Der britische Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah war im Rahmen der Hermann-Staudinger-Vorlesungen zu Gast an der Universität Freiburg.
Rund 30 Nobelpreisträger haben in den vergangenen Jahren im Rahmen der Hermann-Staudinger-Vorlesungen an der Uni Freiburg Vorträge gehalten. Nun, rund zwei Jahrzehnte nach Beginn der Reihe, hat zum ersten Mal kein Naturwissenschaftler, sondern ein Schriftsteller das Podium in der Aula betreten: Abdulrazak Gurnah (77), gebürtig aus Tansania und seit Ende der 1960er-Jahre in England daheim, wurde 2021 für sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In seinen Romanen wie „Schwarz auf Weiß“ oder „Das verlorene Paradies“ befasst er sich mit Themen wie Migration, Flucht – er selbst kam als junger Mann als Flüchtling nach England – und Kolonialismus. Seine Bücher verfasst er in Swahili und englischer Sprache.
Von Shakespeares „Othello“ bis heute
Seinen Vortrag in Freiburg stellte Gurnah unter das Motto „Living Together“. Der Begriff gebe Anlass für Definitionsfragen, so der Literaturwissenschaftler. Es gehe beim Zusammenleben der Kulturen beispielsweise um die Frage, ob Zuwanderer in einer Gesellschaft fürs Zusammenleben eine Art Integrationsaufgabe zu erfüllen hätten. Eine Form von institutionellem Rassismus, den das britische Imperium über die Jahre perfektioniert habe.
Literatur erfüllt mehrere Aufgaben
Von Shakespeares „Othello“ bis in die Gegenwartsliteratur spannte Gurnah den Bogen, um schließlich zu dem Schluss zu gelangen, dass das Zusammenleben der Menschen letztlich eine Frage von Humanität und des Willens sei, Gemeinsamkeit zu schaffen.
Für ihn als Schriftsteller stehe auch die Frage im Raum, welche Rollen Literatur und Literaturkritik für das Zusammenleben spielen. Bücher und Geschichten hätten für ihn dabei mehrere Aufgaben: neben dem zu weckenden Interesse des Lesers am „Stoff“ eines Buches könnten sie kulturelle Identität stiften und zudem Erfahrung auch neu vermitteln.
Literatur als lebendiges Abbild der Realität
Man müsse nicht erlebt haben, wie es in einem Arbeitslager in der Sowjetunion zugegangen sei, wenn man Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ gelesen und dessen Schilderungen der Kälte in Sibirien bei der Zwangsarbeit verinnerlicht habe.Man müsse nicht erlebt haben, wie es in einem Arbeitslager in der Sowjetunion zugegangen sei, wenn man Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ gelesen und dessen Schilderungen der Kälte in Sibirien bei der Zwangsarbeit verinnerlicht habe.