Eine Fundgrube an Fotos und Dokumenten ist die Sammlung von Friedrich Hanselmann. Er besitzt das Buch mit den Aufschrieben von Fritz Keller, Material über die Erschließung des Neuenbürger Besucherbergwerks, zu Bau und Beschilderung der B 294 und vielen anderen Dingen. Foto: Schabert

Heimatgeschichte: Fritz Keller stellte entscheidende Weichen in Haifa / Kopie der Lebenserinnerungen

Friedrich Hanselmann lebt in Neuenbürg im Seniorenzentrum Sonnenhalde. Nach wie vor interessieren den geistig frischen 94-Jährigen das Tagesgeschehen und die Historie. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuweiler, von wo er stammt.

Neuweiler/Neuenbürg. Eine Reihe Alben mit Fotos und interessanten Aufzeichnungen hat der frühere Vermessungsingenieur beim Umzug aus seinem Wohnhaus in der Stadt über der Enzschleife in die Einrichtung mitgenommen. Dazu zählt auch die Kopie der in Maschinenschrift verfassten Lebensgeschichte von Fritz Keller (1838-1913).

Wer sich bei Wikipedia über Haifa informiert, bekommt – vielleicht überrascht – zu lesen: "Ein weiterer Impuls war 1869 die Gründung eines Dorfes, der ›Deutschen Kolonie‹, durch christliche Siedler der Tempelgesellschaft aus Süddeutschland." Was nicht dabei steht: Einer davon war der Metzgergeselle Fritz Keller aus Neuweiler, der in Haifa zum Vizekonsul avancierte und mit entscheidende Weichen zur Besiedelung stellte. Ohne sein Zutun wäre es wahrscheinlich mit den Bauten und Höfen am Fuße des Karmel und auf diesem nichts geworden.

Tief im christlichen Glauben verwurzelt und mit einer Portion Kampfgeist ausgestattet, sah es zunächst gar nicht nach einer solchen Karriere aus. "Ich bin am 20. September 1838 geboren, im schwäbischen Schwarzwalddorf Neuweiler, im Oberamt Calw, und hatte noch fünf Geschwister. Unsere Eltern waren arme Taglöhner-Leute", beginnen Kellers 83-seitige Ausführungen nach dem Vorwort. Er sei ein "ausgelassener Knabe" gewesen, habe leicht gelernt, dem Leichtsinn gefrönt und die harten Strafen seiner Eltern für manchen Jugendstreich hingenommen. Zum Glauben habe er durch Pfarrer Blumhardt aus Möttlingen schon als Kind gefunden. Ein "leichtsinniges Leben" habe er nach der Ausbildung zum Metzger, beim Militärdienst und der Arbeit in der Schweiz dennoch geführt. Als sein Vater erkrankte, kam er 1860 nach Neuweiler zurück.

Die entscheidende Wende vollzog Keller wohl 1861. Er schreibt, es "ging eine geistige Bewegung durch unseren Schwarzwald, nämlich die Jerusalemsfreunde, denen sich meine lieben Eltern und noch mehrere unserer Verwandten anschlossen". Es wanderten in der Folge Dutzende Familien aus dem Oberen Wald und viele aus ganz Württemberg aus, um in Palästina ihr Heil zu suchen. Nach dem Besuch der Evangelistenschule 1863 auf dem Kirschenhardthof zog Keller mit seinem Neuweiler Schulfreund Friedrich Proß zunächst in die Schweiz, wo er vier Jahre als "Metzgerknecht" und nebenbei missionierend wirkte. Dann folgte als Zwischenstation ab Herbst 1868 Beirut. Seine Cousine und Verlobte Katharina Krafft aus Oberkollwangen kam dorthin, wo beide, vom Tempel-Mitgründer Christoph Hoffmann getraut, 1869 heirateten.

Auf steinigem Grundeigenes Haus gebaut

Im Februar 1870 zog das Paar nach Haifa, zunächst mit Eltern und Geschwistern in Miete. Bald wurde auf dem erworbenen, steinigen Baugrund in nicht gerade freundlich gesonnener Umgebung – wie von weiteren Auswanderern – ein eigenes Haus errichtet. Keller wurde Konsulatssekretär, ab 1878 dann Vizekonsul. Streitigkeiten unter Landsmannschaften und Glaubensgemeinschaften begleiteten das Geschehen. Auch unter den Führungskräften der Templer selber herrschte nicht eitel Sonnenschein. Da war der Zwist zwischen dem jüdischen "Volk Israel" und den Templern, die sich als "Volk Gottes" sahen. In der Nachbarschaft beanspruchte das französische, katholische Karmeliter-Kloster das Land, dessen Eigentum Keller für die Siedler teils vor der Hohen Pforte (Regierung) und dem obersten Gericht in Konstantinopel – Palästina gehörte damals zum Osmanischen Reich – durchsetzen musste.

Obwohl erst später zufällig hinzugekommen und keineswegs beteiligt, wurde Keller 1885 in der Presse zum Anführer gemacht, als eine Gruppe deutscher und türkischer Siedler dem Kloster zusetzte und Grenzmauern einriss. Dazu hält er fest: "Dieser unzeitige Spaziergang meinerseits wurde nachher in den deutschen Zeitungen – ich las es im Schwarzwälder Boten – dahin ausgebeutet, dass ich als kaiserlich deutscher Vertreter und Agent des österreichischen Loyd an der Spitze von 40 Kolonialisten das altehrwürdige Kloster demoliert hätte."

Neben den genannten Ämtern bekleidete Keller noch zeitweise das des Vertreters der "Kaiserlich königlichen österreichisch-ungarischen Post". Ein Höhepunkt in seiner Diplomatenkarriere war das Jahr 1898: Da war er nicht nur beim Empfang des deutschen Kaisers eine Hauptperson, sondern wurde mit deutschem, württembergischem und türkischem Orden dekoriert.