Auch bei der Rheininsel Nonnenwerth herrscht Niedrigwasser. Foto: Imago/Marc Joh/n

Pegel null am Rhein, Flüsse werden zu Rinnsalen – Deutschland ringt mit dem Niedrigwasser. Es gibt zwar Vorschläge, wie die Binnenschifffahrt auch für die nächsten Jahre zu retten wäre. Doch die Meinungen über den richtigen Weg gehen auseinander.

Die seit Wochen anhaltende Trockenheit macht der Schifffahrt schwer zu schaffen. Daran ändern auch die vereinzelten Niederschläge der vergangenen Tage nichts. Auch auf die Natur hat das Niedrigwasser gravierende Auswirkungen.

 

Auf welchen Flüssen bestehen derzeit die größten Probleme? Was die wirtschaftlichen Auswirkungen betrifft, ist das eindeutig der Rhein. Beim Ort Kaub am Mittelrhein zwischen Wiesbaden und Koblenz ist der Schiffsverkehr fast zum Erliegen gekommen. Dort ist der Fluss sowieso ziemlich flach. Am Mittwochmittag lag der Pegelstand bei Kaub bei 34 Zentimetern und die Fahrrinnentiefe nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung bei 1,46 Meter. Manche Logistikdienstleister versuchen, das Nadelöhr inzwischen per Bahn zu überbrücken. Schwierig ist die Lage auch am Niederrhein, wo der Fluss besonders stark befahren ist und die auf etwa die Hälfte geschrumpfte befahrbare Breite zu extrem dichtem Schiffsverkehr führt.

Betroffen ist auch die Donau. Wegen niedriger Pegelstände fahren Kreuzfahrtschiffe nur noch bis Bratislava. Nur Schiffe mit einem geringen Tiefgang können aktuell in Budapest anlegen.

Was bedeutet das Niedrigwasser für die Binnenschifffahrt? Laut dem Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt besteht das größte Problem darin, dass die Schiffe derzeit deutlich weniger Ladung als üblich aufnehmen können. Bei Kaub zum Beispiel könne ein Lastkahn, der üblicherweise rund 4000 Tonnen Ladung transportieren kann, nur noch ein Viertel der Fracht befördern. Der Verband verspricht aber: „Gefahren wird bis an die Grenze des physikalisch Möglichen – und solange die Sicherheit gewährleistet ist.“ Wie groß die finanziellen Einbußen durch das Niedrigwasser sind, kann man beim Verband noch nicht beziffern. Daneben gibt es auf Deutschlands Flüssen rund 1000 Fahrgastschiffe mit jährlich rund zehn Millionen Passagieren.

Welche ökologischen Folgen haben die niedrigen Pegelstände? Der Leiter des Magdeburger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, Karsten Rinke, sieht drei Gefahren. Zum einen sei bei Niedrigwasser der Schadstoffgehalt in den Flüssen wesentlich höher als bei größeren Wassermengen. Besonders betroffen seien Fische und Muscheln. Hintergrund: Die Fließgewässer werden unter anderem genutzt, um Abwasser etwa aus Kläranlagen Richtung Meer zu befördern. Zweite Gefahr: die starke Erwärmung des Wassers. „Bekannte Arten im Gewässer verlieren ihre ökologische Nische, wenn die Temperaturen ihren Toleranzbereich überschreiten“, sagt der Experte. Andere Arten dringen vor – was das ökologische Gleichgewicht empfindlich stören kann. Das dritte Problem ist die Austrocknung von Auenlandschaften, wodurch artenreiche Lebensräume verloren gehen.

Warum können Schiffe bei Pegelständen unter null überhaupt noch fahren? Der Pegelstand gibt nicht die Wassertiefe an, sondern bezeichnet den Wasserstand an einer bestimmten Messstelle. Die Wassertiefe wiederum ergibt sich aus dem Abstand zwischen Wasseroberfläche und Sohle der Fahrrinne. Wenn der Pegelstand am Niederrhein bei Emmerich also minus zwei ist, beträgt die Wassertiefe immer noch 1,78 Meter.

Wann wird sich die Lage wieder normalisieren? Wohl nicht vor dem Herbst. Der Geschäftsführer des Schifffahrtsunternehmens HGK-Shipping, Steffen Bauer, geht immerhin davon aus, dass sich die Pegelstände „auf niedrigem Niveau stabilisieren“. Der September sei aber aus Sicht der Binnenschifffahrt „immer ein Niedrigwassermonat“.

Würde es etwas nützen, die Fahrrinnen zu vertiefen? Das fordert der Bundesverband der Deutschen Binnenschiffer. Jeder Euro, der in eine Vertiefung der Fahrrinnen investiert werde, bringe der Volkswirtschaft einen Gewinn von 30 Euro, heißt es beim Verband. Nötig seien Vertiefungen um 20 Zentimeter vor allem am Mittel- und Niederrhein sowie an Donau und Elbe. Bundesverkehrsminister Voller Wissing (FDP) sagte am Mittwoch: „Die Fahrrinne muss dort dringend vertieft werden, damit man auch bei niedrigem Wasserstand die Binnenschifffahrt am Laufen halten kann.“ Das sei lange diskutiert, aber nicht umgesetzt worden. „ Und das gehen wir jetzt an.“

Umweltforscher warnen freilich vor solchen Maßnahmen. Flüsse auszubaggern sei „schlecht für Tiere, Pflanzen und den Wasserhaushalt“, sagt Jonathan Köhler vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Vor allem würden die Pegel in den Auen weiter abgesenkt.

Welche Alternativen gäbe es? Einzelne Gefahrenstellen könnten beseitigt werden, indem störende Felsen, die sich am Rande der Fahrrinne befinden, abgeschliffen würden. Köhler empfiehlt, den Lastverkehr auf „kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang“ umzustellen. Da kleinere Schiffe aber weniger viel Fracht laden können, bräuchte man mehr Schiffe. „Und das wird teurer“, betont der Wissenschaftler.