Durch das Mitwirken des Arztes Gerhard Lang wurden in der NS-Zeit 492 Menschen im Kreis Calw zwangssterilisiert. Darüber sprach der Heimatforscher Gabriel Stängle im Nagolder Kubus.
Ein Arzt meldet dem Gesundheitsamt, dass seine Patientin psychisch krank ist. Ein Gericht entscheidet ohne Anhörung: Diese Frau soll niemals Kinder bekommen. Sie folgt der Aufforderung, sich sterilisieren zu lassen, nicht. Schließlich wird sie von der Polizei abgeholt und in der Tübinger Frauenklinik gegen ihren Willen sterilisiert.
So oder so ähnlich erging es während des Nazi-Regimes 492 Menschen im Kreis Calw. Im Fokus der Zwangssterilisationen: Der Nagolder Arzt Dr. Gerhard Lang. Um ihn, sein Wirken und wie es dazu kommen konnte, dass Ärzte zum Schaden von Menschen handelten, ging es im Nagolder Kubus.
„Die nationalsozialistische Rassenpolitik bildete das Zentrum des NS-Regimes und durchdrang alle Bereiche des Lebens“, erklärte Referent Gabriel Stängle, Geschichtslehrer und Mitautor und Herausgeber des Buches „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“, der zum Thema geforscht hat.
5000 bis 6000 Todesopfer durch Eingriffe
Rund 400.000 Menschen im NS-Herrschaftsgebiet wurden nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ unter Zwang sterilisiert. Nicht alle überlebten den Eingriff, in Deutschland starben 5000 bis 6000 Menschen, vor allem Frauen. In Langs Gebiet starben mindestens zwei, eine beim Eingriff, eine infolge einer erzwungenen Abtreibung.
Gerhard Lang war unter den Nazis Oberamtsarzt für die Bereich der Oberämter Calw und Neuenbürg. 1928 wurde er dort Amtsarzt , 1933 trat er in die SA ein, 1938 in die NSDAP. Von 1934 bis 1945 war er Leiter des Gesundheitsamts Calw.
Von der Gegend hielt Lang wohl nicht besonders viel: Er bezeichnete den Schwarzwald als „die erbbiologisch schlechteste Gegend unseres Landes“. Den Grund für die vielen „Erbkranken“ sah er in der „weit verbreiteten Inzucht“.
Sterilisation wegen Krankheit und schlechter Lebensführung
Die „Gründe“ für Sterilisation waren geistige Behinderungen, Schizophrenie, Bipolarität, zum Beispiel manische Depression, Epilepsie, Chorea Huntington, „erbliche Blindheit“, „erbliche Taubheit“, sowie „schwere erbliche körperliche Missbildungen“. Schwerer Alkoholismus und ein verpönter Lebenswandel wurden galten ebenfalls als „Gründe“ vor Gericht. Das zeige, dass es sich auch um ein „Instrument der Sozialdisziplinierung“ gehandelt habe, meinte Stängle.
Über den Eingriff entschied das Tübinger Erbgesundheitsgericht – nicht öffentlich, häufig nur nach Aktenlage und ohne Anhörung der Betroffenen. Bis zu 20 Fälle gingen an einem Tag über den Tisch. „Man kann von Fließbandarbeit sprechen“, erklärte Stängle. In diesem Gericht saß auch Lang.
Hinweise kamen etwa von Ärzten und Pflegern, aber auch von Menschen aus dem näheren Umfeld. So soll der Nagolder Bürgermeister Hermann Maier Lang direkt mitgeteilt haben, wer seiner Meinung nach sterilisiert gehöre. Das Gesundheitsamt ermittelte daraufhin und trug den Fall an das Gericht weiter. Die ärztliche Schweigepflicht wurde außer Kraft gesetzt.
Lang landete nach dem Krieg relativ sanft. Er zog sich als Amtsarzt zurück. Seine Versorgungsbezüge wurden lediglich um 15 Prozent gekürzt, ihm wurde ein tadelloses Leumundszeugnis ausgestellt.
Anerkennung als Verfolgte erst 2025
Erst Anfang 2025 wurden die rund 400.000 Opfer der Zwangssterilisationen als Verfolgte des Nationalsozialismus vom Bundestag offiziell anerkannt, zusammen mit den 300.000 Menschen, die wegen Krankheit oder Behinderung ermordet wurden.
Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“
Das Buch „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“ wurde von Gabriel Stängle und Thorsten Trautwein herausgegeben und erschien im Morija-Verlag. Es umfasst 700 Seiten , 262 Fotos und Grafiken, sowie 32 Beiträge von 23 Autoren. Thematisch beschäftigt es sich mit dem Nationalsozialismus in den ehemaligen Oberämtern Calw, Nagold und Neuenbürg, die 1938 im Kreis Calw aufgingen. Das Werk kostet 30 Euro.