Der Großvater Eugen Waidelichs hatte um 1930 ein Prachtstück von einem Zuchtbullen zu betreuen.Fotos: Digitalarchiv Schabert Foto: Schwarzwälder Bote

Rinderzucht: Seiner Qualität wegen wurde "Morin" vom Land übernommen

Ein Zuchtbulle angestellt bei der Gemeinde? Das gab es tatsächlich in den 1970er-Jahren. In Neuweiler wurde der letzte Gemeindebulle im Jahr 1996 in den ehrenvollen Ruhestand geschickt.

Neuweiler-Zwerenberg. "Letzter Bulle abgeführt", hieß es im Frühjahr 1996 in dieser Zeitung. Noch in den 1970er-Jahren war es üblich, dass jede Landgemeinde ihren sogenannten Farrenstall hatte und in diesem einen oder mehrere Zuchtbullen hielt oder solche im Auftrag der Kommune auf einem landwirtschaftlichen Hof bereitgehalten wurden. Der Bulle "Morin" mit Standort in Zwerenberg hatte vor 25 Jahren mangels Beschäftigung als letzter tierischer Mitarbeiter der Gemeinde Neuweiler ausgedient.

Auch als in den 1960er-Jahren die künstliche Besamung durch den Tierarzt Einzug hielt, blieb der natürliche Deckvorgang noch lange erhalten. Es war gesetzliche Aufgabe der Gemeinde, durch Zuchtbullen oder die Mitgestaltung der künstlichen Besamung mit für die Rinderzucht zu sorgen. Rund zehn der kraftvollen Tiere gab es noch 1975, dem Jahr der Gemeindereform, in den Ortschaften Neuweilers. Die weiblichen Tiere wurden zur Deckung entweder einfach durch den Ort zum Bullen geführt oder in späterer Zeit auch auf einem Transportanhänger mit dem Auto dorthin gefahren. Im Deckstand vollzog sich dann das Geschehen auf natürliche Art und Weise. In der Gemeinde Neuweiler wurde diese Aufgabe zuletzt im Ortsteil Zwerenberg eingestellt.

Eine Tradition ging mit der Abschaffung der Bullenhaltung nicht nur für die Waldgemeinde, sondern auch für die Familie Waidelich in Zwerenberg zu Ende. Rund 80 Jahre lang hatte sie auf ihrem Hof in der Lindenstraße bis 1996 in dritter Generation die sogenannte Regiehaltung für die Kommune betrieben. Der 2013 verstorbene Eugen Waidelich betreute den Gemeindebullen im Auftrag der Gemeinde Zwerenberg und nach der Gemeindereform bis 1996 der Gemeinde Neuweiler 35 Jahre lang. Bald nach der vorletzten Jahrhundertwende hatten vor ihm sein Vater und Großvater die Haltung des Zuchttieres übertragen bekommen.

Goldene Ehrennadel

Als Rinderzüchter hatte Eugen Waidelich so große Verdienste, dass ihm vom überörtlichen Fleckviehzuchtverein 1991 dessen goldene Ehrennadel verliehen wurde. Er führte den letzten Neuweiler Gemeindebullen im Frühjahr 1996 zum Abtransport aus dem Stall. Der Weg "Morins" endete aber nicht im Schlachthof. Zunächst kam er in Quarantäne. Dann landete er als sogenannter "Testbulle" seiner besonderen Qualitäten wegen noch eine ganze Zeit lang in der Besamungsstation des Landes als Produzent für die Samenbank.

Zuchttiere hielt in Zwerenberg im Übrigen ein Bürger namens der Gemeinde schon 1860 gegen jährlich 80 Gulden. Teils, wie im Bullenhaltungsverein Gaugenwald und Umgebung, taten sich vereinzelt zusätzlich Landwirte zu diesem Zweck zusammen. Der von 1952 bis 1995 bestehende Verein hatte auch viele Mitglieder aus Zwerenberg.

Die Gemeinschaft hatte offenbar ein besonderes Händchen für die Rinderzucht. Tierische Nachkommen aus dem kleinen Ortsteil schafften es deshalb sogar auf die Ausstellung beim landwirtschaftlichen Hauptfest des Volksfestes in Stuttgart.

Die Gemeinde Neuweiler hatte in den letzten Jahrzehnten der Bullenhaltung als kleines Beratungsgremium aus dem Gemeinderat auch eine Bullenhaltungskommission. Besonders bei der Anschaffung der einige Tausend Mark kostenden Tiere war der Bürgermeister für fachkundigen Rat dankbar. Denn ein Verwaltungsmann, der nicht aus der Landwirtschaft kam, hatte nun einmal von der Rinderzucht und den Merkmalen, die einen guten Zuchtbullen ausmachten, nicht allzu viel Ahnung.

Fast ein Festtag war, wenn es wieder galt, auf dem Markt in Herrenberg bei der Versteigerung das Täfelchen als Zeichen des Mitbietens um einen neuen vierbeinigen Mitarbeiter hochzuhalten und im "Deutschen Kaiser" mit dem Verkäufer einzukehren.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: