Nobilia mit Sitz im ostwestfälischen Verl hat im vergangenen Jahr mehr als 780 000 Küchen produziert und ausgeliefert. Foto: /Jürgen Rehrmann

Der Pfullendorfer Küchenhersteller Alno ist insolvent, dabei verzeichnet die Branche steigende Umsätze und Aufträge. Doch Küchen könnten teurer werden – und zwar aus einem bestimmten Grund.

Stuttgart/Pfullendorf - Küchen sind gefragt. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz der deutschen Küchenmöbelhersteller um 4,5 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro gestiegen. In den ersten vier Monaten 2021 liegt das Plus sogar bei 14 Prozent. „Die Branche hat sich trotz Corona-Einschränkungen recht gut geschlagen“, sagt Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Küchenmöbelindustrie (VdDK).

 

Selbstgekochtes statt Kantine lag wegen Corona und Homeoffice im Trend. Weil bei vielen Verbrauchern Urlaubsreisen flachfielen, wurde das Geld zu Hause investiert. „Der Trend geht zu höherwertigen Küchen und Geräten“, sagt Volker Irle, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e. V. (AMK), die Küchenmöbelhersteller, Zulieferer, Hausgerätehersteller und Einkaufsverbände vertritt.

Nach Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ließen sich die Deutschen ihre neue Küche durchschnittlich 9678 Euro kosten – das sind 425 Euro mehr als im Jahr 2019. Insgesamt wurden 2020 in Deutschland 1,43 Millionen Küchen verkauft. Treiber war vor allem das Inlandsgeschäft. Der Exportanteil der Branche, die in Deutschland etwa 41 000 Mitarbeiter beschäftigt, liegt bei gut 40 Prozent.

Erste potenzielle Interessenten für Alno

Alno, einst mit mehr als 2000 Mitarbeitern Europas größter Küchenhersteller, beschäftigt in Pfullendorf gerade noch 230 Mitarbeiter. Nach der ersten Insolvenz 2017 ist der Küchenhersteller kräftig geschrumpft und als Neue Alno GmbH unter dem Finanzinvestor Riverrock neu gestartet. Anfang Juli ging Alno wieder in die Insolvenz – eine Insolvenz in Eigenverwaltung, bei der die Geschäftsführung im Amt bleibt mit einem vom Gericht bestellten vorläufigen Sachverwalter an der Seite.

Die Suche nach einem Käufer für den Pfullendorfer Küchenhersteller läuft. „Der Verkaufsprozess des Unternehmens ist vor Kurzem gestartet. Alno befindet sich in einer schwierigen Lage, es gibt allerdings bereits erste potenzielle Interessenten“, sagt Holger Leichtle, Partner der Wirtschaftskanzlei Görg und vorläufiger Alno-Sachverwalter. Dass Alno in Not geraten sei, habe nichts mit dem laufenden Geschäft zu tun, sondern mit dem Eigentümer Riverrock. Alno sei mit plus 62 Prozent deutlich stärker gewachsen als der Markt, sagt Alno-Geschäftsführer Michael Spadinger. Riverrock hatte das Unternehmen Ende 2017 ohne Schulden übernommen und will sich davon trennen.

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Woher der mögliche Investor kommt, ist offen – möglicherweise aus China? Das wäre nicht zum ersten Mal der Fall, wie Branchenbeispiele zeigen. Erst 2020 wurde der deutsche Edel-Küchenbauer Poggenpohl aus Herford an den chinesischen Sanitär- und Küchenarmaturenhersteller Jomoo verkauft, und auch der nordrhein-westfälische Luxus-Küchenhersteller Siematic hat mit der Nison Group einen chinesischen Eigentümer.

Jede dritte Küche im Inland kommt von Nobilia

Bundesweit zählt der Branchenverband VdDK rund 50 Hersteller. Größter Küchenhersteller ist Nobilia mit knapp 4000 Mitarbeitern. Nahezu jede dritte in Deutschland verkaufte Küche kommt von dem Hersteller aus Verl (Ostwestfalen). Insgesamt produzierte Nobilia 2020 mehr als 780 000 Küchen.

Auch in Baden-Württemberg sitzen namhafte Hersteller, etwa Rempp Küchen im Schwarzwald oder Leicht Küchen in Waldstetten (Ostalbkreis). Der Mittelständler beschäftigt mehr als 600 Mitarbeiter. „Weltweit verzeichnen wir eine sehr hohe und stabile Nachfrage und wachsen im ersten Halbjahr 2021 mit deutlich mehr als 15 Prozent“, sagt Stefan Waldenmaier, Vorstandsvorsitzender der Leicht Küchen AG. Die Pandemie habe das Wertegefüge neu justiert. Der eigene Lebens- und Wohnraum habe an Bedeutung gewonnen und damit auch die Küche.

Preise für Spanplatten um bis zu 100 Prozent gestiegen

„Die Aufwertung des eigenen Zuhauses ist nachhaltig“, sagt AMK-Geschäftsführer Irle. Unwägbarkeiten drohten aber von der Rohstoffseite. Probleme gebe es bei Stahl und Holz. Für viele Unternehmen seien die Beschaffungskosten gestiegen.

Die Preise für Spanplatten seien sogar um bis zu 100 Prozent gestiegen, sagt VdDK-Geschäftsführer Kurth. Materialengpässe gebe es querbeet – von Beschlägen über Glasfronten bis zu elektronischen Komponenten in Einbaugeräten. Mit Prognosen halten sich die Experten zurück. Doch wenn die Problematik anhalte, könnten Küchen teurer werden – je nach Unternehmen und Notwendigkeit, die gestiegenen Beschaffungspreise weiterzugeben.

Auch Hausgeräte profitieren vom Küchenmarkt

Küchenindustrie
Sie hat von der Aufwertung des eigenen Zuhauses und dem Wohnungsbau profitiert. Die Zahl der zum Bau genehmigten Wohnungen stieg 2020 um 2,2 Prozent auf 368 400 Wohnungen.

Hersteller
Nobilia ist mit rund rund 1,37 Milliarden Euro Umsatz Deutschlands größter Küchenhersteller, gut die Hälfte davon entfällt aufs Inland, wo der Zuwachs bei knapp zehn Prozent lag. Auch Häcker im nordrhein-westfälischen Rödinghausen (fast 650 Millionen Euro Umsatz) sowie Schüller (Herrieden/Bayern) und Nolte (Löhne/Ostwestfalen) zählen mit deutlich über 500 Millionen Euro Umsatz zu den Großen der Branche.

Hausgeräte
Der positive Verlauf des Küchenmarkts spiegelt sich auch bei den Hausgeräten wider: Die Handelsumsätze mit Elektrogroßgeräten legten laut Statista 2020 um 10,4 Prozent auf zehn Milliarden Euro zu. imf