Sie leistet Hilfe für Hunde, die es nicht leicht haben: Die Listenhunde-Nothilfe ermöglicht sogenannten Listenhunden die Chance auf ein neues, glückliches Leben.
Für Hunde in Not beginnt der Weg zurück ins Leben oft aus einer traurigen Vergangenheit heraus. Sie kommen aus Privatabgaben, wurden beschlagnahmt, sind ungewollter Teil einer Erbmasse. Dabei wird häufig vergessen, was jeder Einzelne von ihnen zuvorderst ist: ein lebendiges, fühlendes Wesen.
Besonders schwer, mit einem solchen Schicksal in ein neues, glückliches Leben zu starten, haben es sogenannte Listenhunde wie etwa American Staffordshire, Pitbull oder Bullterrier. Und genau diesen Rassen nimmt sich die Listenhunde-Nothilfe e.V. (LiNo) an. Für das Team ist die Tätigkeit nicht nur eine Tätigkeit. Sie ist vielmehr eine Herzensangelegenheit. Dementsprechend endet die Arbeit des Vereins mit Sitz in Bad Buchau auch nicht an der Grenze zum nächsten Bundesland, sondern erstreckt sich auf ganz Deutschland.
In Frommern und Ebingen werden regelmäßig Flohmärkte veranstaltet, deren Erlös in voller Höhe den Tieren zugutekommt. Denn Unterstützung vonseiten der Kommunen gibt es nicht. Stattdessen finanziert sich die Listenhunde-Nothilfe ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen und wird vom ehrenamtlich arbeitenden Team getragen.
Stempel „Kampfhund“
Was dessen Schützlingen den Weg zurück ins Leben erschwert, ist, dass sie unter Generalverdacht stehen, aggressiv und gefährlich zu sein. In manchen Bundesländern ist es gar verboten, Tiere zu halten, die zu einer bestimmten Rasse oder deren Mischlingen gehören. Ist der Stempel „Kampfhund“ erst einmal aufgedrückt, haftet er wie ein Brandzeichen. Auch wenn die Gefährlichkeit eines Hundes, wie Roswitha Murrweiss betont, stets im Einzelfall beurteilt werden muss und nicht per se an einer bestimmten Rasse festgemacht werden kann.
Die Tierschützerin und LiNo-Vorsitzende verfügt über viel Erfahrung und ist seit mehr als 25 Jahren in die Thematik involviert. Bevor sie 2014 die Listenhunde-Nothilfe gründete, war sie unter anderem beim SOKA Run – einer bundesländerübergreifenden Vereinigung von Hundehaltern und Hundefreunden –, im Vorstand von Hund und Halter e.V. sowie als Pflegestelle für Staff und Co tätig.
Das Herz von Roswitha Murrweiss gehört denen, die es besonders schwer haben. Nicht zuletzt dadurch, dass es immer wieder Listenhunde sind, die in Zusammenhang mit Beißvorfällen medial in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. „Wenn etwa ein Golden Retriever zubeißt, schafft er es nicht in die Zeitung“, bemüht sie ein Beispiel und führt weiter aus: „Die wenigsten Beißvorfälle ereignen sich außerdem im öffentlichen Raum. Etwa 90 Prozent passieren im häuslichen Umfeld und durch eigene oder bekannte Hunde.“ Dies belegen auch entsprechende Studien.
Hundekämpfe als Problem
Dass es überhaupt so weit kommt, lässt sich auf eine altbekannte Formel bringen: Das eigentliche Problem liegt immer am anderen Ende der Leine. „Viele Hunde werden angeschafft, ohne sich ausreichend über die Rasse zu informieren“, weiß die Expertin. „Und dann wundert man sich, dass der Jagdhund plötzlich jagt.“
Zur fehlenden Sachkunde kommen falsche Erziehung und – im Fall der sogenannten Listenhunde – oftmals bewusst antrainiertes aggressives Verhalten. „Ein großes Problem sind nach wie vor die im Untergrund stattfindenden Hundekämpfe“, berichtet die LiNo-Vorsitzende.
„Die Hundesteuer ist im Grunde eine Verdrängungssteuer“
Um die Zahl der gehaltenen Listenhunde einzudämmen, erheben die meisten Kommunen eine Hundesteuer, die den Satz für andere Rassen weit übersteigt. Nicht selten müssen pro Monat 1000 Euro entrichtet werden; eine Summe, die sich die wenigsten leisten können.
„Die Hundesteuer ist im Grunde eine Verdrängungssteuer“, sagt Roswitha Murrweiss. Doch das sei zu kurzfristig gedacht, denn die Konsequenz folge auf dem Fuße: „Der Hund landet im Tierheim und blockiert einen Platz.“
Weil seine Vermittlungschancen unter diesen Voraussetzungen denkbar schlecht sind. Sie plädiert deshalb dafür, „die Hundesteuer auf ein Normalmaß zu reduzieren, sobald der Hund den Wesenstest bestanden hat“. Abgesehen von der Tatsache, dass ohnehin so gut wie alle beschlagnahmten oder ausgesetzten Hunde gar nicht registriert seien und diese Maßnahme in ihrem Fall deshalb auch nicht fruchte.
„Rasseliste“ soll weg
Mit Unverständnis nimmt Murrweiss zur Kenntnis, dass vonseiten des Gesetzgebers nicht gehandelt wird. Denn Baden-Württemberg habe eigentlich schon ein neues Gesetz in der Schublade. Dabei soll die Rasseliste fallen und stattdessen der Sachkundenachweis kommen. Umso unbegreiflicher sei es, „dass man dieses nicht aus der Schublade holt“.
Überhaupt könnte dieser Teufelskreis mit einigen wenigen Maßnahmen durchbrochen werden, macht sie deutlich. Dazu bräuchte es nur ein Verbot für private Vermehrer, ein generelles Verkaufsverbot für Tiere auf Plattformen wie Ebay, eine vom Tierarzt kontrollierte Chip- und Registrierungspflicht sowie ein bundesweites Register. All das würde sich ohne größeren Aufwand umsetzen lassen, würde aber das Schicksal vieler Tiere zum Positiven wenden.
Aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung kann Murrweiss viel erzählen. Da ist etwa der liebenswerte Senior Jacob, der 14 Jahre lang in einem Zwinger leben und dort auf dem nackten Boden liegen musste. Die Listenhunde-Nothilfe hat ihn spontan aufgenommen und ihn in einer Pension untergebracht, wo er im hohen Alter nicht nur erleben darf, was ein Sofa ist, sondern auch, was Liebe und Geborgenheit bedeuten.
Gewissenhafte und sorgfältige Vermittlung zählt
Da ist die Hündin, die mit ihren Welpen aus einem Keller gerettet wurde. Zwei der Kleinen haben nicht überlebt.
Während Jacob nicht mehr vermittelt wird, sondern seinen Lebensabend an einem guten Platz verbringen darf, sind viele Hunde der Listenhunde-Nothilfe, die auf Pflegestellen und in Pensionen in ganz Deutschland untergebracht sind, noch auf der Suche nach einem liebevollen Für-immer-Zuhause.
Großen Wert legt der Verein dabei auf eine gewissenhafte und sorgfältige Vermittlung. Der Hund muss zum Menschen passen und umgekehrt. Denn man darf nie vergessen: Mit einem Tier holt man sich ein lebendiges Wesen ins Haus – und kein Spielzeug, das man nach Lust und Laune wieder zur Seite legt.
Generell würde Murrweiss deshalb auch einen Hundeführerschein befürworten. Das A und O sei allerdings praktische Erfahrung. „Man kann ja schließlich auch nicht sagen: So, jetzt habe ich zig Bücher über das Fliegen gelesen – und sich dann ins Flugzeug setzen und einfach losfliegen“, macht deutlich. Sehr viel mehr wert sei stattdessen, dass alle, die einen Hund in ihr Leben lassen möchten und noch über keine Erfahrung verfügen, zehn Stunden auf dem Hundeplatz absolvieren.
Teure Unterbringung
Für Hunde, die nicht mehr vermittelt werden, würde sich der Verein auch sehr über Paten freuen. Denn die Unterbringung verschlingt monatlich viel Geld. Mehr als dankbar ist Roswitha Murrweiss deshalb über Unterstützung.
Dass etwa der Zoofachmarkt Kölle Zoo in Ulm nicht nur an Weihnachten und Ostern einen sogenannten Wunschbaum mit Wünschen der Vierbeiner aufstellt, die die Kunden erfüllen können, sondern dass dort – ebenso wie in der Filiale in Balingen – in einem Fach das ganze Jahr über Futter und Zubehör für die Listenhunde-Nothilfe hinterlegt werden kann, sei „einfach gigantisch und eine riesige Hilfe“.
„Jedes Mitglied und jeder Helfer sind enorm wichtig“
Nicht minder dankbar ist die LiNo-Vorsitzende, dass sie so ein „tolles Team“ an ihrer Seite hat. „Jedes Mitglied und jeder Helfer sind enorm wichtig“, betont sie.
Seit der Gründung des Vereins konnten bereits über 1000 Listis in ein neues Zuhause vermittelt werden. Und auch in Zukunft werden die Tierschützer alles dafür tun, um für die Hunde da zu sein und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Zurück ins Leben.