Allmählich gewöhnen sich die Einwohner vor Ort an den Nationalpark. Viele haben den kommerziellen Wert des Projekts erkannt. Foto: Seeger

Beck und Baumann haben Frieden miteinander geschlossen. Aufklärungsarbeit leisten.

Seebach - Es ist Anfang Dezember, und nicht einmal auf dem über 900 Meter gelegenen Ruhestein zwischen dem Kreis Freudenstadt und dem Ortenaukreis ist um diese Zeit Verlass auf Schnee. "Liegt vielleicht an der Klimaerwärmung", spekuliert einer aus der Wandergruppe, doch so genau wisse man das halt nicht.

Eine ganz andere "Klimaerwärmung" ist an diesem Tag hingegen offensichtlich: die zwischen dem Freudenstädter CDU-Landtagsabgeordneten Norbert Beck und Umweltstaatssekretär Andre Baumann. Die Zeit, in der die beiden in Sachen Nationalpark Schwarzwald mit ihren Meinungen weit auseinander lagen, ist noch gar nicht so lange her. Beck, entschiedener Gegner des Naturschutzprojekts, und Baumann, glühender Befürworter, fanden bei diesem Thema kaum einen Nenner.

Heute ist das anders: Zusammen begrüßen sie eine Gruppe von CDU-Mitgliedern, die sich ihnen zur gemeinsamen Wanderung im Nationalpark angeschlossen hat. Aufklärungsarbeit leisten statt postfaktische Diskussionen führen, heißt die Mission der beiden Landesvertreter, deren Rolle sich seit der Landtagswahl grundlegend geändert hat. Baumann wechselte als ehemaliger Nabu-Chef Baden-Württembergs ins Umweltministerium, Beck von der Oppositionsbank in die Regierungsreihen. Und beide, so scheint es, müssen diesen Rollenwechsel verarbeiten – der eine, indem er sich im neuen Amt zurechtfindet, der andere, indem er manche Dinge neu einsortiert. "Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt bin ich angekommen", sagt Baumann über seinen neuen Wirkungskreis und erzählt schmunzelnd: "In der ersten Wochen als Staatssekretär musste ich noch meine eigenen Nabu-Schreiben beantworten."

Norbert Beck hingegen hat das Thema Nationalpark Schwarzwald neu einzusortiert: "Ich habe mit dem Park meinen Frieden gefunden", bekräftigt er auf der Wanderung erneut. Nach diesem Bekenntnis in einem früheren Interview mit unserer Zeitung habe er "bitterböse Mails" und eine Menge Fragen bekommen, sagt Beck. Entsprechend lang ist der Fragenkatalog, den er mitgebracht hat und dem Staatssekretär sowie den beiden Nationalparkdirektoren Wolfgang Schlund und Thomas Waldenspuhl vorlegt. Ob das Holz für den Bau des geplanten Besucherzentrums im Park aus der Region genommen oder wegen der Ausschreibungsmodalitäten womöglich importiert wird, will der Abgeordnete wissen.

Der Staatssekretär beruhigt: "Das war nicht einfach und alles andere als trivial, aber wir haben einen Weg gefunden, um den Bau mit regionalem Holz erstellen zu können." Das Land werde das Bauholz als Eigenleistung in das Projekt einbringen, erläutert Baumann. "Damit habt ihr eine saubere und legale Lösung gefunden", lobt der CDU-Mann und spricht gleich den nächsten "wunden Punkt" in Sachen Besucherzentrum an: die Kosten.

Besucherzentrum: Kosten steigen von 22 auf 37 Millionen Euro

Die seien 2013 beim Kabinettsbeschluss zum Bau unter Grün-Rot noch auf 22 Millionen Euro geschätzt worden, zwischenzeitlich lägen sie bei 37 Millionen, kritisiert Beck. Damals sei es lediglich um die reinen Haus-Kosten gegangen, jetzt habe man ein Gesamtpaket mit Ausstellung im Zentrum, Parkplätzen und Erschließungskosten geschnürt, erklärt Nationalparkdirektor Schlund die Mehrausgaben, und Baumann beruhigt: "Wir müssen jetzt schauen, dass es nicht teurer wird, aber wir bekommen dafür auch die S-Klasse­ unter den Nationalparkzentren", verspricht er.

Doch Beck hat noch mehr Themen auf seinem Zettel: Der Nationalpark soll bei anfallenden Handwerksarbeiten die Betriebe der Region mehr berücksichtigen, fordert er. Waldenspuhl klärt auf: Von den rund zehn Millionen Euro Haushaltsvolumen des Nationalparks würden fünf Millionen in die Region fließen, die damit direkt vom Park profitiere, versichert er. Indirekt werden die 18 Gemeinden, die zur Nationalparkregion gehören, künftig aber auch durch die touristischen Anreize des Parks zusätzliche Gewinne machen, glaubt der Direktor – nicht zuletzt auch über ein gemeinsames Tourismuskonzept, an dem gerade mit Hochdruck gearbeitet werde.

In der Zusammenarbeit der Region sieht auch der Bürgermeister von Baiersbronn (Kreis Freudenstadt), Michael Ruf, eine große Chance für den Nordschwarzwald. Zwar seien die Gemeinden und Städte in der Nationalparkregion mit derzeit rund einer Milliarde Umsatz im Tourismusbereich gut aufgestellt, doch langfristig hätten laut Branchenhochrechnungen nur Destinationen mit mehr als drei Millionen Übernachtungen pro Jahr eine Chance auf dem Markt, meint er. "Das schaffen wir nur zusammen, deshalb müssen Gemeinde-, Landkreis- und Regierungsbezirksgrenzen aus den Köpfen raus", meint Ruf. Die Nationalparkregion müsse über den gemeinsamen Auftritt bei Tourismusmessen hinaus im Marketing eng kooperieren.

Gleiches gilt auch für das Verkehrskonzept rund um den Park und dessen Anbindung an die Ballungszentren. Mit rund zwei Millionen Euro wird es vom baden-württembergischen Verkehrsministerium finanziert und soll mit E-Mobilität­ und digitalen Angeboten für Smartphone und Navi vor allen auch dem Aspekt der Nachhaltigkeit Rechnung tragen. "Der Nationalpark muss nicht nur für den Dreizehenspecht, sondern auch für die Menschen der Region ein Gewinn sein", meint Baumann und erntet Zustimmung von Beck.

Bleibt noch die Parkkulisse auf dessen Fragenblatt: Die ist nicht zusammenhängend, sondern mit den Bereichen rund um den Hohen Ochsenkopf (Kreis Rastatt) und dem Ruhestein zweigeteilt, was dem CDU-ler gar nicht gefällt. "Wir haben halt keinen Nationalpark aus dem Lehrbuch, sondern einen aus dem Leben", meint der Staatssekretär und verweist auf die Eigentümer der Flächen zwischen den Parkteilen. Die müssten aktiv werden, dann könnte es einen Nationalpark Schwarzwald aus einem Guss geben.

"Das wäre sicher sinnvoller", pflichtet Baumann dem Abgeordneten bei. "Wir beide haben wirklich kein Problem miteinander", kommentiert Beck abschließend die neue Einigkeit mit dem früheren Nabu-Chef, und irgendwie scheint Baumanns Beschreibung der grün-schwarzen Koalition auch für die beiden Landesvertreter treffend: "Da haben sich zwei gefunden, die sich eigentlich gar nicht gesucht haben – aber die Flitterwochen haben sie schon mal gut überstanden."