Wer nach 17 Uhr einen Herzstillstand erleidet, hat niedrigere Überlebenschancen. Denn dann ist die Rettungswache in Schiltach nicht mehr besetzt. Was die Folgen dessen sind und wie eine „24/7 Wache“ auf den Weg gebracht werden kann, darüber diskutierten Lokal- und Landespolitiker mit Vertretern des DRK.
Medizinische Notfälle sind in Schiltach und Schenkenzell nur zwischen 7 und 17 Uhr erlaubt – das könnte man meinen, betrachtet man die Zeit, in der die Schiltacher Rettungswache besetzt ist. Ab 17 Uhr fährt der Krankenwagen dort nicht mehr.
Und dann? Um die Notfallversorgung aufrechtzuerhalten, müssen auswärtige Krankenwagen ausrücken – mit teils deutlich längeren Anfahrtswegen. Werden die Rettungskräfte aus Schramberg etwa nach Kaltbrunn beordert, dauert das circa 22 Minuten. Noch länger fährt der Krankenwagen aus Hausach, der im Schnitt 32 Minuten nach Kaltbrunn, 25 Minuten nach Schenkenzell und 22 Minuten nach Schiltach braucht.
Die Konsequenz: Legt man die Frist von zwölf Minuten, die im kürzlich verabschiedeten neuen Rettungsdienstgesetz festgelegt ist, zugrunde, wurde diese 2023 bei mehr als der Hälfte aller Einsätze zwischen 17 und 7 Uhr überschritten. Auch die bisherige Frist von 15 Minuten konnte im vergangenen Jahr bei rund jedem dritten Einsatz nicht eingehalten werden. Tagsüber erreicht der Schiltacher Rettungswagen hingegen eine durchschnittliche Frist von rund sechseinhalb Minuten in Schiltach und Schenkenzell.
Überlebenschance sinkt mit jeder Minute
Und im Notfall zählt jede Sekunde: Nach zehn Minuten ohne Reanimation ist die Überlebenschance ohne neurologische Schäden bei einem Herzstillstand sehr gering, wie aus einem SWR-Bericht hervorgeht. Fast alle Organe seien nach mehr als zehn Minuten dauerhaft geschädigt.
All diese Zahlen waren für Timmy Niehoff und Matthias Fay aus dem CDU-Ortsverein Schiltach/Schenkenzell Anlass genug, eine Diskussionsrunde mit den CDU-Landtagsabgeordneten Thomas Blenke, der als Staatssekretär im Innenministerium am neuen Rettungsdienstgesetz beteiligt war, und Stefan Teufel zu organisieren. Der Einladung ins Schiltacher Rathaus folgten neben den Bürgermeistern aus den betroffenen Gemeinden, Schiltachs Thomas Haas und Schenkenzells Bernd Heinzelmann, auch Kaltbrunns Ortsvorsteher Stefan Maier sowie weitere Lokalpolitiker. Mit zahlreichen Vertretern des DRK sprachen die Politiker über Notwendigkeit und Voraussetzungen der „24/7 Wache“ für Schiltach.
„Die Besetzung der Rettungswache rund um die Uhr muss das Ziel sein“, machten die Organisatoren Fay und Niehoff ihre Intention deutlich. Die Zahlen seien eindeutig, erzählten jedoch nicht die ganze Geschichte, da darin noch gar nicht die persönlichen Schicksale beleuchtet würden.
Und vor Schicksalsschlägen macht auch die Nacht nicht halt: Wie Marcus Stotz, Leiter des Rettungsdienst beim DRK Rottweil, erklärte, gibt es mit jährlich 301 Einsätzen in den Nachtstunden in Schiltach und Schenkenzell kaum weniger als tagsüber. Und wie oft der Schiltacher Krankenwagen nachts – wäre er im Einsatz – zusätzlich in andere Orte ausrücken müsste, könne nur spekuliert werden.
Doch die Organisatoren machten auch kein Geheimnis daraus, dass bis zur „24/7 Wache“ noch ein Weg zu gehen ist. Die Mehrkosten beliefen sich auf etwa eine halbe Millionen Euro pro Jahr, schilderte Fay. Offen sei auch die Frage, ob die Wache ständig mit hauptamtlichen Rettungskräften besetzt oder ob ehrenamtliche zur Entlastung hinzugezogen werden sollten, und wie Personal gewonnen werden könne.
Der Wunsch sei es, sagte Fay, das Thema in die nächste Sitzung des Bereichsausschusses Rettungsdienst im Oktober einzubringen, und dabei eine hohe Chance auf Zustimmung zu haben, weshalb er die Frage in den Raum warf: „Wer kann wie unterstützen?“
Die Blicke waren dabei vor allem auf Staatssekretär Blenke gerichtet. „Ich kann es nachvollziehen“, sagte er zu dem Anliegen der Diskussionsteilnehmer, wollte aber zunächst einmal die Intention des neuen Rettungsdienstgesetzes erklären. Das Land habe den Zeitrahmen bewusst von Hilfs- in Planungsfrist umbenannt, denn entgegen dem, was der bisherige Name suggeriere, sei dies nicht die Zeit, in der der Bürger Hilfe erhalte. Die Frist sei auf das Ersteintreffen von Rettungsmitteln bezogen, egal ob Krankenwagen oder Notarzt. Bisher habe diese bei zehn bis 15 Minuten gelegen. „Aber die zehn wird meistens vergessen“, meinte Blenke. Mit einer Planungsfrist von exakt zwölf Minuten wolle das Land nun Rechtssicherheit schaffen.
Blenke: Wir haben nicht genügend Mittel
Darauf basierend werde dann festgestellt, was an zusätzlichen Rettungsmitteln benötigt werde. Die bisherige Rettungsdienstförderung, die sich auf 90 Prozent der förderfähigen Kosten beläuft, bleibe erhalten.
„Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir haben nicht genügend Mittel“, gab Blenke hinsichtlich weiterer Unterstützung zu. „Wir brauchen eine bessere Rettungsdienstfinanzierung.“ Sein Appell: Der Bereichsausschuss solle sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Anliegen der „24/7 Wache“ beschäftigen. „Es ist ein Bohren dicker Bretter. Aber bohren Sie“, riet der Staatssekretär den Anwesenden.
Stefan Teufel stellte in Aussicht, dass der Bereichsausschuss wohl nach dem Personal fragen werde. Patrick Hug, Rettungsdienstleiter beim DRK Wolfach, erklärte, dass die Personalsituation im ganzen Land schwierig sei. Die 5,8 Stellen, die schätzungsweise für die Rund-um-die-Uhr-Wache in Schiltach fällig würden, könne man nicht einfach mal eben bedienen. Aber: „An der Motivation wird es nicht scheitern“, nahm Hug die Personalpolitik in die Pflicht.