Der Abgang vieler Topstars aus der Bundesliga in die Premier League zeigt: Deutschlands Eliteklasse droht – trotz der Vielzahl an Traditionsclubs – an Attraktivität einzubüßen.
Vincent Kompany brachte die Dinge mit einem Wort auf den Punkt. Der Trainer des FC Bayern München ist ein weit gereister Mann, der Belgier spielte unter anderem bei Manchester City und war dann auch Trainer in der englischen Premier League, beim FC Burnley. Kompany also wurde kürzlich im Zuge des Wahnsinns des soeben abgelaufenen Fußballtransfersommers von einem Reporter darum gebeten zu erläutern, warum deutsche Nationalspieler wie Florian Wirtz und nun auch Nick Woltemade lieber nach England gehen, als in der Bundesliga zu bleiben. Der Coach überlegte kurz. Dann gab er die geforderte Erläuterung auf Englisch ab. Sie lautete: „Money.“
Ja, das ist es: Geld regiert die Fußballwelt, und in dem Fall regieren die Pfunde der Clubs aus England. Die monetäre Dominanz ist so groß, dass selbst der deutsche Krösus aus München, der bisher noch immer für sich beanspruchen konnte, auch im internationalen Vergleich eine Topadresse für deutsche Top-Profis zu sein, das Nachsehen hat.
Zu beobachten war das nun exemplarisch in den Fällen Wirtz und Woltemade. So wechselte Wirtz lieber für 125 Millionen Euro zum FC Liverpool als nach München. Und Woltemade? Der wollte zwar zum FC Bayern, der aber im Gegensatz zu Newcastle United nicht bereit war, die vom VfB Stuttgart aufgerufenen Mondpreise zu bezahlen. Newcastle zahlt nun 85 Millionen Euro plus Boni für einen Mann, der erst seit einem knappen halben Jahr Stammkraft in der Bundesliga war. Die Ablöse ist wahnwitzig – und Beleg für die Kräfteverhältnisse.
Mehr als 700 Millionen Euro haben englische Clubs in diesem Transfersommer insgesamt an jene aus der Bundesliga überwiesen, neben Wirtz und Woltemade flogen weitere Stars wie Hugo Ekitiké (für 95 Millionen von Eintracht Frankfurt zum FC Liverpool) oder Xavi Simons (für 65 Millionen von RB Leipzig zu Tottenham Hotspur) auf die Insel. Die Bundesliga wird also zum Zulieferbetrieb, und die Sorgen liegen aus deutscher Sicht auf der Hand: Die Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga leiden, wenn die Topstars nach England gehen, weil die Clubs dort qua ihres Reichtums zuschlagen können.
Was kostet die Welt?
Dabei ist es ein Unterschied, ob man wie alle 18 Bundesligisten in der Regel einen Spieler mit Geld einkauft, das man vorher einnehmen oder hinterher auf Sicht wieder reinholen muss. Oder wie Woltemades neuer Verein Newcastle United mit Geld, das vom saudi-arabischen Staatsfonds PIF kommt: Was kostet die Welt, wir holen, wen wir wollen, wir haben die Kohle – so lautet das Motto. Auch, weil die Verlustregularien für die Clubs auf der Insel lasch sind.
Eine große Rolle spielen bei der Investitionslust der englischen Vereine auch die Unterschiede bei den Fernsehgeldern. Die Premier League ist turmhoch überlegen, auch dank besserer Auslandsvermarktung. So lag der FC Bayern in der Europa-Rangliste mit 90,9 Millionen Euro an TV-Einnahmen jüngst nur auf Platz 25. Hinter allen 20 Vereinen der Premier League - die auch davon profitieren, dass es eine Beschränkung wie die hiesige 50-Plus-Eins-Regel (die gewährleistet, dass externe Investoren nicht die Kontrolle über einen Verein erlangen) nicht gibt. In Newcastle haben die Saudis das Sagen. Und sonst niemand.
Die große Gefahr für die Bundesliga
Wie also soll die Bundesliga da noch punkten? Der Reiz, dass es hierzulande noch eine gelebte Fankultur gibt, wohingegen in der Premier League meist nur noch ein Operettenpublikum in den Stadien Platz nimmt, wird irgendwann an Strahlkraft verlieren, wenn sich die Dinge dieses Transfersommers verfestigen. Denn dann droht die ruhmreiche erste deutsche Spielklasse zu einer Ausverkaufsliga zu verkommen. Ergo: Wenn die Besten stets nach England gehen, steht die Bundesliga vor einem massiven Attraktivitätsverlust - woran wohl irgendwann auch die Vielzahl an Traditionsvereinen samt toller Stimmung in den Stadien nicht mehr viel ändern wird.