Damals, als die Welt noch überwiegend in Ordnung war: Joshua Kimmich wird 2016 in seiner Heimat Bösingen als EM-Held gebührend empfangen. (Archivfoto) Foto: Hölsch

Es war die Nachricht des Wochenendes. Nach dem Bundesligaspiel der Bayern am Samstag bestätigte Joshua Kimmich, dass er noch nicht gegen Corona geimpft sei. Wir haben in seinem Heimatort Bösingen und dem Landkreis nachgefragt, wie diese Nachricht aufgenommen wurde.

Kreis Rottweil - Die bestimmende Nachricht des Bundesliga-Spieltags kam wieder einmal aus München. Jedoch war es nicht das Ergebnis vom 4:0-Heimsieg gegen die TSG Hoffenheim, sondern der Impfstatus von Nationalspieler Joshua Kimmich aus Bösingen. Im Fernsehen und den sozialen Medien gab es lebhafte Diskussionen. Wie sich Bürger aus Bösingen und dem Landkreis äußern, steht in den folgenden Zeilen.

 

Karl-Heinz Wachter, Präsident des Sportkreises Rottweil sagt: "Ich persönlich war überrascht von der Meldung. Selbstverständlich ist es die eigene und persönliche Entscheidung von jedem Einzelnen. Ich maße mir auch nicht an, das zu beurteilen. Joshua ist eine ehrliche Haut, das schätze ich auch an ihm. Er hat ja auch erwähnt, dass die Impfung bald folgen könnte. Zudem ist er sicher nicht der einzige ungeimpfte Bundesligaspieler, auch wenn er sicher als Bayern-Spieler und Nationalspieler als Vorbild für viele betrachtet werden kann." Wachter glaubt zudem, dass dies für die Vereine keine Folgen haben wird. "Ich glaube nicht, dass Sportler und Jugendliche, durch die Entscheidung von Joshua Kimmich beeinflusst werden."

Etwas anderer Meinung ist in diesem Punkt Gerhard Aden, langjähriger Rottweiler Stadtrat, Kreisrat sowie selbst Arzt. "Das ist schon ein Bärendienst für die Impfaktion und gefällt mir nicht. Ich finde, er hat da kein gutes Bild abgegeben. Es ist auch eine doppelte Moral. Einerseits ist er mit der Initiative ›We kick Corona‹ sehr aktiv, anderseits lässt er sich nicht impfen", kritisiert Aden.

Auf die Initiative war Kimmich am Samstag im Fernsehinterview angesprochen worden. "Weil die Gesundheit über allem steht, ist jetzt Solidarität im Kleinen wie im Großen notwendig. Jeder kann helfen. Diese Aussage haben sie getätigt. Wieso leben sie das nicht?", so die Frage des Reporters.

Darauf hatte Joshua Kimmich sich wie folgt geäußert. "Es heißt ja nicht, dass ich das nicht lebe. Ich halte mich an die Hygienemaßnahmen. Es ging darum, gemeinnützige und karitative Zwecke zu unterstützen. Wir haben ja auch an UNICEF gespendet, die Impfstoff zur Verfügung stellen."

"Im Endeffekt bringt uns nur die Impfung voran"

Nicht zur Thematik äußern wollte sich der Vorsitzende des VfB Bösingen, Ingo Ohnmacht, auf unsere Nachfrage. Ein Zeichen dafür, wie heiß die Thematik aktuell diskutiert wird.Willi Herzog, stellvertretender Vorsitzender des Fußballbezirks Schwarzwald, sagt: "Es ist seine persönliche Entscheidung. Wenn ich aber eine solche Aktion ins Leben rufe, würde ich mir schon wünschen, dass er vorangeht. Es wird ja viel über Corona geredet, aber im Endeffekt bringen uns nur die Impfungen voran. So können wir die Pandemie eindämmen, davon profitieren alle, aber auch unsere Kinder und Jugendlichen." Johannes Blepp (Bürgermeister von Bösingen) erklärt auf Nachfrage: "Ich habe mich impfen lassen und kann es nur befürworten. Wenn Joshua Kimmich eine andere Entscheidung für sich selber trifft, muss man diese akzeptieren. Er engagiert sich gegen das Virus, tut sehr viel mit ›We kick Corona‹. Er wird seiner Vorbildfunktion mit seiner Stiftung gerecht." Bernadette Stritt (Bösinger Gemeinderätin) meint: "Das ist eine sehr schwierige Frage. Für mich steht außer Frage, dass man grundsätzlich die Meinung anderer respektieren sollte und nicht werten oder gar verurteilen. Dafür leben wir in einer Demokratie und das ist auch gut so. Es gibt in Deutschland keine Corona-Impfpflicht. Deshalb hat auch jeder das gute Recht auf seine freie Entscheidung. Ich finde es schade, jetzt auf ihn Druck auszuüben.

Die Diskussion um Joshua Kimmich tut mir auch Leid. Das ist ein unglücklicher Verlauf. Bisher ist Joshua bekannt, dass er Verantwortung übernimmt. Sei es als Spieler auf dem Spielfeld oder als Mensch. Er engagiert sich sehr, auch mit seinem Privatvermögen, bei ›We kick Corona‹ (eine Spendenaktion für soziale Einrichtungen, initiiert von Joshua Kimmich und Leon Goretzka, Anm. d. Red.). Von daher war ich auch ein wenig überrascht, dass er nicht geimpft ist.

In der aktuellen angespannten Pandemie ist es jetzt natürlich schwierig, auf Langzeitstudien zu verweisen. Als Bayern-Star hat er eine gewisse Vorbildfunktion und seine Entscheidung hat auch eine enorme Symbolwirkung. Die Nutzen und Risiken der Corona-Schutzimpfung werden oft durch unzählige, mitunter widersprüchlichen Meldungen und Meinungen erschwert.

Ich selbst war Mitglied in der Taskforce des Kreisimpfzentrum im Landkreis Freudenstadt und bin überzeugt, dass wir durch die Corona-Schutzimpfung den Gemeinschaftsschutz in der Bevölkerung erreichen. Das sollte unser aller Interesse sein. Ich wünsche mir, dass die aktuelle Diskussion die Solidarität in der Gesellschaft stärkt und wir gemeinsam die Pandemie bekämpfen."Wolfgang Kammerer ("Elder Statesman" im Männergesangverein Bösingen) sagt: "Das Impfen ist jedem seine persönliche Entscheidung. Diese respektiere ich. Joshua macht alles richtig. Er wird dreimal die Woche getestet. Ich bin geimpft. Wie bei uns im Verein etwa 80 Prozent. Bisher sind wir mit dem Hygienekonzept gut gefahren. Da die Sache mit den PCR-Tests vor jeder Singstunde unverhältnismäßig ist, haben wir vor mehr als einer Woche im Namen aller Bösinger Vereine einen Brief an den Sozialminister Manfred Lucha geschrieben. Die 3G-Regelung sollte weiter gelten. Wir wollen niemand ausgrenzen. Wir stehen für Integration. Und so sehe ich es bei Joshua auch. Von Manfred Lucha haben wir noch keine Antwort erhalten." Diana Thieringer (32 Jahre, seit fünf Jahren Vorsitzende des Musikvereins Bösingen) sagt: "Joshua Kimmichs Meinung teile ich absolut. Er war im Fernsehinterview sehr souverän in seiner Argumentation. Er lässt sich drei Mal in der Woche testen und übernimmt dadurch Verantwortung. Die 2G-Regelung ist sehr schwierig für Vereine, auch im Fußball. Damit kann ein Verein gespalten werden."