Mit „Newtopia“ startet John de Mol die nächste Kamera-Parade. Anders als bei „Big Brother“ soll es nicht um Voyeurismus gehen, sondern um eine neue Gesellschaft. Und ein bisschen Chaos vielleicht.

Amsterdam - Er tut es schon wieder, er kann gar nicht anders, fast als habe der Mann eine Sucht, die ihn seit mehr als 20 Jahren nicht loslässt und bis in alle Ewigkeit an der Nadel hält: John de Mol bringt erneut seine Kameras in Position. Rund 100 sind es diesmal. Mehr als bei seinen Stroboskopshows von „Nur die Liebe zählt“ bis „Wer wird Millionär“, mehr sogar als im lückenlos ausgefilmten Container von „Big Brother“. Es ist ein kleines Wunder, dass die Menschen dabei immer noch zusehen wollen. Aber sie wollen. Gewiss auch hierbei. „Newtopia“ heißt das neue Produkt aus dem Hause Endemol, dem zweitgrößten TV-Produzenten überhaupt mit Sitz im kleinen Holland, de Mols Versuchslabor für die restliche Fernsehwelt rings um den Globus.

Wie multiresistente Keime entwischen von seinem Kommerzkanal Talpa aus immer wieder fiese Versuchstierchen auf die Bildschirme aller Herren Länder, vermehren sich dort fleißig, sind partout nicht totzukriegen, diesmal in Form einer Sendung, deren Titel seltsam ideologisch klingt, was natürlich sorgsam geplant ist wie alles aus dem milliardenschweren Medienkonzern am Rande Amsterdams. Kein Wunder, dass Sat 1 vom „größten TV-Experiment aller Zeiten“ faselt.

John de Mol ist da ein bisschen gelassener. Das mag an seinem Alter kurz vorm Voll­enden der 60 liegen, von dem man ihm mindestens zehn nicht ansieht. Vielleicht auch am Privatvermögen, das auf locker zwei Milliarden Euro geschätzt wird. Mehr aber noch liegt es an der Fähigkeit zur professionellen Markteinschätzung. „Das ist ein bisschen PR-Getöse und viel sachliche Umschreibung“, so beschreibt er die Idee, 15 Freiwillige ohne Regeln oder Geld, ohne Infrastruktur bis hin zur funktionierenden Toilette in der Brandenburger Einöde zu kasernieren. Angesichts all der „Krisen des Kapitalismus“ hatten er und seine Thinktanks in der glitzernden Unternehmenszentrale gerätselt, „was wohl passieren würde, wenn Menschen ganz von vorn anfangen dürften“.

So entstand die Idee zur archaischen Gesellschaft im Miniaturmaßstab, ausgestattet mit etwas Saatgut, Vieh und Werkzeug, besetzt mit dem üblichen Querschnitt des Privatprogramms. In Königs Wusterhausen reicht er vom Obdachlosen bis zum Professor, vom It-Girl bis zur Tierrechtlerin, von der ernüchterten Arbeitssuchenden bis zum geldgeilen Karrieristen. Gecastet unter fast 8000 Bewerbern ist also alles dabei, alles vor allem, was Konfliktstoff birgt.

In Holland blieb die Gruppe nach dem Ende der Show zusammen

Aber ist es so einfach? Geht es wie so oft bei de Mol nur um Emotionen, seit ihm Anfang der Neunziger angesichts eines knutschenden Pärchens die Idee zu „Nur die Liebe zählt“ kam und „Traumhochzeit“ mit Schwester Linda am Mikro kurz darauf den Grundstein der gemeinsamen Karriere legte? Nicht nur, betont der Vater eines Sohnes, der sich ebenfalls längst im Showgeschäft rumtreibt. Es gehe auch um Erfolge im Miteinander, womöglich gar den Aufbau demokratischer Strukturen, wo Regellosigkeit sonst ja oft bloß die Ellenbogen schärft. Um einen „Feel-good-Faktor“, wie der „Feel-bad-Faktor“ des gehobenen Feuilletons meint: dass 15 Menschen in der unwirtlichen Umgebung eines kargen Bauernhofs wirklich ein nachhaltiges Auskommen gelingt, eine Art Zukunft.

Gut, dass Sat.1 zunächst mal ein Quotenerfolg gelingt, wäre natürlich auch nicht schlecht. In Holland war das erste Jahr so erfolgreich, dass die Gruppe darüber hinaus beisammenbleibt. Unbefristet. Ob er das auch für die deutsche Fassung erwartet? „Schwer zu sagen“, sagt John de Mol und lacht. Schließlich folge Fernsehen keinen Gesetzen, ja nicht mal berechenbaren Regeln. „Manchmal regiert das Interessante, manchmal das Frustrierende, manchmal das Verschiedene oder das Gleiche.“ Fernsehen sei halt keine Wissenschaft, sondern das demokratischste Medium überhaupt. Und da drüben, er zeigt auf die Fernbedienung vorm Fernseher, „da liegt der Wahlzettel“. Wer das schlechtere Programm habe, werde abgewählt.

Nun sind schlecht und gut beim Fernsehen à la Endemol eher unscharfe Kategorien. Schließlich kommt das Format keinesfalls dank Harmonie, Mitgefühl und funktionie-render Stromversorgung auf die Titelseite, sondern mit Eifersucht, Hunger und viel nackter Haut. Sat 1 stellt schon mal fröhlich die Frage, ob das Ganze vielleicht doch im Chaos ende. Dem Erfolg dürfte das kaum abträglich sein. Und weiterhin dafür sorgen, dass John de Mol seine Sucht befriedigen darf. Nach Kameras, so weit das Auge reicht.

„Newtopia“, Montag, 19 Uhr, Sat 1