Ein Notarzt am Einsatzort. Im Kreis Rottweil verzögert sich die Ankunft mitunter, weil der diensthabende freiwillige Notarzt erst zuhause abgeholt werden muss. Foto: benjaminnolte – stock.adobe.com

Fahrt zu Privatadresse nur als "Ultima Ratio". Frist zur Stellungnahme bis zum 15. November.

Kreis Rottweil - Die im Kreis Rottweil immer noch tolerierte Praxis ist höchst umstritten: Freiwillige Notärzte warten während ihres Dienstes nicht etwa auf der Wache auf ihren Einsatz, sondern müssen im Notfall erst Zuhause abgeholt werden, bevor es mit Blaulicht zum Patienten geht. Das soll jetzt ein Ende haben. Das Regierungspräsidium macht Druck.

Das Thema schlägt immer wieder Wellen, wir haben an dieser Stelle zuletzt im vergangenen Jahr ausführlich berichtet. Die Problematik liegt auf der Hand: Wenn das Notarzt-Fahrzeug nicht direkt zum Einsatzort fahren kann, sondern davor den Notarzt Zuhause abholen muss - nicht selten einmal quer durch die Stadt und wieder zurück - verzögert das die Hilfsfristen zum Teil erheblich.

Schreiben der Regierungsdirektorin

Das Landratsamt Rottweil als Aufsichtsbehörde hat die Praxis des Abholens von Zuhause bislang trotz aller Kritik toleriert. Jetzt aber kommt Bewegung in die Sache. Bei der Bereichsausschusssitzung mit Vertretern des Kreises, des DRK und der Kassen Mitte Oktober war ein Vertreter des Regierungspräsidiums (RP) dabei. Und wie zu erfahren ist, hat dieser das Missfallen des RP zur Notarztabholung deutlich zum Ausdruck gebracht. Tags darauf soll die Leitende Regierungsdirektorin in Freiburg, Tina Schlick, ein deutliches Schreiben ans Landratsamt hinterhergeschickt haben. Die Regelung im Bereich des DRK-Kreisverbands Rottweil sei völlig entgegen der Landeslinie und solle abgeschafft werden.

Der Ärger kommt nicht von ungefähr. Schießlich wird derzeit mit finanziell großem Aufwand versucht, die Hilfsfristen im Rettungsdienstbereich zu verbessern - unter anderem mit der Schaffung neuer Notarztstandorte wie in Wehingen.

Dass im Kreis Rottweil Notärzte bei einem Einsatz daheim abgeholt und damit teils erhebliche Verzögerungen in Kauf genommen werden, passt da nicht ins Bild. Zwar lag Rottweil mit seiner Hilfsfrist 2018 bei 93,7 Prozent. Doch die gute Struktur mit gleich drei Notarzt-Standorten in Schramberg, Rottweil und Oberndorf mache eigentlich die volle Erfüllung der Frist möglich.

"Es dauert länger bis der Notarzt beim Patienten ist"

Fristen hin oder her: "Es dauert länger bis der Notarzt beim Patienten ist, das ist Fakt", ist aus DRK-Kreisen zu hören. Da mache das Fahren mit Blaulicht schon fast keinen Sinn mehr. Als Beispiel wird ein Fall aus den vergangenen Wochen genannt: Notarztfahrzeug und Rettungswagen rücken in Schramberg gleichzeitig an der Wache aus, doch weil der Notarzt erst abgeholt werden muss, ist das Notarztfahrzeug ganze fünfeinhalb Minuten später am Einsatzort. Für jemanden, der Hilfe braucht oder dessen Angehörige eine lange Zeit.

Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten hatte ein freiwilliger Notarzt argumentiert, dass der Dienst - am Abend und an den Wochenenden - auch mit der Praxistätigkeit vereinbart werden müsse. Außerdem liege man bei den Fristen auf hohem Niveau. Es gebe andere Probleme in der ärztlichen Versorgung in der Region.

Das Regierungspräsidium Freiburg scheint dies anders zu sehen. Auf unsere Nachfrage bestätigt die Pressestelle, dass von Seiten des RP in der Sitzung des Bereichsausschusses in Rottweil am 13. Oktober ein "Ärztlicher Leiter Rettungsdienst" dabei war. Dieser habe darauf hingewiesen, "dass durch eine Abschaffung der Notarztabholung eine Verbesserung der Übernahmezeiten der Notärzte ermöglicht werden könnte".

Frist zur Stellungnahme bis zum 15. November

Etwas deutlicher heißt es: Eine Notarztabholung bei einer Privatadresse sollte nur in Einzelfällen und nur als "Ultima Ratio auf besonders gelagerte Fallkonstellationen" beschränkt bleiben.

Diese Ansicht sei dem Landratsamt als Rechtsaufsichtsbehörde im Nachgang zur Sitzung mitgeteilt worden. Man erwarte eine Stellungnahme bis zum 15. November, wie die derzeit praktizierte Notarztabholung "abgebaut" werden könne. "Grundsätzlich ist der örtliche Notarztdienst so zu organisieren, dass im Notfall schnellstmöglich Hilfe geleistet werden kann", so das RP.

Bei der Notarztabholung von Zuhause kann von "schnellstmöglich" nicht die Rede sein. Doch warum wurde dies bislang vom Landratsamt (LRA) toleriert?

LRA: Bewegen uns auf sehr hohem Niveau

Auf Nachfrage sagt die zuständige Dezernentin Martina Bitzer, dass die Notarztabholung in den vergangenen Jahren mehrfach von Seiten des Landkreises thematisiert worden sei. "Bisher konnte eine denkbare Unterversorgung der Bevölkerung nicht anhand einer validen Zahlengrundlage plausibilisiert werden. Zudem erfüllen die Erreichungsgrade der Hilfsfristen im Rettungsdienstbereich Rottweil die gesetzlichen Vorgaben für das ersteintreffende Rettungsmittel seit vielen Jahren zuverlässig", so Bitzer. Man bewege sich im Land auf einem sehr hohen Niveau. Hinweise, dass es in Rottweil zu erheblichen zeitlichen Verzögerungen bei der notärztlichen Patientenversorgung kommt, gebe es nicht.

In der Sitzung des Bereichsausschusses sei das Thema nun "ausführlich diskutiert" worden. Es sei festgelegt worden, dass aktuelle Zahlen von Seiten des DRK zusammengestellt werden und das Thema dann erneut besprochen wird.

Das immer wieder vorgebrachte Argument, dass die freiwilligen Notärzte womöglich hinschmeißen und man keinen Ersatz finde, ließ der Vertreter des RP dem Vernehmen nach in der Sitzung jedenfalls nicht gelten. Bei dieser guten Bezahlung müsse man sich um die Besetzung dieser Posten keine Gedanken machen - auch wenn der Dienst nicht auf dem Sofa, sondern auf der Wache geleistet werden muss.

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