Jens Gaiser hat es 2006 sogar bis zu den Olympischen Winterspielen in Turin geschafft und dort für seine Heimat historisches erreicht. Foto: Christian Lenk

20 Jahre ist es her, da feierte nicht nur seine heimische Region den Baiersbronner Kombinierer Jens Gaiser – 2006 nahm er nämlich an den Olympischen Winterspielen teil.

Die Nordische Kombination ist aktuell in aller Munde. Nathalie Armbruster vom Kniebis ist weltweit das Maß der Dinge in dieser noch jungen Damen-Disziplin. Wenig überraschend geht sie auch wieder als die große Favoritin auf die Weltcup-Krone, denn in Trondheim (Norwegen) startet am Wochenende die Weltcup-Saison 2025/26.

 

Auf obersten Instanz herrscht Uneinigkeit

Dazu schwelt im IOC die Diskussion, ob die Nordische Kombination der Damen ins olympische Programm aufgenommen wird, oder ob vielleicht sogar auch die Männerwettbewerbe zukünftig gestrichen werden sollen. Nicht zu vergessen, dass am vergangenen Wochenende die Weltcup-Saison der Herren im finnischen Ruka an den Start ging. Ein Mann aus regionaler Sicht fehlte allerdings – der Baiersbronner Manuel Faißt.

Er wird nach seinem Riss der linken Achillessehne diesen Sommer nicht ins Wettkampfgeschehen eingreifen können. Ein anderer Baiersbronner ist dagegen dennoch irgendwie dabei: Jens Gaiser – und damit startet der Blick zurück.

Genau 20 Jahre ist es diesen Winter her, als die Region den Kombinierer Jens Gaiser feierte. Die Saison 2005/06 mit dem Höhepunkt der Olympischen Winterspiele in Turin war Gaisers beste Saison. Damals war der heute 47-Jährige der Schlussläufer der deutschen Olympia-Staffel und gewann zusammen mit Björn Kircheisen, Georg Hettich und Ronny Ackermann die Silbermedaille und nicht nur das – Jens Gaisers Turiner Silbermedaille war die erste Olympiamedaille eines Wintersportlers aus dem Kreis Freudenstadt überhaupt.

Der Weg von Baiersbronn bis zur Nationalauswahl

Gaiser war aber schon lange vor den Winterspielen 2006 als Kombinierer in Erscheinung getreten. Sein erster internationaler Einsatz waren die Junioren-Weltmeisterschaften 1997 in Canmore (Kanada). Auch damals holte Gaiser gemeinsam mit Hettich und Ackermann die Silbermedaille im Sprintwettbewerb. Von da an, war der Baiersbronner fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft und durfte direkt im Anschluss an die Junioren-WM auch an den Weltmeisterschaften der Aktiven in Trondheim teilnehmen, wo er ebenfalls im Teamwettbewerb Platz sechs belegte.

1998 feierte Gaiser dann sein Weltcup-Debüt. Seine beste Platzierung im Weltcup sicherte er sich im Dezember 2001 mit einem vierten Platz in Lillehammer. 2002 folgte dann die Olympia-Premiere des 1,87 Meter großen und 75 Kilogramm schweren Musterathleten.

Im Sprint von Salt Lake City belegte er damals Rang 19, bevor vier Jahre später dann mit der bereits angesprochenen Silbermedaille in Turin die Krönung seiner Karriere folgte. Im April 2006 wurde es deshalb mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet.

Im Kreis Freudenstadt wurde Gaiser zudem in den Jahren 1996, 1997, 1998 und 2000 zum Sportler des Jahres gewählt. 2007 war dann Schluss mit Leistungssport, und Gaiser schloss seine Ausbildung zum Schornsteinfeger ab – ein Beruf, den er bis 2014 ausübte.

Es folgten dann sechs Jahre als Produktionsmitarbeiter bei einem großen Automobilzulieferer in Altensteig, ehe sich der Olympionike entschied, komplett umzusatteln. Für ihn ging es mit einer dreijährigen Umschulung zum Physiotherapeuten weiter und seit 2023 arbeitet er in einer Baiersbronnerer Physiopraxis.

Gaiser trägt nicht nur für sein Land Verantwortung

Sportlich war es dagegen lange still um ihn. Nach seinem Karriereende 2007 war er nämlich erst einmal weg vom Sport. Vor knapp zehn Jahren fing dann aber Sohnemann Nils Gaiser an, sich für den Sport des erfolgreichen Papas zu interessieren. Und was liegt da näher, als mit seiner Erfahrung und seinem Trainingswissen den Sohn zu unterstützen.

Fortan schlossen sich immer mehr Kinder und Jugendliche dem Vater-Sohn-Team der Gaisers an – und so entstand nach und nach eine Trainingsgruppe unter der Schirmherrschaft des SV Mitteltal-Obertal, die auf rund 50 Personen herangewachsen ist.

Doch auch international ist Jens Gaiser wieder im Spiel. Als Physiotherapeut des Deutschen Continental-Cup-Herren-Teams ist der Baiersbronner im Konzert der Großen vertreten. Neben dem Deutschen Team betreut er dort auch die Mannschaften der Schweiz, Niederlande und Kasachstan. Nachdem Bundestrainer Erik Frenzel dann auch angeklopft hatte, war Gaiser bis vor zwei Wochen auch in der Vorbereitung des deutschen A-Kaders in Klingenthal und Ruhpolding als Physiotherapeut dabei.

Verständnis für diesportliche Abwanderung

Somit ist auch die Brücke zum Ausfall von Faißt geschlagen, denn dank Gaisers Arbeit in den Nationalmannschafts-Lehrgängen ist Baiersbronn dennoch irgendwie im Weltcup 2025/26 vertreten – wenn auch indirekt.

Doch trotz des Erfolges mit seinem Sohn sieht Gaiser seine Sportart in Gefahr. Die Diskussionen des IOC, die weiblichen Kombiniererinnen nicht zu Olympia zuzulassen, würde nämlich im Gegenzug fast zwangsläufig bedeuten, dass auch die Herren aus dem Olympiaprogramm weichen müssten.

Soweit ist es zwar noch nicht, aber genau diese Diskussionen und die damit verbundenen Unsicherheiten sind es aktuell, die bewirken, dass es vor allem im Damenbereich merklich weniger Nachwuchsathletinnen gibt.

„Völlig nachvollziehbar. Warum soll eine talentierte Sportlerin im Moment in eine Sportart investieren, bei der nicht sicher ist, ob sie zu den Olympischen Spielen darf? Daher ist die Abwanderung vieler zu den Spezialistinnen im Langlauf oder zu den reinen Springerinnen momentan ein großer Trend. Das aber wiederum befeuert die Mühlen der Gegner, die sich im Gegenzug auf die geringe Zahl der weiblichen Kombiniererinnen berufen und daher gegen ein Go für Olympia sind“, erklärt Gaiser. Für ihn sei das ganz ein „richtiger Teufelskreis“, bei dem das IOC aus seiner Sicht schnell mit klaren Aussagen für Ordnung sorgen muss.

Weitreichende Folgen eines Olympia-Ausscheidens

„Ein Olympia-Aus für die Kombination hätte neben den sportlichen auch viele persönliche Konsequenzen. Das Deutsche Sportsystem, die verschiedenen Sportfördergruppen und weitere finanzielle Fördertöpfe basieren auf Olympischen Sportarten.“

Für den Negativfall zeichnet Gaiser ein schwarzes Bild vor Augen: „Fällt also die Nordische Kombination aus dem olympischen Programm raus, fallen auch diese ganzen Arbeitsplätze für Spitzensportler in den Fördergruppen weg, was über kurz oder lang auch das Ende der Nordischen Kombination zur Folge hätte.“

Jedoch haben ehemaligen Topsportler wie Gaiser weiterhin die Hoffnung, dass es auch über 2030 hinaus Olympische Medaillen in der Nordischen Kombination zu holen geben wird – wenn auch noch ohne Klarheit, in welchen Disziplinen das der Fall sein wird.