Fast schon verrückt: Rottweil darf weiter lockern. (Symbolfoto) Foto: Gentsch/dpa

Es ist eine Nachricht, die wohl viele herbeigesehnt haben: Ab heute darf der Einzelhandel im Kreis Rottweil wieder öffnen. Die Inzidenz lag fünf Tage in Folge unter 50. Sobald die Zahlen wieder in die Höhe schnellen, wird eine Schließung jedoch unausweichlich sein, kündigt der Landrat schon jetzt an.

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Kreis Rottweil - In kaum einem anderen Landkreis haben sich die Infektionszahlen so dynamisch entwickelt wie im Kreis Rottweil. War man vor wenigen Wochen noch unter den traurigen Spitzenreitern, was die höchsten Inzidenzzahlen in Baden-Württemberg anging, so ist Rottweil derzeit der einzige Landkreis mit einer Inzidenz unter 35 und hat damit, Stand Sonntagabend, landesweit den niedrigesten Inzidenzwert.

Deshalb befindet man sich aber trotzdem nicht auf einer Insel der Glückseligen, gab Landrat Wolf-Rüdiger Michel zu bedenken. Stattdessen sollte man diesem Wert mit Dankbarkeit und Demut begegnen, zumal die Infektionszahlen in Land und Bund parallel stark ansteigen. Schnell könnte es Rottweil auch wieder so gehen, so Michel. So müsse man, wenn der Inzidenzwert drei Tage in Folge die 50 übersteige, wieder von Schließungen ausgehen.

Zwei weitere Todesopfer

Seinen Ausführungen schickte er im Gespräch am Montagmorgen zunächst eine traurige Nachricht voraus. Seit dem vergangenen Pressegespräch habe man im Kreis zwei weitere Todesopfer im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu beklagen. Seit Beginn des Monats März habe es 170 Neuinfektionen gegeben.

Betrachte man die Entwicklung der Zahlen seit dem 1. September 2020, quasi der "Halbzeit" des Infektionsgeschehens, so zeige sich deutlich, wie groß die Gefahr immer noch sei. Bei insgesamt 5286 Corona-Infektionen seit Ausbruch der Pandemie im Kreis Rottweil wurden 4566 ab September 2020 festgestellt. Das verdeutliche die Dynamik dieser zweiten und mittlerweile von Experten vorausgesagten dritten Welle, so Michel.

Dass die Inzidenzwerte nun so gesunken sind, sei Ausdruck der Opfer, die jeder habe bringen müssen. Und trotz Lockdowns und Maskenpflicht bleibe die Lage unberechenbar. Und die nun beschlossenen Lockerungen könnten schnell wieder zur Disposition stehen.

Bei Corona-Mutationen unter dem Landesdurchschnitt

Mit einem Inzidenzwert von 33,6 am Sonntagabend hatte der Kreis Rottweil seine Serie der sinkenden Zahlen fortgesetzt und die Basis für die Lockerungen geschaffen. Die Inzidenzzahl von 50,0 vom Freitag korrigierte Landrat Michel auf 49,9. Auslöser sei die aktuellste Fortschreibung zur Einwohnerzahl vom Statistischen Landesamt (Stand September 2020) gewesen, erklärte der Landrat.

Vom Gesundheitsamt hieß es, dass man nur mit Abstand und Einhalten der Maskenregel den positiven Trend fortsetzen könne. Derzeit hätten die Krankenhäuser glücklicherweise ausreichend Kapazität für den Fall, dass sich das ändere. Und hinsichtlich der Corona-Mutationen liege der Kreis Rottweil weiterhin deutlich unter dem Landesdurchschnitt.

Ab heute, Dienstag, greift der dritte Öffnungsschritt für den Kreis Rottweil, einer der wichtigsten, wie Thomas Seeger vom Kreisordnungsamt sagte. Der Einzelhandel darf wieder öffnen. Bestehen bleibt aber eine Flächenbegrenzung auf einen Kunden pro zehn Quadratmeter für die ersten 800 Quadratmeter Verkaufsfläche und einem weiteren Kunden für jede weiteren 20 Quadratmeter Fläche. Damit soll eine Überfüllung vermieden werden, erklärte Seeger.

Lockerung auch für Sportler

Vom nächsten Öffnungsschritt betroffen sind auch Museen, Galerien und Gedenkstätten. Diese dürfen nun wieder ohne Terminabsprache und Zeitbegrenzung besucht werden.

Eine Lockerung gibt es auch für Sportler. Sie dürfen nun in Gruppen mit bis zu zehn Personen kontaktarm im Freien Sport treiben. Bislang war das nur fünf Personen aus zwei Haushalten im Individualsport gestattet gewesen. Nun dürften auch Fußballvereine ihr Training wieder aufnehmen, so Seeger.

Auch sportliche Betätigung in geschlossenen Räumen sei privat und öffentlich erlaubt, etwa in Fitnessstudios, jedoch nur Individualsport in einer Gruppe aus maximal fünf Personen aus zwei Haushalten. Diese Öffnung gilt laut Land bis zu einer Inzidenz von 100.

Musik-, Kunst- und Jugendkunstschulen dürften derweil wieder Einzelunterricht und Gruppenunterricht geben (bis zu fünf Kinder, die maximal 14 Jahre alt sein dürfen). Ballett und Tanz seien davon ausgenommen. In die Röhre schauen weiterhin Musikvereine beispielsweise. Eine Erlaubnis des Probenbetriebs sei auch die nächsten Tage nicht vorgesehen, weder im Freien noch in geschlossenen Räumen, so Seeger.

Keine Bedenken bei Astrazeneca

Bezüglich des Risikos angesichts weiterer Schulöffnungen seit Montag meinte Landrat Michel, diese seien sehr wichtig gewesen, auch wen jeder zusätzliche Kontakt natürlich ein Risiko berge.

Auf die Frage, wie das Gesundheitsamt angesichts jüngster Schlagzeilen zum Impfstoff "AstraZeneca" steht, hieß es, man stehe in Rottweil voll und ganz dahinter und habe keinerlei Bedenken, zumal dem Impfstoff von Experten eine Wirksamkeit von 93 bis 94 Prozent attestiert worden sei. Bezüglich des Vorgehens orientiere man sich da aber natürlich an dem, was aus Berlin vorgegeben werde, meinte Michel.

Alles in allem müssten besonders Einzelhändler im eigenen Interesse akribisch auf die Einhaltung der Abstands- und Maskenregel achten, so der Landrat. "Von einer verlässlich niedrigen Infektionslage sind wir nämlich noch weit entfern."