In Notsituationen stehen die Seelsorger nicht nur Opfer zur Seite, sondern auch Rettungskräften. Foto: Friso Gentsch/dpa

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) – Notfallseelsorge im Kreis Calw kümmert sich in Notfällen und Krisen um Betroffene schrecklicher Ereignisse. Dazu gehört auch, Einsatzkräfte zu unterstützen, wenn diese Beistand gebrauchen können.

Sie kommen zum Einsatz, wenn schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder Terroranschläge das Leben der Betroffenen für immer verändern. Doch im Unterschied zu anderen Kräften – etwa Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienst – sind sie nicht mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs.

 

Ihr Einsatz beginnt, wenn der öffentlich sichtbare Einsatz beendet ist. Sie arbeiten weitgehend im Verborgenen, ließe sich sagen, und unterliegen einer absoluten Schweigepflicht. Die Rede ist von der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) – Notfallseelsorge im Kreis Calw.

Wir haben mit Kirsten Kastner, Koordinatorin und Leiterin der Notfallseelsorge im Kreis Calw, sowie Marcel Lächler, als Teil des Leitungsteams zuständig für die Betreuung von Einsatzkräften, gesprochen.

Was macht die Psychosoziale Notfallversorgung?

Stirbt der Vater bei einem Verkehrsunfall, verliert eine Familie durch einen Brand ihr Zuhause oder erleidet die Ehefrau völlig unvermittelt einen lebensbedrohlichen Schlaganfall, ist die Notfallseelsorge zur Stelle. Die Notfallseelsorger unterstützen Betroffene, Angehörige, Opfer, Augenzeugen und Ersthelfer in Notfällen und Krisen.

Aber auch Einsatzkräfte, die schreckliche Erlebnisse verarbeiten müssen, können auf den Beistand der Notfallseelsorge zählen – wenn etwa eine Reanimation nicht geglückt ist oder ein schwerer Verkehrsunfall nicht aus dem Kopf gehen will. Auch wenn medizinische und technische Grenzen bekannt seien, komme es dann nicht zuletzt etwa zu Selbstvorwürfen.

Wann kommt die Notfallseelsorge zum Einsatz?

Neben Unfällen, Bränden und akut lebensbedrohlichen Krankheiten kommt die Notfallseelsorge etwa auch bei Vermisstenfällen, Suiziden, Evakuierungen, als Begleitung bei der Identifizierung Verstorbener oder bei Fällen des plötzlichen Kindstodes zum Einsatz.

Nicht zuletzt sind die Seelsorger dabei, wenn Terroranschläge, Amokläufe wie seinerzeit in Winnenden oder Katastrophen wie im Ahrtal geschehen. „Darauf müssen wir natürlich auch vorbereitet sein“, sagt Leiterin Kastner. Für solche Fälle gebe es drei Fachberater, die besonders ausgebildet seien und dann den Einsatz der Seelsorger planen würden.

Wer arbeitet bei der Notfallseelsorge?

Insgesamt, so berichtet Kastner, arbeiten etwa 30 ehrenamtliche, ausgebildete Notfallseelsorger bei der PSNV-Notfallseelsorge. Diese kümmerten sich zu gleichen Teilen um Betroffene und Einsatzkräfte. Während es bei der Seelsorge für Betroffene etwa eine Kooperation mit dem DRK gebe, seien die Mitarbeiter, die sich um Einsatzkräfte kümmerten, oft selbst Einsatzkräfte bei der Feuerwehr, beim THW, bei der DLRG oder beim Rettungsdienst. „Da ist eine ganz andere Ehrlichkeit dahinter“, meint dazu Lächler, der selbst Mitglied der Feuerwehr ist. Die „Einsatzwirklichkeit“ sei bekannt, die Wirkung des „Stallgeruchs“ nicht zu unterschätzen. Zudem arbeiteten im Bereich der Einsatzkräfte aber auch Spezialisten, darunter etwa eine Fachärztin für Psychotraumatologie.

Wie viele Fälle gibt es pro Jahr im Kreis Calw?

„Unsere Fallzahlen steigen immens“, berichtet Kastner im Gespräch. Im Jahr 2023 etwa seien die Notfallseelsorger zu 118 Einsätzen gerufen worden; im ersten Halbjahr 2024 seien es bereits mehr als 80 gewesen, Ende August waren es schon 116.

Das bedeute aber nicht zwingend, dass immer mehr Schreckliches geschehe. Vielmehr werde die Arbeit der PSNV immer bekannter und dadurch auch mehr in Anspruch genommen.

Marcel Lächler und Kirsten Kastner sind Notfallseelsorger im Kreis Calw. Foto: Ralf Klormann

Wie läuft ein Einsatz der Notfallseelsorge ab?

Können Betroffene Beistand gebrauchen, geht bei den Seelsorgern zunächst ein Alarm über die Leitstelle per „Piepser“ ein, dort erhalten sie dann Informationen zum Fall, begleiten etwa beim Überbringen einer Todesnachricht die Polizei – und loten dann aus, wie sie Betroffenen helfen können.

Wie unterstützt die Notfallseelsorge Einsatzkräfte, die selbst betroffen sind?

Für Einsatzkräfte bieten die Seelsorger bereits im Vorfeld Präventivvorträge an, unter anderem bei den Feuerwehren. Dort geht es nicht zuletzt um Bewältigungsstrategien.

Nach besonders traumatischen Einsätzen gebe es mitunter Nachbesprechungen, in denen darüber gesprochen werde, was geschehen ist, und auch, was nun an psychischer Belastung auf die Kräfte zukommen kann.

Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, weitere Gespräche zu führen – einzeln oder im Team. Grundsätzlich sei – bei Betroffenen wie Einsatzkräften – das Ziel, die Menschen wieder handlungsfähig zu machen und über nächste Schritte zu informieren. So werde etwa auch die Fähigkeit, zum nächsten Einsatz eilen zu können, schneller wiederhergestellt, sagt Lächler. Das Team für die Betreuung von Einsatzkräften arbeitet seit 2022 und bildet sich ständig weiter fort.

Wer kann sich an die Seelsorger wenden?

Grundsätzlich, so erklärt Kastner, dürfe sich jeder melden, der nach einer akuten Notsituation Beistand benötige. Teils werde der Kontakt auch direkt über die Kirchengemeinden oder Rettungskräfte vermittelt. Denn die Helfer werden nicht bei jedem Vorfall alarmiert; allerdings erfolge dann der Hinweis darauf, dass es sie als Ansprechpartner gebe. Manchmal ergebe sich der Gesprächsbedarf auch erst, nachdem einige Zeit seit der Akutsituation vergangen sei.

Das Notfalltelefon der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) im Kreis Calw ist erreichbar unter der Telefonnummer 07051/1 92 22.