Sie wollen anderen helfen, doch geraten selbst an ihre Grenzen: Notaufnahmen und Krankentransporte sind überlastet. Eine neue Kampagne des Ortenau-Klinikums soll Patienten die eigene Einschätzung ihrer Beschwerden erleichtern.
Ein Splitter im Finger, ein Kind, das an einer Klobürste geleckt hat, oder Kopfschmerzen nach einer Partynacht: Kaum zu glauben, doch mit solchen Beschwerden kommen Patienten regelmäßig in die Notaufnahme des Ortenau-Klinikums Offenburg. Um genau zu sein, machen sie dort ein Viertel aller Fälle aus. „Die 6000 Plakate unserer Kampagne sind nach echten Fällen gestaltet worden“, erklärt Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts. Zusammen mit Vertretern der regionalen Notfallversorgung hat sie die Awareness-Kampagne (Aufmerksamkeitskampagne) „Nicht jeder Fall ist ein Notfall –Notfallsystem entlasten. Richtig wählen.“ gestartet. Diese wird nun kreisweit ausgerollt und gibt unter www.wohin-im-notfall.de den Patienten Anhaltspunkte für eine Eingruppierung.
Denn sowohl Notaufnahmen als auch Rettungsdienste kommen an ihre Grenzen – und darüber hinaus, erklären Bernhard Gorißen, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin des Ortenau-Klinikums Offenburg und Leiter des Netzwerks Ortenauer Notaufnahmen (Nona) sowie Marcel Frauenschuh, Ausbildungsleiter Deutsches Rotes Kreuz Rettungsdienst Ortenau. Dass man der Belastung überhaupt noch standhalte, sei nur dem großen Einsatz und den Überstunden der Mitarbeiter zu verdanken.
30 Prozent mehr Patienten innerhalb von fünf Jahren
„In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Patienten in der Notaufnahme um 30 Prozent gestiegen. Es gab sehr, sehr viele kritische Momente“, erklärt Gorißen. Innerhalb von zwei Stunden könnten dort 50 bis 70 Leute eintreffen – die alle innerhalb weniger Minuten triagiert (bewertet) werden müssen, um einzuschätzen, wie schnell sie eine Behandlung brauchen.
Nur ein Viertel aller Patienten wird stationär aufgenommen, wofür die Notaufnahme eigentlich gedacht ist – und wofür sie überhaupt bezahlt wird. Ein weiteres Viertel war aufgrund der Symptome zurecht in der Notaufnahme, sie stellten sich jedoch als harmlos heraus.
Ein weiteres Viertel geht in die Notaufnahme, weil sie „draußen keine medizinische Anlaufstelle bekommen“, erklärt Gorißen. Das heißt: Weil sie entweder keinen Arzttermin erhalten haben oder mit der Behandlung subjektiv nicht zufrieden waren.
Besonders junge Menschen könne ihre Beschwerden oft nicht korrekt einschätzen
Das letzte Viertel kommt mit den Bagatellen wie auf den Plakaten. „Besonders junge Menschen im Alter bis 30 Jahren, die keinen Hausarzt vor Ort haben, gehen in die Notaufnahme, wobei sie ihre Symptome oft gnadenlos überschätzen“, so Gorißen. So etwas ist nicht nur ärgerlich und kostspielig, es kann für andere Patienten auch lebensbedrohlich sein. Denn ist die Notaufnahme überfüllt, werden unter Umständen die Patienten übersehen, die behandelt werden müssen. „Besonders bitter wird es, wenn auch wir krank werden und dann ausfallen“, sagt Gorißen.
Überlastung kann zu Lebensgefahr führen
Auch bei den Krankentransporten sieht die Lage nicht besser aus, erläutert Frauenschuh Die Leitstelle verarbeite pro Jahr 600 000 bis 700 000 Ein- und Ausgänge an Anrufen. Rechne man pro Anruf zehn Minuten – und oft sind es mehr – gehen alleine 18 Zeitstunden dafür drauf. In den 2010er-Jahren sei man mit 35 000 Einsätze pro Jahr gestartet, mittlerweile sei man bei knapp 120 000 Einsätzen im Jahr, die man versuche, mit 16 Rettungswägen abzudecken. „Das heißt jedes Fahrzeug ist pro Tag circa 18 Stunden beschäftigt“, so Frauenschuh. Ein Einsatz dauert meist mindestens 90 Minuten bis hin zu vier Stunden, in denen ein Wagen im Einsatz ist. Dafür brauche man jedoch pro Wagen zehn Mitarbeiter, die man nicht habe. Aktuell fehlen circa 60 Notfallsanitäter. 28 Notfallsanitäter bildet Frauenschuh pro Jahr aus – doch das reicht nicht, um den Fachkräftemangel zu decken.
Und auch beim Krankentransport kann es zu kritischen Situationen kommen. „Vor Jahren kam der Anruf, dass ein Kind reanimiert werden muss – doch alle Wagen waren draußen“, erinnert sich Frauenschuh und muss beim Gedanken daran schlucken.
Dafür, dass Krankenwagen nur gerufen werden, wenn sie gebraucht werden, soll die Kampagne sorgen. „Es geht nicht darum, dass die Menschen in die Notaufnahme kommen. Aber jeder sollte sich zuerst überlegen, ob er gerade wirklich ein Notfall ist“, so Bressau.
Alternativen zur Notaufnahme
Statt gleich den Notdienst zu rufen, kann man auch versuchen, einen Termin bei Haus- und Kinderarzt zu erhalten. Unter Telefon 116 117 hilft auch der ärztliche Bereitschaftsdienst rund um die Uhr dabei, Symptome einzuschätzen, zudem haben auch viele Krankenkassen Angebote. Auch Arztgespräche per Video oder der Besuch einer Apotheke können bei der Abklärung der Schwere der Symptome helfen.