Bitte einmal einfache Fahrt von Paris nach Bukarest: Das Staatsorchester Stuttgart bietet im Opernhaus ein Neujahrskonzert, das keine Wünsche offenlässt.
Neujahrskonzerte sind ja gar kein leichtes Genre. Mal ehrlich: Die ganze Wiener Walzerseligkeit klingt auch nicht sehr viel anders als in den Jahren zuvor, nur weil jetzt vielleicht mal ein Christian Thielemann am Dirigentenpult steht.
Der Dirigent wird zum Reiseleiter
Beim Stuttgarter Staatsorchester wird seit Jahr und Tag dagegen deutlich mehr darüber gehirnt, was ein interessanter roter Faden für ein Neujahrs-Konzertprogramm sein könnte. Und auch zum Start von 2024 kann das Ergebnis am frühen Montagabend im Opernhaus überzeugen: Die Musiker mit ihrem Gastdirigenten Roland Kluttig nehmen das Publikum mit auf eine musikalische Reise mit dem Orientexpress von Paris bis nach Bukarest – wobei die neun Kompositionen der einzelnen Stationen fast gar nicht zum Standardprogramm deutscher Konzertprogramme gehören. Orientierungsschwierigkeiten sind trotzdem ausgeschlossen: Der Dirigent übernimmt neben seinem Hauptjob auf dem Pult mittels einer angenehm unaufgeregten Moderation auch noch die Aufgabe des Reiseleiters.
Tatsächlich sehr festlich geht es mit dem Stück „Fêtes“ aus den „Trois Nocturnes“ von Claude Debussy in Paris los; die grandiose musikalische Lokomotiven-Fantasie „Pacific 231“ von Arthur Honegger bringt das ganze Haus sodann mächtig in Fahrt; ein Csárdás aus der Oper „Ritter Pásmán“ von Johann Strauss (Sohn) repräsentiert Wiener Habsburg-Seligkeit.
Die Robe von Ester Dierkes leuchtet tiefrot
Doch die größten Entdeckungen sind nach der Pause zu machen: Dass die „Tänze aus Galanta“ des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály und die „Rumänische Rhapsodie“ Nr. 1 von George Enescu bei aller Modernität mit viel Balkan-Schwung so mitreißen können, hätten die meisten zuvor wohl kaum für möglich gehalten. Perfekt und vorbildlich, wie das Staatsorchester trotz enormer Dynamik im Spiel niemals die Präzision missachtet – und traumhaft, wie es mitten zwischen die Klangstürme zart und schwebend eine Zwischenaktmusik aus Franz Schuberts „Rosamunde“ zu setzen vermag.
Traumhaft auch die Auftritte der Sopranistin Esther Dierkes, die ein Lied von Henri Duparc und den Auftritt der Csárdásfürstin aus Emmerich Kalmans Operette zur Reise beisteuert. Und als sie dann im Zugabenteil auch noch in festlichster roter Robe Franz Léhars „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ zelebriert und Kluttig hernach den „Ungarischen Tanz“ Nr. 5 von Johannes Brahms drauflegt – da kennt das Publikum dieses Neujahrskonzertes endgültig kein Halten mehr: schier endloser Jubel. Fabelhaft.