ich sei doch derjenige, der weggegangen sei." Zudem, das tut dem Familienvater etwas weh, habe Zeulenroda im Lauf der Jahrzehnte sein Gesicht verändert: "Das ist nicht mehr meine Stadt."

Was er aus DDR-Zeiten vermisst? Alte, längst verstorbene Freunde und Kollegen natürlich. Oder Kleinigkeiten wie seine geliebten Eierlikörbonbons. Als ihm seine Familie zum Geburtstag ein Körbchen mit klassischen Ostprodukten schenkte, musste er ein Tränchen verdrücken. Irgendwo "Schlange stehen", lächelt derweil Doris Weigelt, müsse bis heute stets ihr Mann – der größeren Geduld wegen.

Trotz aller (N-)Ostalgie: Daheim fühlt sich Jens Weigelt in Nusplingen. Er erinnert sich gern an einen Spruch auf der Mauer bei Eisfeld: "Grenzen trennen nur ab. Deutsche von Deutschen zu trennen, vermögen sie nicht."

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