Ein Schäferroman, wie es noch keinen gegeben hat: Markus Thielemann überschreibt in „Von Norden rollt ein Donner“ pastorale Idyllen mit finsterer Wirklichkeit.
Schäferromane handeln von verliebten Hirten, schlafenden Nymphen, tanzenden Satyrn. Sie zeichnen das Land eines vergoldeten Alltags, in dem es nie regnet, regiert von Gefühl und Frieden, fernab von allem, was diese Harmonie stören würde. Doch so unschuldig, wie sich das anhört, war das Schwellenreich zwischen Mythos und idealisierter Natur nie. Arkadien ist eine Ausgeburt städtischer Zivilisationen, die ihre Verlusterfahrungen mit ländlichen Idyllen tapezieren. Schon bei Vergil findet sich inmitten der bukolischen Szenerie ein Grab, das die elegische Erinnerung markiert.
Der in Ludwigsburg geborene Autor Markus Thielemann hat einen Schäferroman geschrieben. Er spielt in der Lüneburger Heide. Aber schon der Titel deutet darauf hin, dass sich die Wetterverhältnisse für die Hirten von heute geändert haben: „Von Norden rollt ein Donner“. Gleich zu Beginn mischt sich zudem in herbstliches Himmelsgrollen das Krachen der Panzermunition, die auf dem benachbarten Fabrikgelände des Waffenherstellers Rheinmetall getestet wird. Der junge Jannes Kohlmeyer hat eine Ausbildung zum Viehwirt gemacht. Näher als Arkadien, dürfte ihm das Tolkien’sche Auenland aus den „Herr-der Ringe“-Verfilmungen stehen. Er treibt eine Herde Heidschnucken durch verlassene Weiten. Ein einsilbiges Geschäft in archaischem Ödland, Moder und Fäule liegt in der Luft, schmucklose Siebzigerjahrebauten säumen den Waldrand, dazwischen Landebahnen, Sperrgebiete. Irgendwo hängt eine Deutschlandfahne schlaff am Mast, dahinter das steinerne Denkmal für den Heide-Dichter Hermann Löns.
Aufgebrezelte Hirten
„Ohne den Löns gäbe es hier keine Heide mehr“, sagt Jannes‘ Großvater, er habe den Deutschen erst die Augen für deren Schönheit geöffnet. Was auch die Nationalsozialisten zu würdigen wussten, die den eingefleischten Antisemiten mit einem Staatsbegräbnis belohnten.
Thielemann überschreibt die pastorale Fiktion mit ihrer rauen Wirklichkeit. Schäferromantik ist eine Sache für die Touristen, die im Sommer in das Gebiet einfallen, und ihre Kameras auf die eigens dafür mit traditioneller Hirtenmontur aufgebrezelten Viehwirte richten. „Unsere Ernte im Sommer sind die reichen Knacker aus den Städten. Abgerechnet wird hier am Ende doch in Kaffeefahrten“, krächzt der Großvater in das Mikro einer NDR-Dokumentation, die die Familie zu Schaustellern ihrer selbst macht – „das Leben in der Heide zwischen Tradition und Moderne“. Und manchmal werfen sich angesäuselte Städter Jannes in den Weg, um ein Lob auf das einfache Dasein zu faseln.
Visionen und Geheimnisse
Doch der hat andere Sorgen, der Wolf kehrt zurück. Nicht nur das hat seinem Vater den Kopf verdreht, das Gedächtnis lässt ihn im Stich. Die Großmutter hat sich bereits in die Demenz verabschiedet, und auch bei Jannes selbst stimmt irgendetwas nicht. Nach einem tristen Besäufnis mit seinen Kumpels sieht er zum ersten Mal Dinge, die sich außer ihm niemand zeigen. Spuk oder Psychose? Vom Schwellencharakter Arkadiens ist eine Borderline-Störung geblieben. „Etwas hat sich verschoben.“ Über die Grenze schieben sich Visionen, der radikal-realistische Text kippt in eine Schauergeschichte – und das ist nicht der letzte Gestaltenwandel. Die Wirklichkeit setzt sich darin in einem anderen Aggregatzustand fort, denn möglicherweise steckt hinter den seltsamen Erscheinungen, hinter dem wirren Gestammel der Großmutter ein verborgener Sinn, ein verdrängtes Geheimnis.
Auch im Zentrum dieser ausgenüchterten Hirtenwelt befindet sich ein Grab. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen lag nicht weit, in der Rüstungsfabrik waren Zwangsarbeiter beschäftigt, und Wölfe oder was man dafür hielt, gab es früher auch. Dass die Heimat braunen Boden hat, ist ein Topos der kritischen Dorfgeschichte. Aber selten wurden die Verhältnisse so raffiniert durchleuchtet, in die Fiktion und Wirklichkeit ineinander treten können.
Amnesie und böse Erinnerung gehen Hand in Hand. In der Nachbarschaft zieht jemand mit seiner Familie ein, der „sehr traditionell“ unterwegs ist, als Deutscher trage er die Heide im Herzen, den Löns habe er schon von seinem Großvater vorgelesen bekommen. Seine Trachtenjacke aus Filz ziert als kleiner Anstecker eine Wolfsangel. „Das Ding hat man früher im Mittelalter benutzt, um sein Dorf und seine Lieben gegen Wölfe zu schützen“, erklärt er Jannes, „ein altes Zeichen für Widerstand und Kampf gegen die Bedrohung, Heimatschutz. Passt aber ja auch heute sehr gut in die Zeit, wenn man sich mal umschaut.“ Die SS sah das so ähnlich. Wölfe sind immer die anderen.
Die elegische Sehnsucht, für die das Grab in Arkadien steht, ist dem giftigen Traditionalismus gewichen, mit dem völkische Schwurbler und Reichsbürger ihre retrograden Ideologien bewirtschaften, die hier im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen gehen. Untermalt von aufziehendem Gewitter und dem Geschützdonner der nahen Waffenschmiede legt ausgerechnet ein Schäferroman mit präzisem Naturalismus und parabolischem Hintersinn offen, was falsche Erzählungen über die Vergangenheit anrichten. Allein für diese faszinierende Volte hätte diese fesselnde, höchstgegenwärtige Geschichte den Deutschen Buchpreis verdient.
Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner. C.H. Beck. 287 Seiten, 23 Euro.
Info
Autor
Markus Thielemann, 1992 in Ludwigsburg, lebt in Hannover. Er studierte Geografie und Philosophie in Osnabrück, anschließend Literarisches Schreiben in Hildesheim. „Von Norden rollt ein Donner“ ist sein zweiter Roman.
Buchpreis
Am 14. Oktober wird in Frankfurt zum Auftakt der Buchmesse der Deutsche Buchpreis verliehen. Neben Markus Thielemann sind nominiert: Clemens Meyer „Die Projektoren“, Martina Hefter „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“, Iris Wolff „Lichtungen“ und Maren Kames „Hasenprosa“.