Der DFB verkündet seinen EM-Kader diesmal auf ungewöhnliche Art und Weise. Das steht dem Verband nicht schlecht, kommentiert unser Reporter Dirk Preiß – hat aber auch seine Schattenseiten.
Der Kuchen für Oma Lotti zeigt am Montagvormittag: Jonathan Tah ist dabei. Die Dachdeckerin Chiara sagt uns am Abend: Manuel Neuer fährt mit. Und wer sich Dienstagfrüh eine Brötchentüte in Nagold füllen ließ, wusste: Auch Chris Führich reist zur EM. Ein Boulevardmagazin darf auch noch eine Nominierung verkünden, ebenso die altehrwürdige „Tagesschau“, bekannte Fußball-Streamer kommen auf Youtube noch zum Zug, ein Radiosender ist zudem mit dabei. Keine Frage: Mit seiner zeitlich wie inhaltlich ungewöhnlichen Art der Kader-Präsentation hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ziemlich viele überrascht.
Klar ist: Der oft als verkrustet und veraltet wahrgenommene Verband hat sein Ziel schon nach drei Tagen erreicht. Er kommt, zumindest im Bereich der Nationalmannschaft, frischer, moderner und überraschender daher als einst. Womöglich auch etwas bodenständiger und weniger staatstragend als zu Zeiten, in denen man Medien und Funktionäre auch gern mal ins Restaurant auf der Zugspitze einlud, um ein Aufgebot für die Europameisterschaft zu verkünden. Und: Der DFB bestimmt mit seinem Nationalteam die Nachrichten nicht nur an einem Tag der Verkündung – sondern eine ganze Woche lang. Da die Lust auf die Heim-EM nach wie vor nicht recht verbreitet zu sein scheint, kann das nicht schaden.
Auf der anderen Seite ist genau diese Streckung auch ein Kritikpunkt. Der ohnehin alle anderen Sportarten dominierende Fußball nimmt sich mal wieder heraus, über Tage den medialen Sportfokus auf sich zu lenken – mehr, als das ohnehin der Fall ist. Die mögliche Begründung, man wolle so das Leaken der eigentlich geheimen Kaderliste verhindern, ist Quatsch. Denn mittlerweile wird fleißig geleakt und spekuliert, welcher Spieler als nächster genannt wird. Und erklären kann der Bundestrainer seine Entscheidungen so auch nicht. Die Diskussionen werden also angeheizt, aber erst einmal nicht argumentativ heruntergekühlt.
Das wird Julian Nagelsmann am Donnerstag nachholen – falls das dann noch jemanden interessiert.