Eckhart Nickel lässt das Biedermeier in neuem Licht erscheinen. Foto: Jana Mai/F.A.Z.-Foto

Eckhart Nickels Roman „Spitzweg“ ist ein listig verschachteltes Satyrspiel auf die ästhetischen Konzepte der popliterarischen Schnöseldécadence vergangener Tage.

Zeitgenössische Romane handeln in der Regel von sozialen Problemen, Abstiegsängsten, Identitätskonflikten und wenn es in einer immer weiter zersplitternden Wirklichkeit eine gemeinsame Perspektive gibt, dann ist es die auf eine sich verdüsternde Zukunft. Von was sie aber eher nicht handeln, sind Bilder eines Biedermeiermalers, es sei denn, sie hängen an den Wänden von Berliner Altbauwohnungen als Kontrast zu den sich vor ihnen abspielenden Verfallsgeschichten neubürgerlicher Lebenskonzepte. Insofern ist Eckhart Nickels für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman „Spitzweg“ ein kühner Solitär. Denn hier sind Werke, die behagliche Titel tragen wie „gähnender Wachposten“, ein zentrales Handlungselement.

 

Die beiden jungen Leute, die sie mit professoraler Beschlagenheit und bewundernswerter sprachlicher Geschmeidigkeit entschlüsseln, haben für den gleichaltrigen Pöbel, „dauerkaugummikauende Tunichtgut-Girls“ und ihre Entourage nur Verachtung übrig. Vor den Zudringlichkeiten des Gewöhnlichen ziehen sie sich in ein Kunstversteck zurück, worin sie mit partisanenhafter Entschlossenheit einen aus der Zeit gefallenen Habitus pflegen und nebenbei eine Mitschülerin, mit der sie eine Art Dreierbund bilden, für eine erlittene Schamszene rächen. „Ausgesprochen gelungen, Respekt: Mut zur Hässlichkeit!“, so hat die Kunstlehrerin das Selbstporträt der Talentiertesten in der Klasse gewürdigt – ein vergiftetes Lob, das Sühne verlangt.

Verspielte Künstlichkeitsetüde

Auf ihrem putzigen Feldzug durch bürgerliche Hinterwelten und Bildersäle mit stumm vor sich hintanzenden Staubkörnchen werfen die halbwüchsigen Protagonisten, die man geneigt ist, Knaben zu nennen, mit Chopin-Platten und kunstgeschichtlichen Impulsreferaten um sich. Bilder und Menschen verschwinden. Es gehört einiger Mut dazu, daraus einen Roman zu machen. Und vielleicht sollte man an dieser Stelle einmal nach der Herkunft der verspielten Künstlichkeitsetüde fragen.

Eckhart Nickel hat 2004 zusammen mit Christian Kracht in Kathmandu zwei Jahre lang die Zeitschrift „Der Freund“ herausgegeben, die den Literaturwissenschaftler Moritz Baßler zu einem Artikel über „Poetik und Semiotik des Dandyismus am Beginn des 21. Jahrhunderts“ inspiriert hat. Seitdem sind einige Jahre ins Land gegangen. „Spitzweg“ erscheint wie ein listig verschachteltes Satyrspiel auf die ästhetischen Konzepte der popliterarischen Schnöseldécadence.

Der ironisch aufgebügelte Markenwahn kehrt wieder in zugespitzter Form der Produkte des Bleistiftherstellers Faber-Castell, überschrieben mit Referenzen und Anspielungen aus dem Kunstversteck des Bildungsbürgertums. Aus den Anfangsbuchstaben hehrer Namen und Begriffe haben sich die konservativen Revoluzzer-Poser eine Art Geheimsprache geschaffen, mittels der sie untereinander kommunizieren, und sei es nur um Comicsprechblasenlaute in ein Akrostichon zu verwandeln. „Nabokov Aesop Chatwin Helium/Raben Ewig Chatwin Helium Tand Sonne“, lautet einmal die Botschaft bei der Schnitzeljagd durchs Museum – NACH RECHTS. Bezieht sich diese Richtungsangabe wirklich nur auf die Raumordnung, rechts die Gegenwart, links die Antike? Oder ist anderes darin versteckt? Aber natürlich kann man es mit dem Spurenlesen auch übertreiben. Immer wieder meint man ein leises Kichern hinter sich zu hören.

Es gibt von Spitzweg ein Bild mit dem Titel „Gnom, Eisenbahn betrachtend“, in dem sich Moderne und Märchenwelt begegnen. „Carl“ kehrt die Blickrichtung um. Die seltsamen Halbwüchsigen von heute blicken zurück auf eine ferngerückte verwunschene Agenda, die immer noch einen daueradoleszenten Zauber übt – oder gleich auf die Romantik, als wäre die Feuerzangenbowle ein goldener Topf, aus dem sich statt des ewigen Einerleis eine durch Kunst geläuterte Wirklichkeit schöpfen ließe.

Eckhart Nickel: Spitzweg. Roman. Piper Verlag. 256 Seiten, 22 Euro.