Joe Biden, Präsident der USA, spricht über die Ukraine im Roosevelt Room des Weißen Hauses. Foto: Susan Walsh/AP/dpa

Es hat eine Weile gedauert, aber nun werden sie im großen Stil in die Ukraine geliefert: Kampfpanzer westlicher Bauart. Deutschland kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Und die USA sind mit im Boot.

Berlin - Deutschland, die USA und andere Verbündete wollen die Ukraine mit weit mehr als 100 Kampfpanzern westlicher Bauart im Krieg gegen die russischen Angreifer unterstützen. Bundeskanzler Olaf Scholz sagte der Regierung in Kiew am Mittwoch 14 Leopard-2-Panzer aus Bundeswehrbeständen zu, US-Präsident Joe Biden kündigte die Lieferung von 31 M1 Abrams an.

Scholz zog aber auch rote Linien für die weitere militärische Unterstützung der Ukraine: Eine Lieferung von Kampfflugzeugen oder die Entsendung von Bodentruppen schloss er aus. Er werde weiter darauf achten, dass Deutschland und die Nato nicht in den Krieg hineingezogen würden, versprach er im Bundestag. "Vertrauen Sie mir, vertrauen Sie der Bundesregierung", sagte er.

Seit Monaten fordert die Ukraine die Lieferung von Kampfpanzern westlicher Bauart, die erste offizielle Anfrage erfolgte schon eine Woche nach Kriegsbeginn Anfang März vergangenen Jahres. Mit den neuen Waffensystemen hofft die Regierung in Kiew, an der Front in der Ostukraine wieder in die Offensive zu kommen und weiteres Gelände von Russland zurückerobern zu können.

Leopard, Abrams, Challenger: Drei Panzer gegen Putins Truppen

Drei unterschiedliche Kampfpanzer westlicher Bauart sollen dabei helfen:

- Der deutsche Leopard 2: Deutschland stellt 14 Exemplare des Leopard 2A6 bereit, Polen ebenfalls 14 des etwas älteren 2A4. Zusammen mit Verbündeten sollen es insgesamt etwa 90 Leopard-Panzer werden.

- Der US-Panzer M1 Abrams: Die USA wollen 31 Stück liefern, die von der Industrie kommen sollen. Deswegen kann es Monate dauern, bis sie im Kriegsgebiet ankommen. Die Lieferung werde "einige Zeit in Anspruch nehmen", sagte US-Präsident Joe Biden. "Die Abrams-Panzer sind die leistungsfähigsten Panzer der Welt, aber sie sind auch extrem komplex in Betrieb und Wartung", sagte Biden am Mittwoch.

- Der britische Challenger 2: Die Briten hatten schon vor einigen Tagen als erstes Land ihren Kampfpanzer zugesagt. Sie wollen wie Deutschland 14 Exemplare liefern.

Leoparden sollen in drei Monaten ankommen

Die Leopard-Panzer aus Bundeswehrbeständen könnten nach Angaben von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in etwa drei Monaten in der Ukraine sein. Zu dem Unterstützungspaket zählen auch Ausbildung, Logistik und Munition. Deutschland will bereits in wenigen Tagen mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten am Leopard beginnen.

Scholz sagte, Deutschland handele bei der militärischen Unterstützung der Ukraine nach dem Prinzip, das Notwendige möglich zu machen und gleichzeitig eine Eskalation zu einer Auseinandersetzung zwischen der Nato und Russland zu vermeiden. "Dieses Prinzip werden wir auch weiter beachten." Bei Bürgern, die sich wegen der Entscheidung Sorgen machen, warb er um Vertrauen: "Wir werden weiter, weil wir international abgestimmt handeln, sicherstellen, dass diese Unterstützung möglich ist, ohne dass die Risiken für unser Land darüber in eine falsche Richtung wachsen."

Zu Forderungen aus der Ukraine, nun auch Kampfflugzeuge zu schicken, sagte er: "Dass es nicht um Kampfflugzeuge geht, habe ich ja sehr früh klargestellt und mache das auch hier." Er fügte hinzu: "Bodentruppen werden wir in keinem Fall schicken."

Polen darf liefern - Pistorius nennt Entscheidung "historisch"

Deutschland nimmt als Produktionsland bei der Lieferung von Leopard-Panzern eine Schlüsselrolle ein. Wollen andere Staaten diese weitergeben, muss die Bundesregierung das genehmigen. Ganz konkret unter Zugzwang stand Scholz seit Dienstag wegen eines offiziellen Exportantrags der polnischen Regierung, dem nun auch stattgegeben wurde.

Pistorius nannte die Entscheidung am Mittwoch "historisch", weil diese abgestimmt passiere, in einer "höchst brisanten Lage in der Ukraine". Er sagte aber auch: "Das ist kein Grund zum Jubeln", er habe großes Verständnis für diejenigen, die sich Sorgen machten. "Aber klar ist, Kriegspartei werden wir nicht, dafür werden wir sorgen."

USA betonen koordinierte Entscheidung mit Deutschland

Die USA betonten, dass es sich um koordinierte Entscheidung zusammen mit Deutschland handelt. Die Ankündigung der Lieferung am gleichen Tag wie jene aus Berlin demonstriere, dass "die Vereinigten Staaten und Europa weiter geschlossen zusammenarbeiten, um die Ukraine zu unterstützen", sagte eine ranghohe US-Vertreterin. Washington wisse Deutschlands Zusage der Leopard-Panzer für Kiew sehr zu schätzen. US-Präsident Biden dankte Scholz für dessen "Führungsstärke" und "sein unerschütterliches Engagement" bei der Unterstützung der Ukraine. Deutschland habe sich wirklich starkgemacht, der Bundeskanzler sei eine starke Stimme für die Einheit und ein enger Freund, sagte Biden in Washington.

US-Regierung: Deutschland treuer Partner

Die US-Regierung sieht die Beziehung zu Deutschland trotz des zähen Ringens um die Lieferung von Kampfpanzern an die Ukraine nicht beschädigt. Deutschland habe bewiesen, dass es ein treuer Partner der USA sowie der Ukraine sei und auch ein treues Nato-Mitglied, sagte Außenministeriumssprecher Ned Price.

Die Entscheidung, Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern, sei ein Ergebnis erfolgreicher Diplomatie, sagte Price weiter. Man diskutiere jeden Schritt mit allen Partnern, die sich bereit erklärt hätten, die Ukraine zu unterstützen. Normalerweise fänden diese Diskussionen hinter verschlossenen Türen statt, gelegentlich liefen sie aber auch öffentlich ab. Das untergrabe aber nicht das Signal der Einigkeit, das von der Panzer-Entscheidung ausgehe.

Russland nennt Entscheidung "äußerst gefährlich"

Die russische Botschaft in Berlin nannte die deutsche Entscheidung "äußerst gefährlich". Sie hebe den Konflikt auf ein neues Level der Konfrontation, wurde Botschafter Sergej Netschajew in einer Pressemitteilung zitiert. Die Entscheidung widerspreche den Ankündigungen deutscher Politiker, sich nicht in den Konflikt hineinziehen lassen zu wollen. Deutsche Panzer würden wieder an die "Ostfront" geschickt, was nicht nur den Tod russischer Soldaten, sondern auch der Zivilbevölkerung bedeute, so Netschajew.

Selenskyj feiert Panzerkoalition

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj feierte die Entscheidungen der USA und Deutschlands als Bildung einer internationalen Panzerkoalition. In seiner täglichen Videoansprache dankte er sowohl Bundeskanzler Olaf Scholz als auch US-Präsident Joe Biden am Mittwochabend für deren Zusagen, die Verteidigungskraft der Ukraine mit Kampfpanzern zu stärken. "Ich danke allen unseren Verbündeten für ihre Bereitschaft, uns moderne und dringend benötigte Panzer zur Verfügung zu stellen", sagte Selenskyj. "Die Art und Weise, wie wir alle zusammenarbeiten, um die Freiheit zu stärken, die Ukraine und Europa zu schützen, ist eine historische Leistung der führenden Politiker, die jetzt am Werk sind."

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg attestierte Scholz und Deutschland Führungskraft: "In einem kritischen Moment des russischen Krieges können sie der Ukraine helfen, sich zu verteidigen, zu siegen und sich als unabhängige Nation zu behaupten", schrieb er auf Twitter.

Linke und AfD befürchten Eskalation - FDP und Grüne erleichtert

Erleichtert reagierten FDP und Grüne, die Koalitionspartner von Kanzler Scholz, die auf eine Entscheidung für die Lieferung gedrängt hatten. Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) sprach von einer richtigen Entscheidung, die nicht leicht falle. Mit den Panzern würden Menschen sterben, aber der Tod anderer werde verhindert und der Krieg vielleicht irgendwann beendet. CDU-Chef Friedrich Merz unterstützte die Entscheidung ebenfalls, warf Scholz aber zugleich Zögerlichkeit vor. Es bleibe das Bild eines Getriebenen, der zu lange gezögert habe.

Linke und AfD verurteilten den Schritt dagegen. Scholz ziehe Deutschland damit immer weiter in den Krieg hinein, twitterte Linksfraktionschefin Amira Mohamed Ali am Mittwoch. AfD-Co-Chefin Alice Weidel bewertete die Bereitstellung von Leopard-Panzern für die Ukraine als "verhängnisvolle Entscheidung".

Portugal kündigt Leopard-Entscheidung für kommende Tage an

Portugals Regierung will "in den kommenden Tagen" über die Lieferung von Leopard-Kampfpanzern an die Ukraine entscheiden. Das sagte Verteidigungsministerin Helena Carreiras laut Nachrichtenagentur Lusa. Zunächst müsse noch geprüft werden, welche Auswirkungen die Abgabe solcher Panzer auf die Verteidigungsfähigkeit der portugiesischen Armee haben würde. "Es besteht aber kein Zweifel: Portugal wird sich beteiligen und der Ukraine helfen, ihre Kapazitäten im Bereich von Leopard-2-Panzern auszubauen", sagte Carreiras laut Lusa. Einen Bericht der Zeitung "Correio da Manhã", wonach Portugal die Lieferung von vier Leopard-Panzern vorbereitet, bestätigte die Ministerin nicht.