Passt eine Ehe in zehn Therapie-Sitzungen? Oder deren Aufarbeitung in zehn Pub-Aufenthalte davor? Zu Dosenbier und Weißwein? Der große Popliterat Nick Hornby auf der Ebinger Theaterbühne: intensiv, lustig und spannend zugleich.
Hochzeit. Das erste Baby. Campingurlaub. Szenen eines Ehe, mit verwackelter Kameraführung und leichtem Rotstich auf Video festgehalten. Ehrlicher Friede und ausgelassene Lebensfreunde, untermalt von sachten Pianoklängen.
Doch diese Bilder liegen lange zurück. Louise und Tom – gespielt von Elif Veyisoglu und Marcus Michalski – stecken tief in einer Paarkrise, weil es Matthew gibt. Matthew, den Louise außerhalb ihrer Ehe kennengelernt hat, ziemlich nah im Übrigen.
In der Ebinger Festhalle entspinnt sich eine Paartherapie sondergleichen
Louise weiß, dass sie einen Fehler gemacht hat. Nun will sie nichts unversucht lassen, um ihre Ehe retten. Deshalb schleppt sie den zutiefst verletzten Gatten zur Paartherapie in das Haus mit der roten Tür.
Irgendwann fällt der bezeichnende Satz, der Buch und Stück den Namen gibt: „Keiner hat gesagt, dass Du ausziehen sollst.“ Damit ist der Zuschauer mittendrin in der Theateradaption zu Nick Hornbys gleichnamigem Buch. Dieses hat die Württembergische Landesbühne Esslingen auf die Bühne der Ebinger Festhalle gebracht.
„Keiner hat gesagt, dass Du ausziehen sollst“ ist ein lakonischer Partnerdialog, in der Tom und Louise ihre Ehe akribisch sezieren. Dieser Dialog erstreckt sich über zehn Therapiesitzungen.
Oder genauer: auf die Dose Bier und das Glas Weißwein im Pub vor den Sitzungen. Diese werden ausschließlich im Rückblick beleuchtet. Denn bei diesen Kneipenbesuchen geht es zur Sache.
Schonungslos und offen wird abgerechnet: „Ehen sterben nicht plötzlich. Sie sind krank, bevor sie den Löffel abgeben.“ Es geht um Lebensmodelle und -vorstellungen, um verblichene Ideale, um Wünsche, unerfüllte Sehnsüchte, Differenzen.
Der Brexit wird zum tragischen Sinnbild einer verkorksten Ehe Tom und Louise streiten, reden und lachen über sich – und andere. Weiger-Schick/
Zum Beispiel über den Brexit: Während sie sich Sorgen um die europäischen Kollegen am Klinikum macht, an dem sie arbeitet, hat er für den Austritt aus der EU gestimmt. Angeblich nur, um ihre Freunde zu ärgern. Der Brexit, den Tom und Louise komplett unterschiedlich bewerten, gerät für das Paar zum tragischen Sinnbild für ihre verkorkste Ehe.
Die Definition von Ehe? Zwei gegen den Rest der Welt. Unter diesem Motto diskutieren, streiten, reden, lamentieren, zetern, weinen und lachen Tom und Louise sich von Sitzung zu Sitzung.
Die Inszenierung der Württembergischen Landesbühne, zuvorderst Regisseurin Christine Gnann, gelingt es trefflich, den trockenen Humor Hornbys herauszuarbeiten. Manch einer im Publikum hätte es mehr fröhliche und offene Heiterkeit gewünscht, das wurde schnell klar.
Eine klassische Komödie zum Tränenlachen war es definitiv nicht – dafür hat das Stück einen zu ernsten Unterton. Doch wie Tom und Louise von ihrem Kneipentisch aus andere Paare beim Verlassen der Praxis beäugen und über sie lästern, besitzt eine unglaubliche Situationskomik, die für einen höchst vergnüglichen Theaterbesuch sorgt.
Ein Theaterabend mit Tiefgang – und einer, der nachbrennt
Elif Veyisoglu und Marcus Michalski verkörpern ihre Rollen authentisch, intensiv und glaubwürdig. Wer partnerschaftserfahren ist, wird sich wiedererkennen. Ganz sicher. Sehenswert ist auch das Bühnenbild. Gearbeitet wird einer Art drehbarem Würfel, der auf verschiedenen Stufen Kneipenszenario und Praxentür gleichermaßen unterbringt.
Alles in allem ein abwechslungsreicher, gelungener Theaterabend mit Tiefgang, einer, der „nachbrennt“. Was würde Nick Hornby wohl dazu sagen? „Man kann sich über jeden lustig machen, der unglücklich ist. Man muss nur grausam genug sein.“