Das Trossinger Nudelhaus ist seit 1. April Inklusionsbetrieb. Ziel ist es, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bieten, dabei muss sich der Betrieb jedoch auch wirtschaftlich tragen. Foto: Ingrid Kohler

Seit dem 1. April ist es offiziell: Das Nudelhaus in Trossingen ist ein staatlich anerkannter Inklusionsbetrieb – der einzige in den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil.

Die Anerkennung als Inklusionsbetrieb sei ein bedeutender Schritt, war von der Vereinsvorsitzenden des Lebenshauses, Ingrid Dapp, Annika Stier als kaufmännische Leiterin des Nudelhauses, sowie Sozialdezernent des Landkreises Tuttlingen, Bernd Mager zu erfahren.

 

Es sei gleichzeitig die konsequente Weiterentwicklung dessen, was das Nudelhaus schon seit vielen Jahren ausgemacht hat, denn Inklusion ist ein Teil der Geschichte. Diese Geschichte begann im Jahr 1986, als der Verein Lebenshaus gegründet wurde „aus dem internationalen Versöhnungsbund heraus“, so Ingrid Dapp.

Seit dem 1. April ist das Nudelhaus nun anerkannter Inklusionsbetrieb. Bedingung dafür sei 30 bis 50 Prozent Menschen mit einer Behinderung von 50 Prozent und mehr zu beschäftigen. Man sei stolz, der einzige Inklusionsbetrieb in den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil zu sein. „Wir leben die Inklusion und wollen noch weitere Arbeitsplätze für den ersten Arbeitsmarkt schaffen“, so Annika Stier mit Blick auf die aktuell 23 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit sowie zehn Minijobber.

Arbeitspädagoge unterstützt

Von diesen insgesamt 33 Mitarbeitern haben acht ein Handicap. „Diese Menschen müssen besonders begleitet werden, wir haben eigens einen Arbeitspädagogen und somit auch einen größeren Personalaufwand“, dennoch müsse der Betrieb, der vielseitige Beschäftigungsmöglichkeiten, selbst für Rollstuhlfahrer biete, wirtschaftlich tragbar bleiben.

„Ich begrüße es sehr, dass das Nudelhaus seit 1. April Inklusionsbetrieb ist“, betonte Sozialdezernent Bernd Mager mit Blick auf zehn Jahre weißen Fleck im Landkreis Tuttlingen. „Wir haben zwar viele Angebote für psychisch kranke Menschen in reinen Werkstätten“, doch für den heranführenden ersten Arbeitsmarkt sei das Nudelhaus als Inklusionsbetrieb das Sahnestückchen.

1,15 Millionen Euro Umsatz

Er sprach von 15.500 Menschen im Landkreis Tuttlingen mit einem Behinderungsgrad von 50 und mehr. „Und von den 6000 Bürgergeldempfängern sind rund ein Drittel psychisch krank. Deshalb sei es so wichtig, dass es Betriebe gebe, die schwerbehinderte Menschen einstellen.

Das Nudelhaus hat einen Jahresumsatz von 1,15 Millionen Euro. Es finanziert sich über die Produkte, aber auch durch Spenden, Stiftungen und weitere Mittel, wobei an erster Stelle die Hermle-Stiftung zu nennen ist. „Ohne die Hermle-Stiftung gäbe es uns nicht mehr“, so Ingrid Dapp mit Blick auf den Kostenvoranschlag zum Umbau des Bahnhofsgebäudes von 600.000 bis 700.000 Euro. „Am Ende waren es 2,5 Millionen Euro Kosten.“

Die Vision des Nudelhauses ein staatlich anerkannter Inklusionsbetrieb zu werden, war eine große Herausforderung, „insbesondere, weil wir ein Verein sind“, so Dapp. Damit es weitergehen könne, müsse der Verein noch im Laufe des Jahres 2026 in eine gemeinnützige GmbH (gGmbH) umgewandelt werden.

Jetzt gelte es, mehr Umsatz durch mehr Kunden und Wiederverkäufer zu generieren und für die finanzielle Unterstützung aus Drittmitteln Sorge zu tragen, so Annika Stier. Nicht zu vergessen sei die Kostenreduzierung durch Prozessoptimierung.

Ein Inklusionsbetrieb ist ein Unternehmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, aber keine Werkstatt für behinderte Menschen. Es ist ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb, der regulär am allgemeinen Arbeitsmarkt teilnimmt. Und es handelt sich um ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis mit mindestens dem Mindestlohn und allen weiteren Abgaben.

Das Angebot des Nudelhauses Täglich wird Frischware produziert von Ravioli über Lasagne, Maultaschen, Spätzle und Soßen, bis zu Maultaschenteig, der an viele Metzgereien geliefert wird. Zu den klassischen Sorten von Trockennudeln kommen auch Motivnudeln, Dinkel- und Bionudeln.

Kunden können in den Nudelhausläden in Trossingen und Rottweil einkaufen, sowie auf den Wochenmärkten in Tübingen, Tuttlingen und Schwenningen am neuen Verkaufswagen, der mit Unterstützung der Marquardt-Stiftung angeschafft werden konnte. Es gibt zahlreiche Handelsstellen in Lebensmittelmärkten oder Metzgereien. Auch in gastronomischen Betrieben gibt es Produkte aus dem Nudelhaus. In Kürze wird ein direkter Online-Verkauf angeboten.

Geschichte

Gründung
Entstanden ist das Nudelhaus aus dem anfänglichen Wunsch des Vereins Lebenshaus, eine eigene Beschäftigungsmöglichkeit zu schaffen, in der auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen Rücksicht genommen werden kann. Zu diesem Zweck wurde 1992 ein weiteres Gebäude in der Weidenstraße in Trossingen gekauft und zum Nudelhaus ausgebaut.

Umzug
Da es hier aber an einem „Eieraufschlagraum“ mangelte, ging man auf die Suche nach einem anderen, größeren Gebäude. Mit sehr viel Engagement der Vereinsmitglieder, allen voran der Vorsitzenden Ingrid Dapp konnten die Räume im ehemaligen Bahnhofsgebäude als Produktion und dann auch als Laden umgebaut und im Jahr 2021 bezogen werden. Das Ziel sei es gewesen, so die kaufmännische Leiterin Annika Stier, „Menschen mit und ohne Hilfebedarf so zu beschäftigen und zu qualifizieren, dass das Nudelhaus als sozialwirtschaftliches Unternehmen, Inklusionsunternehmen, sich selbst trägt und positive Ergebnisse, sowohl menschlich wie auch wirtschaftlich, erzielt“.