Das Stuttgarter Balletts ist nach fast acht Monaten Corona-Zwangspause neu gestartet mit der Premiere von „New/Works“. Das Publikum hat die Bühnenakteure und Choreografen bejubelt wie Popstars.
Stuttgart - Innovation als Tradition – so könnte man die Geschichte des Stuttgarter Balletts griffig auf einen Nenner bringen. Sein Gründer John Cranko machte den Anfang; seither gehören Risikobereitschaft und Lust auf Neues zur DNA der Kompanie, rund 400 Positionen umfasst ihre Liste an Uraufführungen bis heute.
Das Stuttgarter Ballett ist mit seinem Pool an choreografischem Talent gut durch Krise gekommen. Und so lautet beim Neustart am Samstag auf der Bühne im Opernhaus, zugleich Startschuss für die Festwochen zum 60. Geburtstag der Kompanie, das Motto: „New/Works“, bitte viel Neues! Dass mit Christian Spuck einer der vier beteiligten Choreografen kurz zuvor zum Intendanten des Berliner Staatsballetts ernannt wurde, zeigt, mit welchen Pfunden der Abend wuchern kann.
Stars mit Stuttgarter Wurzeln
Ob Marco Goecke, William Forsythe oder Christian Spuck: Sie eint, dass sie sich in Stuttgart als Hauschoreografen ausprobieren durften und dann von hier aus die Ballettwelt eroberten. Mit Edward Clug ist ein Gast dabei, für den die erste Einladung nach Stuttgart zum Sprungbrett in eine internationale Karriere wurde; auch Mauro Bigonzetti, Kevin O’Day oder Wayne McGregor hätten an seiner Stelle sein können.
Was soll also schiefgehen bei einem so schwergewichtig besetzten Abend und mit bestens seit Monaten auf diesen Moment vorbereiteten Tänzern? Stimmt, nichts! Kleine Enttäuschungen gab’s trotzdem, aber sie hatten eher mit Nebensächlichem wie unvorteilhaften Kostümen zu tun. Und so feierte das Publikum, glücklich über so viel Wiedersehen, alle Bühnenakteure wie Popstars.
Ein Künstler auf seinem Höhepunkt
Besonders laut ergoss sich der Jubel über Marco Goecke, und das hatte nicht nur damit zu tun, dass da ein verloren geglaubter Sohn zurück war. Wie der in „Nachtmerrie“ ein junges Paar Nähe und Distanz, Sehnsucht, Hoffnung und Verzweiflung mit jeder Körperfaser durchleiden lässt, rührt zu Tränen – auch, weil da ein Künstler auf dem Höhepunkt und bei sich angekommen scheint.
Sanfter, versöhnlicher ist das nervöse Flattern, die Dunkelheit, die Härte gegenüber sich und dem Gegenüber als 2005 bei Goeckes Stuttgarter Debüt mit „Sweet Sweet Sweet“. Damals gab’s auch Buhrufe, nun blicken alle gebannt in die Abgründe, die sich auftun, wenn sich Mackenzie Brown und Henrik Erikson aneinander klammern wie Ertrinkende, um sich dann wieder in eine unüberwindbare Einsamkeit fallen zu lassen. Zu Musik von Keith Jarrett ist jede Geste dicht gewebt wie eine Gedichtzeile. An Gefühlen kann man sich tatsächlich verbrennen, wie zu Lady Gagas Hit „Bad Romance“ aufblitzende Streichhölzer am Ende dieses erstaunlich reif interpretierten Duetts andeuten.
Der Einlass ins Opernhaus funktioniert reibungslos
„Wir alle brennen für diesen Moment!“ – so könnte man die Begrüßung des Ballettintendanten Tamas Detrich zusammenfassen. Endlich darf wieder vor Publikum getanzt werden; knapp 600 Gäste sind im Schachbrettmuster im Opernhaus verteilt, reibungslos verlief der Einlass der Getesteten, Genesenen und Geimpften. Dank eines Livestreams ist an den Bildschirmen in aller Welt sehr viel mehr Publikum dabei und kann teilhaben an der Energie aus dem Saal, die den Tänzern beim Applaus ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Christian Spuck eröffnete mit „Cassiopeia’s Garden“ diesen ersten Jubiläumsabend. Zwischen pulsierendem, lautem Elektrosound und leisem Klassikklavier schreiben drei Tänzerinnen und sechs Tänzer ihre Bewegungen dem Raum ein, Beine machen sich lang und knicken mit lockerem Kick, Schritte fallen überweit aus, wie man das seit Spucks Debüt vor 25 Jahren hier kennt – und doch staunt man aufs Neue über diesen Fluss der Bewegungen. Über und unter drei Tische führen sie und erheben ihre Protagonistinnen; nicht nur Erinnerungen an Spucks „Lulu“ werden da wach. Das Echo vergangener Ereignisse befragt das Stück, das mit seinem Titel auf ein Sternbild mit besonders starken Radiowellen anspielt. „Was bleibt?“, will der Choreograf wissen und lässt Alessandro Giaquinto und Shaked Heller, Agnes Su und Clemens Fröhlich in bemerkenswerten Begegnungen Antworten suchen, die mit Gemeinschaft und Teilhabe zu tun haben.
Ereignisse, die nachwirken
Als Ereignis, das bis heute nachwirkt, beschreibt auch Edward Clug seine Begegnung mit dem Stuttgarter Ballett. Dass der rumänische Choreograf an dem Tag geboren wurde, an dem John Cranko starb, mag die Verbindung stärken, die er im Titel seines neuen Stücks „Source“ als Inspirationsquelle benennt. Vergangenes und Gegenwart bringt er zusammen, wenn erst ein Vorhang aus Streifen, später eine sich senkende Bühnenabtrennung den Blick über Grenzen hinweg andeuten.
Zu Milko Lazars eigens komponierter „Stuttgarter Suite“, deren serielle Module eine kleine Staatsorchester-Besetzung weich variiert, gibt sich der Tanz mal mechanisch kantig, mal gymnastisch bewegt. Tempo nimmt er fast zu selten auf. An altbackene Turntrikots erinnern die schwarz-weißen Outfits; auch wenn sie die zehn Tänzer plump wie Teletubbies wirken lassen, knüpft „Source“ doch an die klare Ästhetik von Clugs Bauhaus-Ballett „Pattern ¾“ an.
Forsythe setzt glamouröse Glanzlichter
Das Finale gehört William Forsythe und seinen groß besetzten „Blake Works I“. Sie sind 2016 für das Ballett der Pariser Oper entstanden und verblüffen nicht nur in der Konfrontation von James Blakes spartanisch instrumentierten Popsongs mit einem üppig sprudelnden Quell von klassischen Miniaturen. Der einstige Ballettrevolutionär als Arabesken- und Spitzenschuh-Fan?
Alles, was das Ballett ihm gegeben habe, wolle er mit diesem Stück feiern, sagt Forsythe. In Stuttgart erinnert der klassische Impuls der sauber aufgereihten Tanzperlen an Forsythes Debüt „Urlicht“; 1978 war das – und natürlich ist der Choreograf um viele Erfahrungen reicher. Und so setzen kess eingestreute Dancefloor-Moves, wippende Schritte und Hüften auch im letzten Stück des sehenswerten Abends glamouröse Glanzlichter, die Vergangenheit und Gegenwart zusammenbringen. Auf einer Torte zum 60. dürfen so schmucke Schautanz-Wunderkerzen schon mal abgebrannt werden.
Weitere Termine
Weitere Vorstellungen gibt es am 24., 25., 26. und 27. Juni sowie am 24. und 25. Juli – für alle gibt es noch Karten. Nach aktuellen Planungen dürfen 600 Zuschauer (getestet, geimpft oder genesen) ins Opernhaus; der Vorverkauf hat bereits begonnen. Eine Zusammenstellung aller Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen findet sich unter hier.