Mit Erzählungen aus eigner Jugend und ironisch gebrochenen Klischees seiner deutsch-kasachisch-russischen Herkunft hat er den Kleinkunstpreis 2023 gewonnen – Nikita Miller war zu Gast beim Bistroabend in der Alten Seminarturnhalle.
Wahrscheinlich haben sie sich wieder scheps gelacht, am Fasnetsfreitag, drüben im Katholischen.
Aber wir auch. Und wie. Also „wir“, die wir am Fasnetsfreitag in der Alten Seminarturnhalle zu Gast bei Nikita Miller gewesen sind. Nikita Miller: „Oha, ich wusste nicht, dass alle Einwohner da sind.“ Er übertreibt. Aber über 200 Nagolderinnen und Nagolder waren es dann doch, die an Bistrotischen bei einem Glase Wein oder Wasser einen ausgesprochen fröhlichen Abend genossen haben.
Die Bühne ist fast leer
Der Unterschied zu denen da drüben: Die betreiben einen Riesenaufwand – Häs, Maske, Tanz – dieser Comedian nicht. Die Bühne, bis auf einen hohen schwarzen Hocker, leer, nur dezent blau ausgeleuchtet. Der Künstler, Dreitagebart, schwarzer Rolli, dunkle Jeans. So saß er da und erzählte aus seinem Leben. Fast zwei Stunden lang, mit Pause.
Ein Leben, das 1987 in Temirtau begann. Das liegt im heutigen Kasachstan, damals die Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik. Seine Eltern sind also Kasachstandeutsche, nicht Russlanddeutsche – wobei – man spricht überwiegend Russisch in Kasachstan, zu Sowjetzeiten sowieso. Diese sind auch immer für einen Witz gut: Jedes Problem ließ sich damals lösen, mit Geld, Sprengstoff oder Exil… Millers spezielle Witzigkeit liegt darin, dass er den Slang dieser Menschen gezielt einsetzt. So werden Hülsenfrüchte zu „Hilsenfrichte“, Hochhaus zu „Chochhaus“ und der Kassettenrekorder ist ein „Magnetofonn“.
Studium in Tübingen
Offenbar wird er oft für einen Russlanddeutschen gehalten. Wenn ihn die Leute fragen „Was soll das da, mit dem Putin“, antwortet er, wenn er gut drauf ist: „Frag ihn doch selber, er ist ja bald da“.
Inzwischen studiert Miller in Tübingen Philosophie und Rhetorik. Als Comedian hat er sich einen Namen gemacht und unter anderem in diesem Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis in der Kategorie Kleinkunst erhalten. Doch die Familie: „Mein Vater erzählt immer noch, ich sei Automechaniker“. Aber der Sohn sei doch gerade als Kabarettist im Fernsehen gewesen. Sein Vater: „Das ist Chobby“. Der Sohn: „Meine Familie hat jetzt Choffnung weil in Ukraine ein Comedian ist Präsident geworden“.
Außer der Familie erzählt er gerne von seinen Freunden Viktor, Oleg, Vadim und Lars. Da führt er – ganz alleine – herrliche Dialoge vor. So fährt Oleg „intellektuell zweigleisig“: „Schick‘ ich ihm SMS: Du hast Dein Handy bei mir vergessen“. Schickt er gleich Antwort: „Komme sofort“.
Kluge Sprüche gibt’s mit auf den Weg
Er beschreibt eine sich anbahnende Schlägerei, bei der er seinen deutschen Freund gar nicht brauchen kann: „Die haben ganz andere Probleme. Das merkst Du daran, dass die Eltern den Kindern Socken schicken, wo L und R draufsteht“. Doch nicht alle Witze sind so harmlos, zum Beispiel die ausführliche Beschreibung des „Masturbatoriums“.
Am Ende haben sich die Leute in der Nagolder Semi-Halle nicht nur scheps gelacht, nein, sie bekamen von Nikita Miller, schon halb Philosoph, auch kluge Sprüche mit auf den Weg. Kostprobe? „Jede Idee ist schlecht, wenn Du zulange darüber nachdenkst.“ Oder: „Stellst Du keine Fragen hörst du keine Lügen“.