Riskantes Unternehmen Foto: IMAGO/Emmanuele Contini/IMAGO/Emmanuele Contini

„Trottel“: Jan Faktor erzählt in heiterem Ton über ein Dissidentenleben in der späten DDR, doch im Mittelpunkt steht eine Tragödie.

Die Kunst der poetischen Abweichung hat der 1951 in Prag geborene Jan Faktor im literarischen Underground Ostberlins erlernt. Der tschechische Jungautor mit jüdischen Wurzeln übersiedelte 1978 der Liebe wegen aus Prag nach Ostberlin, um sich dort den rebellischen Prenzlauer Berg-Poeten um Bert Papenfuß und Stefan Döring anzuschließen. Dort demonstrierte er geradezu mustergültig – so schrieb Adolf Endler damals – , wie man „den unausgesprochenen Verabredungen darüber, wie Literatur zu sein habe, ein unschuldig tuendes, böses Schnippchen schlägt“.

 

Nach experimentell ambitionierten Gedichtbänden überraschte Faktor 2010 mit dem vielfach verzweigten Kindheits- und Entwicklungsroman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“, mit dem er auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangte. Von ehemaligen Mitstreitern aus der Szene wurde er dafür als „Verräter“ und „Opportunist“ beschimpft. Nun hat er eine literarische Fortsetzung seines Epos vorgelegt.

Posthume Selbsterrettung

Die „gute Laune“, die Faktor in seinem neuen Roman „Trottel“ so demonstrativ als Antriebskraft seines Schreibens ankündigt, können wir diesem Autor indes nicht ganz abnehmen. Denn der Ausgangspunkt des so reich mit vergnüglichen, heiteren und burlesk ausschweifenden Erzählpassagen ausgestatteten „Trottel“-Romans ist eine furchtbare Tragödie. Im Jahr 2012 hat sich Jan Faktors Sohn im Alter von 33 Jahren das Leben genommen – ein Ereignis, das den Autor in eine tiefe Krise stürzte und das er nun, in einer posthumen Selbsterrettungsmaßnahme, in einer Art Schelmenroman zu verarbeiten sucht.

Wer einen Romanhelden erfindet, der sich selbst bezichtigt, ein „Trottel“ zu sein, der erwartet nicht nur Nachsicht beim Leser, sondern auch die Bereitschaft, sich für den liebenswürdigen Protagonisten und dessen Freude an literarischer Ketzerei zu begeistern.

Mit seinem autofiktionalen „Trottel“-Roman ist Faktor nun erneut auf der Shortlist gelandet. Doch kann der Versuch gelingen, mit den Mitteln des Schelmenromans eine angemessene Darstellungsform für den Tod des eigenen Sohnes zu finden? Und wie lässt sich überhaupt eine Lebenskatastrophe erzählen? Jan Faktor startet dazu eine erzählerische „Achterbahnfahrt“ in 29 Kapiteln, die bewusst sprunghaft-assoziativ aufgebaut sind: „Ich habe inzwischen immer weniger Lust, beim Aufbau dieses Prosaversuchs auf zeitliche Abläufe zu achten, also zu versuchen, dem mittlerweile angerichteten Chaos nachträglich oder vorausschauend gegenzusteuern.“

Amüsante Details

Faktors autofiktionaler „Trottel“ pendelt nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 lange Jahre zwischen seiner tschechischen Heimat in Prag und Ostberlin hin und her, bevor er sich 1978 endgültig in die Hauptstadt der DDR niederlässt, die Tochter von Christa Wolf heiratet und alsbald im Biotop der „Prenzlauer Berg-Connection“ Fuß fasst. In einer der skurrilsten Szenen des Romans begegnet der Trottel einem „Ledermann“, der die Züge des Dichters Bert Papenfuß trägt. In bewundernswert mäandernden Sätzen, kunstvoll gesetzten Abschweifungen und kokett-absurden Fußnoten erzählt Faktor allerlei amüsante Details über die Alltagskultur in den realsozialistischen Metropolen Prag und Ostberlin.

Durch Faktors Liebe zum Humor erscheint der SED-Staat bisweilen fast niedlich: „Die DDR war einfach ein Musterland, sie war glänzend verrottet, tiefst im Strunk eingeräuchert und baggerte sich außerdem den Braunkohl- und Wirsing-Boden unter den Füßen weg.“

Der durchweg heitere Ton des Erzählers bricht sich immer wieder an der Geschichte des unaufhaltsam in die Schizophrenie gleitenden Sohnes, mit dem sich der Vater in Wortgefechte begibt und sich gewissermaßen das Trotteltum teilt.

Jan Faktor betreibt einen enormen erzählerischen Aufwand, um potentiellen Unmut gegen sein Konzept gleichsam vorab abzuwehren. Als literarischen Impulsgeber preist er zudem den pathetischen Brachial-Rock der Band Rammstein, wobei er es mit den Huldigungen ziemlich übertreibt. Im Buchdeckel befinden sich nicht zufällig Vorschläge an Berufskritiker, die grimmige Formulierungshilfe leisten: „Spielt dieser Roman zufällig in seiner eigenen Liga oder agiert da vielleicht doch ein Ahnungsloser, der nicht merkt, wie grundsätzlich er sich selbst dabei beschädigt?“

Es ist, so kann man vielleicht antworten, ein riskantes Unternehmen, den Schock über den Verlust des eigenen Sohnes in Gestalt eines burlesken Gesellschaftsromans darzustellen. Mit virtuoser Ausschweifungskunst ins Skurrile ist der Schatten, der auf diesem Sterben liegt, nicht aufzuhellen.

Jan Faktor: Trottel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 400 Seiten, 24 Euro.