In vielen Klassen in VS fehlen Lehrer. Foto: © Vasyl – stock.adobe.com

Wer Einblick in die Schulen hat, schäumt. Für nicht ausgebildete Lehrer gibt es noch immer zu wenige Fortbildungsmöglichkeiten, Lehrerzahlen werden geschönt und Kritiker als Nestbeschmutzer an den Pranger gestellt.

Eine Nichterfüllerin hatte sich aus der Anonymität gewagt und Kritik an den unzureichenden Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte ohne pädagogisches Studium geübt und vereinzelt harsche Gegenreaktionen erhalten.

 

Größtenteils bekommt sie jedoch Solidarität. „So viel falsch machen kann man nicht, wenn man Kritik übt“ , so nur eine Stimme, die zu einem leitenden Pädagogen gehört.

Nicht zum ersten Mal berichtet der Schwarzwälder Bote über den auch in VS grassierenden Lehrermangel und den Einsatz von Nichterfüllern, die nur zu oft ohne ausreichende Qualifikation vor die Klassen gestellt werden. Genau dies hatte die Frau gerügt und sah sich mit massiver Kritik konfrontiert.

Probleme steigen

Viele Nichterfüller wie sie fühlen sich alleine gelassen und dies obwohl es ein offenes Geheimnis ist, „dass wir uns ohne diese Leute „an die Wand fahren würden“, wie es ein Schulleiter sieht, der seinen Namen lieber nicht lesen möchte. Egal, mit wem unsere Redaktion spricht: Die Forderung ist klar: „Wir brauchen eine richtige Qualifizierungsoffensive, wir können es uns nicht leisten, diese Leute zu verlieren.“

Elmar Dressel, Leiter der Südstadtschule in Villingen, ist nur einer von den Lehrern, der auf dieses Dauerproblem hinweist. Eine fundierte Vorbereitung dieser Lehrkräfte sei auch deshalb so wichtig, „weil immer mehr Kinder Probleme entwickeln“, sei es psychischer Natur (auch Dank der Schulschließungen während Corona), seien es Entwicklungsverzögerungen oder Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche.

Umgang in der Kritik

Die mangelnde Qualifikation ist das eine, das andere die „geschönten“ Lehrerzahlen“. Es ist ebenso kein Geheimnis, dass Nichterfüller rein statistisch unter Lehrern und Lehrerinnen vermerkt werden, damit kommt es, so sehen es auch Pädagogen nicht nur zu einer Verzerrung der tatsächlichen Zahlen.

Für Tino Berthold, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates in VS, ist das schlichtweg „Betrug an den Eltern“, da niemand wisse, ob nun eine ausgebildete Lehrkraft oder ein Nichterfüller unterrichte.

Die Kräfte werden gebraucht

Eine ähnliche Äußerung kommt auch aus schulinternen Kreisen. „Betrug an den Eltern, das trifft es schon.“ In keiner anderen Branche wäre dies möglich. „Das ist ein Skandal. Wenn sie eine defekte Heizung haben, wollen sie ja auch nicht, dass der vermeintliche Monteur in Wirklichkeit eine Bäckerausbildung gemacht hat.“

Doch auch für Berthold und sein GEB-Vorstand-Team ist es keine Frage: „Wir brauchen diese Kräfte, aber mit einer ausreichenden Qualifizierung.“ Und: „Ich kritisiere nicht die pädagogischen Hilfskräfte, ich kritisiere den Umgang mit ihnen.“

Markus Schütz, stellvertretender Kreisvorsitzender der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), verheimlicht seinen Ärger über die großen Versäumnisse der Landespolitik nicht. Stuttgart habe es verschlafen, ausreichend Studienplätze fürs Lehramt bereitzustellen. Die vollmundige Ankündigung, für die sonderpädagogischen Einrichtungen, 100 zusätzliche Studienplätze einzurichten, ist für Schütz „einfach nur lächerlich“, angesichts der Tatsache, dass allein in Baden-Württemberg aktuell rund 400 Lehrkräfte fehlen, Tendenz dramatisch steigend. Quereinsteiger oder auch Nichterfüller sind Schütz willkommen, doch nur mit entsprechender akademischer Ausbildung als Basis und anschließender ordentlicher Vorbereitung, spielt er darauf an, dass in manchen Schulen selbst Friseure oder Bankkaufleute zu Klassenlehrern werden.

Spiel mit den Zahlen

Wie viele Lehrer fehlen bundesweit? Für den Deutschen Lehrerverband sind die von den Kultusministerien genannten Zahlen „geschönt“, die von 12 000 fehlenden Lehrkräften sprechen, in Baden-Württemberg sollen es 400 sein. Laut Susanne Cortinovis-Piel, Leiterin des Staatlichen Schulamts Donaueschingen, sind nur vier Prozent der Stellen im am meisten betroffenen Grundschulbereich nicht besetzt. Nach Einschätzung des Verbands liegt die Zahl der unbesetzten Stellen in Deutschland jedoch bundesweit deutlich höher und zwischen 32 000 und 40 000 Stellen. Denn teils würden auch Eltern oder andere Nicht-Pädagogen als sogenannte Schulhelfer eingesetzt und in der Statistik als Lehrkräfte verrechnet. „Und damit haben wir völlig verzerrte Zahlen, was die Lehrerversorgung angeht“, kritisiert auch GEW-Kreisvorsitzender Markus Schütz. „Eigentlich sollte noch deutlich mehr Unterricht ausfallen, um stärker Druck aufzubauen.“