Singen war in Corona-Zeiten für lange Zeit untersagt. Foto: Eyrich

Singen ist Chören wieder erlaubt. Aber: Wie viele kommen noch zu den Proben von jenen, die vor der Coronavirus-Pandemie kamen? Steffen Mark Schwarz, Leiter der Kantorei der Martinskirche, sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber.

Albstadt-Ebingen - "Ich weiß nicht, wie viel Chor ich noch habe", sagt Steffen Mark Schwarz – und lächelt trotzdem. Was soll er hadern? Es ist, wie es ist. Die Coronavirus-Pandemie war wie eine Sintflut gekommen, und eben auch über die Chöre. Deren Leiter müssen jetzt das beste daraus machen.

 

Dass beim Singen deutlich mehr Aerosole, über die sich das Virus verbreitet, ausgestoßen werden als beim Sprechen, das hatten die Wissenschaftler früh herausgefunden und die politisch Verantwortlichen das Singen untersagt. Die Kantorei der Martinskirche, den wohl bekanntesten Chor Albstadts, hatte das Probenverbot kurz vor der Aufführung des Fragments der Markus-Passion von Johann Sebastian Bach BWV 247 zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag 2020 getroffen, der die Sängerinnen und Sänger wegen des schönen Werks, aber auch wegen der professionellen Solisten und Musiker entgegengefiebert hatten. Wie eine Seifenblase zerplatzte das plötzlich alles. Aus und vorbei.

Ihr Chorleiter gehörte von Anfang an zu den pragmatischen Realisten: Als ihn der damalige leitende Pfarrer am Samstagnachmittag anrief und ihm mitteilte, dass die Landeskirche erst einmal alle Gottesdienste in Präsenz einstelle, "war mir klar, dass das mit dem Chor lange dauern wird", erinnert sich Schwarz. In diversen Videokonferenzen auf landeskirchlicher Ebene seien auch solche dabei gewesen, die den Lockdown als Intermezzo betrachtet und allerhand Vorschläge für schnellen Wiedereinstieg gemacht hätten. Schwarz hatte sich "keiner Illusion hingegeben", wie er sagt: "Es war doch schnell klar, dass das eine echte Pandemie und ein wirkliches Problem ist – und dass nun erst einmal andere Dinge im Vordergrund stehen."

Seitdem hatte er mittwochabends frei, fragte sich oft, wie es seinen Chormitgliedern wohl geht, und hielt so gut es ging Kontakt via Telefon und E-Mail. Die Ehrung treuer Mitglieder, die seit Jahrzehnten die Kantorei verstärken, musste er ebenso vertagen wie das jährliche Chorfest und andere gesellige Ereignisse, etwa den gemütlichen gemeinsamen Ausklang bei Kuchen und Wein nach dem großen traditionellen Adventskonzert – das ebenfalls ausfiel.

An ein Comeback war nicht zu denken

Dann die hohen Inzidenzzahlen im Frühjahr 2021, der Zollernalbkreis bundesweit an der Spitze – an ein Comeback der Chorarbeit war nicht zu denken.

Untätig war Steffen Mark Schwarz freilich nicht – wie wohl die meisten Leiter kirchlicher und weltlicher Chöre. Wenngleich konkrete Planungen noch sinnlos wären, wie er betont: "Für den Herbst halte ich vieles für möglich, aber wenn ich dann höre, dass Pädagogen mir erzählen, dass bisher höchstens zehn Prozent der Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet sind, wenn ich höre, wie die Delta-Variante des Virus grassiert und dass manche glauben, wir seien mit dem Thema durch", und sich entsprechend verhielten – dann ist ihm klar, dass schon bald alle Pläne Makulatur sein können.

Für die drei Proben, die bis zur üblichen Sommerpause in den großen Ferien möglich sein werden – in der geräumigen Martinskirche anstatt im viel kleineren Gemeindesaal –, hat der Martinskantor deshalb keine ambitionierten Ziele gesteckt: "Jetzt geht es vor allem darum, dass die Mitglieder wieder Freude am gemeinsamen Singen haben", betont er. "Mitte September werden wir dann sehen, wo wir stehen." Das heißt auch: Wie viele Chormitglieder wieder zurückkommen. Da gebe es welche, die schon hatten aufhören wollen, als seine Vorgängerin Brigitte Wendeberg in den Ruhestand ging, und doch geblieben seien, um mal zu schauen, "wie der junge Mann das so macht", sagt Schwarz schmunzelnd. 34 Jahre alt war er damals.

"Inzwischen sind wir alle fast zehn Jahre älter. Und die Probleme, mit denen wir uns jetzt konfrontiert sehen, waren ja auch vorher schon da – Corona hat sie nur verschärft." Welche das sind? Dieselben wie die der Vereine, der Orchester, der freiwilligen Feuerwehr: Nachwuchs zu gewinnen, wird immer schwieriger. Und die treuen Älteren: immer weniger.

War es früher noch das Selbstverständlichste der Welt, einem Chor seine Stimme zu leihen, für den örtlichen Club zu kicken, ein Instrument zu lernen und in der Blaskapelle des Heimatdorfes mitzuspielen oder mit den Kameraden Brände zu löschen, locken heute multimediale Möglichkeiten im heimischen Wohnzimmer und der unverplante Feierabend – als Ausgleich zu immer härter werdenden Anforderungen in Schule, Studium und Berufsleben.

Dass gemeinsames Singen im Chor mit all den positiven Nebenwirkungen ebenfalls einen solchen Ausgleich bieten kann: Schwarz und seine Kollegen in anderen Chören wissen freilich auch das: Singen macht Spaß, setzt Glückshormone frei, regt das Gehirn an und hilft den Aktiven, sich buchstäblich Luft zu verschaffen. Die Freundschaften, die dabei entstehen, tun ein Übriges. Die fest eingeplante Auszeit wird allwöchentlich zum kleinen Triumph über den allzu vollen Terminkalender. Und dann sind da ja noch die Aufführungen, nach denen das Publikum jubelt und applaudiert, die Sänger für alle Mühen entschädigt und für die konzentrierte Mitarbeit am Gesamterfolg belohnt.

600 Zuhörer sind derzeit absolut nicht drin

Um an solchen Konzerten mitwirken zu können, kämen manche oft von weit her zu den Proben, weiß Schwarz, der noch heute "zehrt" von der Aufführung zur Sterbestunde Jesu 2019, da 600 Zuhörer in der voll besetzten Martinskirche den Chor, das Schwarzwald Kammerorchester und vier namhafte Solisten für ein gelungenes Mozart-Requiem feierten. 600 Zuhörer – die Zahl klingt für ihn wie ein Märchen aus uralter Zeit. "Derzeit wären gerade mal 118 Zuhörer möglich", sagt er mit Blick auf die geltende Corona-Verordnung. Da geht’s nach der örtlichen Inzidenz und der Größe des Raumes: "94 Personen unten und je zwölf auf der Nord- und der Südempore."

Strategien sind gefragt – und letztlich auch Geld

Die Applausdichte ist da freilich nicht das Einzige, was fehlt. Um die Einnahmen geht es schon auch. Denn die Eintrittsgelder braucht der Kantor, der in Personalunion auch Kulturmanager ist, um auch für’s nächste Konzert wieder Profis engagieren zu können, die Soli singen und Saiten streichen. "Anspruchsvolle Programme – diese Strategie alleine hat vor Corona gegriffen", sagt er nachdenklich. "Jetzt brauchen wir Strategien zur Professionalisierung" – nicht jener der Chormitglieder, die tagsüber ihren Brotberufen nachgehen, sondern jener der Angebote. Um diese unter solchen Bedingungen auf qualitativ hohem Niveau zu halten, "müssen Verantwortliche auch mehr investieren, um entsprechende Orchester und Solisten einzuladen". Was wiederum ein Anreiz für Chormitglieder sei, weiter zu machen oder überhaupt einzusteigen.

Derzeit kann Steffen Mark Schwarz – in jeder Hinsicht und so leid ihm das tut – "nur kleine Schritte gehen", muss erst einmal den Status quo analysieren, bevor er neue Pläne schmieden und sich über deren Finanzierung Gedanken machen kann. Allen seinen Kollegen geht es so, ob in kirchlichen oder Vereinschören. Leichter macht es das für ihn freilich nicht.

Dennoch: Auf die drei Chorproben vor den Sommerferien – am 7., 14. und 21. Juli, jeweils ab 20 Uhr in der Martinskirche – freut sich der Kantor. Denn die Martinskantorei ist für ihn längst mehr als ein wichtiger Teil seines Berufslebens.

Info

Die Proben der Kinderkantorei der evangelischen Kirchengemeinde Ebingen beginnen ebenso wieder wie die der Kantorei der Martinskirche – nach den Regeln der Coronaverordnung und des Infektionsschutzgesetzes der Landeskirche. Sie legen fest, wie groß die Gruppen, die gemeinsam singen dürfen, sind und dass sie nicht gemischt werden dürfen. Den Kontakt zur Kita Regenbogen bei der Emmauskirche, die einen musikalischen Schwerpunkt hat, hat Chorleiter Steffen Mark Schwarz auch über die Zeit des coronabedingten Probenverbots gehalten – und freut sich nun, mit den Kindern wieder proben zu dürfen, vorerst nur im Freien.

Gottesdienstbesucher dürfen ebenfalls wieder singen, allerdings mit Mund-Nase-Maske.