Fingerzeige hin zu einer neuen Realität: der Sänger und Casting-Show-Coach Nico Santos bei seinem Auftritt in der Porsche-Arena Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Mit Nico Santos kehrt der Rausch der großen Konzerte zurück. Am Montagabend mischte der Sänger aus Bremen Pop, Soul und Rockmusik in der Porsche-Arena.

Stuttgart - Nico Santos hat die Porsche-Arena im Griff. Ihm und den 4500 Fans, die – laut Angaben des Veranstalters unter 3-G-Regeln – dorthin gekommen sind am Montagabend, bereitet es offenkundig das größte Vergnügen, ein Spiel zu spielen, das seit langer Zeit keiner mehr gespielt hat, in dieser Halle: Auf Santos’ Kommando flammen die Displays aller Smartphones auf, verwandelt sich das Publikum in ein Meer funkelnder Lichter. Dann erlöschen sie alle, leuchten wieder: Ein Rausch der Wiederkehr wird zelebriert – „wir haben anderthalb Jahre darauf gewartet“, sagt Nico Santos und fordert seine Fans auf, endlich wieder zu singen, zu tanzen, Spaß zu haben.

 

Singen und tanzen im vollen Saal

Die Stuttgarter Halle, in der nach gültiger Coronavorschrift bis zu 5500 Menschen Platz finden dürften, ist, dies verrät Nico Santos seinem Publikum viel später, die größte, in der er bislang je spielen durfte. Santos, eigentlich Nico Wellenbrink, geboren in Bremen, 28 Jahre alt seit Januar, gehört zu den neuen Stars der deutschen Popmusik, deren Karriere durch die Pandemie deutlich ausgebremst wurde. Nach einigen kleineren Erfolgen, auch im Ausland, gelang ihm 2017 mit dem Song „Rooftop“ der endgültige Durchbruch. Im folgenden Jahr erschien sein Debütalbum „Streets of Gold“, 2020 das zweite Album „Nico Santos“. Seit 2019 nimmt er als Coach an der Castingshow „Voice of Germany“ teil; längst schon schreibt er Songs für andere Stars der deutschen Szene. Auf der Bühne in Stuttgart überrascht Santos nun mit einer auch musikalisch sehr ausgeklügelten Show: Er wird begleitet von einer sechsköpfigen Band, er lässt alle seine Musiker mit starken Soli hervortreten, Songs im rhythmischen Unisono herbeitrommeln. Keyboardflächen, die dunkel dräuend emporsteigen, kleine Drum-Soli immer wieder, das wilde und gekonnte Gitarrenkunststück – stilistisch wird hier eine Melange von R&B, neuem deutschen Pop und Stadion-Rock gefeiert.

Dass Nico Santos sich zu Beginn seiner Zugabe gemeinsam mit seinem Gitarristen an den Bühnenrand setzt und eine Version von Michael Jacksons „Man in the Mirror“ spielt, überrascht da ebenso wenig wie die Motown-Songs, die nach dem Ende seines Konzerts die Halle bespielen.

Die Band spielt sich in den Vordergrund

Erstaunlich bleibt, wie stark Nico Santos seine Band in den Vordergrund treten lässt. Immer wieder natürlich rückt er selbst zurück ins Zentrum der Show, singt und tanzt im Spotlight. Ganz zu Beginn liegt tiefrotes Licht auf der Bühne, irgendwo hört man ein Knistern, wie von Feuer – „Play with Fire“ heißt denn auch das erste Stück, erschienen vor zwei Jahren, eine goldene Schallplatte.

Dass Michael Jackson zu Nico Santos’ großen Vorbildern gehört, ist hier schon unverkennbar. Sein Stück „Walk in your Shoes“ singt er alleine, begleitet sich selbst dabei am Piano, sehr nachdenklich, und mit „Seven Days“, einem Stück seines zweiten Albums, traut er es sich zu, mit geschmeidigen Latin-Rhythmen eine Spur Mallorca-Feeling ins herbstliche Stuttgart zu bringen. Gut 100 Minuten lang navigiert Nico Santos zwischen sanftem Pop, Soul und harten Rock-Einätzen – und schließlich singt die Porsche-Arena euphorisch mit ihm, im Chor: „Hey, ich krieg Gänsehaut!“, ruft der Star.