Niko Kappel in Aktion. Er kann über 14 Meter stoßen. Foto: imago//Chai von der Laage

Der Kugelstoßer Niko Kappel reist zuversichtlich zu den Paralympics nach Tokio – doch Gold wie in Rio muss es nicht unbedingt sein.

Stuttgart - Der kleinwüchsige Kugelstoßer Niko Kappel freut sich auf die Paralympics, die am Dienstag starten. Aber er hat auch Respekt vor der Coronagefahr. Deshalb müsse im Team jeder auf jeden aufpassen.

 

Herr Kappel, wo befindet sich eigentlich Ihre Goldmedaille aus Rio de Janeiro? In einer Schublade oder an der Wand.

In der Regel hängt sie im Büro, also falls ich sie nicht mal abhänge, weil ich sie für irgendwas brauche. Ich lege sie dann einfach nur irgendwo hin, bis sie meine Freundin findet und sie dann wieder aufhängt. Für Ordnung ist sie bei uns zuständig. Bei mir würde das Ding irgendwo rumliegen.

Wozu braucht ein Sportler ein Büro?

So ein bisschen Bürokram muss ja jeder machen. Aber ich bin ja außerdem Gemeinderat in Welzheim.

Welche Medaille darf dann ihre Freundin nach den Paralympics dazu hängen?

Am schönsten finde ich natürlich schon die Farbe meiner ersten Medaille.

Es geht also wieder um Gold?

Ach, die anderen beiden Farben gefallen mir auch ganz gut. Ich will auf jeden Fall eine Medaille haben. Und zur goldenen kann ich nur sagen: Klar, wer will sie nicht?

Sie sind in Rio auf den Geschmack gekommen?

Wer dafür gekämpft hat und es erleben durfte, Gold zu gewinnen, für den wäre es natürlich am schönsten, es noch einmal erleben zu können. Aber lassen wir die Kirche ein bisschen im Dorf. Die anderen wollen das auch. Im Spitzensport gibt es kein Fair Play, nach dem Motto: heute gewinnst du und morgen wieder ich. Jeder will immer gewinnen.

Ist Bronze nicht schöner als Silber? Man hat es noch aufs Podest geschafft, während der Zweite die Goldmedaille verloren hat.

Ich würde mich auch extrem über Silber freuen, denn dann war ja nur einer besser als ich – und nicht zwei. Aber es ist ja so: Zu solch einem Großereignis zu reisen ist schon ein riesiger Act, etwas ganz Besonderes. Und wenn man dann noch am Tag X zu den besten Drei der Welt gehört, dann ist das schon herausragend. Auch ein vierter, fünfter oder sechster Platz ist Weltklasse.

Sie hatten vor einigen Wochen Rückenprobleme. Geht es wieder besser?

Ich hatte bei ruckartigen Drehbewegungen starke Schmerzen über dem Steißbein. Eine untypische Stelle, die deshalb auch schwierig zu behandeln war. Dort hat der Mensch nur Sehnen und keine Muskeln, die Stelle ist deshalb schlecht durchblutet und heilt nicht wirklich. Nach den Paralympics werde ich danach schauen lassen. Es wird auf jeden Fall nicht schlechter. Seit vier Wochen kann ich wieder schmerzfrei trainieren.

Sind Ihre letzten Weiten so gewesen, dass Sie mit gutem Gefühl anreisen?

Zuletzt im Trainingslager habe ich deutlich bessere Ergebnisse erzielt als die, die ich in diesem Jahr so produziert habe. Meine Kurve ist aufsteigend. Daran muss ich jetzt bis zum Wettkampftag akribisch arbeiten. Ich bin noch nicht ganz da, wo ich gerne wäre.

Sind Sie einer dieser Wettkampftypen, die sich reinbeißen, wenn es ernst wird?

Ja, das habe ich schon ein paar Mal bei sportlichen Höhepunkten bewiesen. Meine Bestleistungen sind auch immer höher gelegen als meine Trainingsleistungen – Gott sei Dank. Das macht mir Mut, dass auch in Tokio was für mich möglich ist.

Reisen Sie wegen Corona nicht auch mit ungutem Gefühl zu diesen Spielen?

Auf die Paralympischen Spiele freue ich mich, da gibt es überhaupt keine Bedenken. Doch was das Umfeld angeht, ist es in diesem Jahr schon sehr besonders. Vor Ort werden wir jeden Tag getestet und müssen jeden Tag einen Fragebogen ausfüllen. Als Team sind wir angehalten, aufeinander Rücksicht zu nehmen, weil wir da eine große Verantwortung haben. Was Kontakte angeht, wird alles auf das Minimale reduziert sein. Da müssen wir durch. Es hat ja alles seine Berechtigung.

Vorsicht ist das oberste Gebot?

Ja, denn keiner hat sich fünf Jahre auf die Paralympics vorbereitet, um dann drei Tage vor seinem Wettkampf in Quarantäne zu müssen oder sich gar zu infizieren.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht der paralympische Sport im Hinblick auf das öffentliche Interesse entwickelt?

Wenn man sieht, wo unser Sport herkommt, bin ich sehr zufrieden. Die sportlichen Leistungen haben sich enorm gesteigert, das Training wurde entscheidend professionalisiert, und die Athleten wurden in vielen Bereichen von Feierabend- zu Leistungssportlern. Bei den Spielen 2004 in Athen ging im Kleinwuchs-Kugelstoßen die Goldmedaille mit zehn Metern an den Sieger, heute stoßen wir über 14 Meter. Insgesamt fallen in der Para-Leichtathletik andauernd irgendwelche Weltrekorde. Dadurch wird die Aufmerksamkeit viel größer, die Gesellschaft steht hinter unserem Sport, und auch die Politik.

Spürt man das im Geldbeutel?

Es gibt in der Tat mehr Fördermittel, aber auch bessere Trainingsbedingungen.

Wie machen die sich bemerkbar?

Ich trainiere in Stuttgart auch unter dem Dach des Baden-Württembergischen Leichtathletik-Verbandes, der mit dem Behindertensportverband des Landes immer enger kooperiert. Es ergibt ja auch keinen Sinn, eine Parallel-Struktur mit Spezialtrainern für ein paar Top-Para-Leichtathleten aufzubauen. Mein Trainer Peter Salzer trainiert auch olympische Athleten. Ansonsten kann ich mich nicht beklagen. Mich begleiten und unterstützen einige Partner und Förderer. Darüber bin ich sehr dankbar.

Ist das TV-Interesse am paralympischen Sport inzwischen ausreichend?

Es hat sich viel getan. Vom Fußball mal abgesehen, sind wir eine der wenigen Sportarten, die Fernsehzeiten dazugewinnen. Wir bekommen immer mehr Live-Übertragungen, auch außerhalb der Paralympics, so wird von der Para-Leichtathletik immer mehr gezeigt. Das ist ein sehr guter Weg. Ich bin unfassbar froh, dass ich Teil dieser Bewegung sein darf.

Sportler
 Bei den Paralympics 2016 in Rio gewann Niko Kappel die Goldmedaille. Er wurde 2017 in London Weltmeister und holte 2015 und 2019 WM-Silber. Im Juli 2020 stellte der Kugelstoßer des VfB Stuttgart in Bad Boll mit 14,30 Meter einen neuen Weltrekord auf.

Privatmann
Niko Kappel, 26, wurde in Schwäbisch Gmünd geboren und wuchs in Welzheim auf, wo er eine Banklehre absolvierte. Im Welzheimer Gemeinderat ist er als Mitglied der CDU-Fraktion aktiv.