Der Andrang ist beim Thema „Schließung der Bereitschaftspraxis“ groß. Foto: Schneider

Die Schließung der Notfallpraxis in Oberndorf schlägt immer noch hohe Wellen. Die Kassenärztliche Vereinigung muss viel Kritik einstecken.

„Jeden Montag hatte ich 100 Patienten in der Praxis und habe mit 200 Prozent durchgearbeitet“, beschreibt Thomas Sterzing im Rückblick seine Zeit als Inhaber einer Hausarztpraxis.

 

Doch stünde das Gesundheitssystem vor weit größeren Problemen, erklärt Doris Reinhardt aus dem Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). „1500 Hausärzte sind über 65 Jahre alt“, weist sie auf den baldigen Ruhestand zahlreicher Kollegen hin.

Entscheidung nicht nachvollziehbar

Um die medizinische Regelversorgung trotzdem zukunftsfähig zu machen, brauche es Reformen – und die sollen beim ärztlichen Bereitschaftsdienst in den Notfallpraxen ansetzen. Deshalb werde diese in Oberndorf zum 30. Juni schließen. Die nächsten Bereitschaftsdienste seien in Rottweil, Freudenstadt und Balingen.

„Ich kann die Entscheidung der KVBW nicht nachvollziehen“, macht Bürgermeister Matthias Winter seiner Verbitterung Luft. Seine Bitte wäre gewesen, das funktionierende Konstrukt in Oberndorf nicht ohne Not zu zerschlagen.

Telefon-Beratung möglich

„Wenn wir zuständig sind, ist es kein Notfall“, macht Reinhardt deutlich. Denn der ärztliche Bereitschaftsdienst sei dann gefragt, wenn am Wochenende ein Problem nicht bis zum Montag warten könne, der eigene Hausarzt jedoch frei habe. Das könne etwa bei hohem Fieber, starken Bauchschmerzen oder Brechdurchfall der Fall sein.

„Bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt ist der Rettungsdienst zur Stelle“, stellt sie klar. Über die Telefonnummer 116 117 könne auch eine telefonische Beratung durch einen Arzt stattfinden – ohne, dass man deswegen in die Praxis gehen müsse.

Die Landarzt-Quote kommt

Für den Landtagsabgeordneten Stefan Teufel (CDU) ist der Ärztemangel eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. „Wir sollten den Schwarzen Peter nicht der Politik oder der KVBW zuschieben“, mahnt er an. So könnten mit der „Landarzt-Quote“ jedes Jahr 75 Studierende mit einem Abi-Schnitt von 2,0 Medizin studieren, sofern sie anschließend in „unterversorgte Gebiete“ gehen würden.

30 Minuten zur Praxis

„Wenn die Politik die Quote beschließt, kann es bis zu zwölf Jahre dauern, bis der erste ‚fertige‘ Landarzt in der Praxis ist“, macht Kai Sonntag, Pressesprecher der KVBW, die zeitlichen Dimensionen deutlich.

Dass sich Patienten nun auf den Weg nach Rottweil – oder nach Freudenstadt, wenn dies im nördlichen Landkreis näher sei – machen müssten, sei eine Zumutung, räumt Reinhardt ein. Allerdings seien 95 Prozent der Bevölkerung in maximal 30 Minuten beim neuen Standort.

Kommt ein MVZ?

Fünf Prozent müssten jedoch bis zu 45 Minuten unterwegs sein. Ab Herbst sollen die Öffnungszeiten aller Bereitschaftsdienste – in Rottweil, Freudenstadt und Balingen – vereinheitlicht werden, so dass auch landkreisüberschreitende Besuche einfacher möglich seien. Der Rottweiler Bereitschaftsdienst ist Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 19 Uhr erreichbar.

„Die Schließung der Bereitschaftspraxis geht zulasten der Patienten, und die Situation verschlechtert sich“, lautet das Fazit von Stadträtin Ruth Hunds (SPD). Ob denn die Möglichkeit eines seitens der Kommune zu gründenden Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) bestehe?

Ein MVZ kann von Ärzten, Krankenhäusern oder Kommunen ins Leben gerufen werden und hat einen medizinischen Leiter, während die anderen Ärzte als Angestellte arbeiten. Das MVZ könne als Genossenschaft organisiert sein, erläutert Reinhardt und betont seitens der KVBW: „So etwas fördern wir.“