Auch das fester Bestandteil des Neujahrsempfangs: das Singen des Trossinger Heimatliedes von Josef Zepf. Foto: Cornelia Hellweg

Auf dem Neujahrsempfang überreichte Bürgermeisterin Susanne Irion die Bürgermedaille an Gerard Deleye.

Den Neujahrsempfang eröffnete Bürgermeisterin Susanne Irion am späten Sonntagnachmittag vor gut gefüllten Reihen im Hohner-Konzerthaus. Ihre Rede war geprägt von einer Standortbestimmung. Wo steht die Kommune – welche Herausforderungen sind zu bewältigen.

 

Das Programm bezog sich außerdem auf für die Stadt wichtige Jubiläen des vergangenen Jahres: 50 Jahre Städtepartnerschaft mit Cluses und 50 Jahre Musikschule Trossingen. Den musikalischen Auftakt des Abends gestalteten Eunike Olivia Brotzmann und Kolya Gaymann am Klavier sowie später Florian Hermerschmidt an der Marimba – alle Preisträger bei Jugend musiziert.

1550 Musikschüler

An der Musikschule unterrichten 50 Lehrkräfte rund 1550 Schülerinnen und Schüler. Und das nicht nur an der Einrichtung selbst sondern auch „in Kooperationen mit Vereinen, Kindergärten, Schulen und Altersheimen. Interessante Klangwelten mit Marimba, auf dem Schlagzeug und dem Vibraphone erlebten die Zuhörer im zweiten Teil des Abends, die Jochen Schorer, Professor an der Hochschule für Musik Trossingen, mit den beiden Studierenden Zuzanna Polónczyk und Marius Schwarz bravourös zur Aufführung brachten.

Marius Schwarz (links) und Jochen Schorer an der Marimba. Foto: Cornelia Hellweg

In den Mittelpunkt ihrer Rede stellte Bürgermeisterin Susanne Irion die Überzeugung, dass Veränderung eine Chance sein kann. Das bedeute allerdings auszuhalten, „dass es schwierigere Abschnitte und Phasen gibt und daran wachsen“. Ein Beispiel sei der Neubau des Trossinger Rathaus. Sei das richtig in finanziell eher herausfordernden Zeiten? Irion ist eine Verfechterin dieses Projektes, denn das 120 Jahre alte Gebäude sei für die Verwaltung einer damals 3000-Einwohner-Stadt ausgelegt. Mittlerweile kratze man an der 18 000-Einwohner-Grenze. Viele der Installationen stammten ebenfalls noch aus dem Baujahr. „Es geht nicht weniger als die Frage, ob auch wir hier in Trossingen unsere staatlichen Kernaufgaben noch erfüllen und ob die Stadt im Wettbewerb um Fachkräfte für ihre Aufgaben weiter mithalten könne.

Bürgermeisterin Susanne Irion bei der Festansprache. Foto: Cornelia Hellweg

Der Schuldenstand pro Einwohner beträgt 455 Euro. „Das dritte Mal in Folge konnte er damit reduziert statt gesteigert werden“, so die Bürgermeisterin. „Und dieser Verschuldung steht ein Pro-Kopf-Vermögen entgegen, und das beträgt immerhin 7172 Euro pro Einwohner.“ Die politischen Veränderungen nach der Kommunalwahl seien ohne Getöse verlaufen. Dankbar blicke sie auf die Zusammenarbeit mit dem Ortschaftsrat Schura und Gemeinderat „für viele gelungene Projekte“ zurück. In den Blick nahm die Bürgermeisterin das Einwohnerplus in Trossingen. In diesem Jahr rechnet sie damit, die 18 000-Einwohner-Marke zu erreichen. „In einem Bild beschrieben ist unsere Stadt wie ein Teenager, der wächst: jede Hose zu kurz, er hat einen unbändigen Appetit, benimmt sich bisweilen daneben und verändert sich schnell.“ Übertragen heiße das einen hohen Investitionsbedarf vor allem in Bildung und Betreuung, mehr Konflikte und Veränderungen im Stadtbild.

Ein Viertel hat keinen deutschen Pass

Rund ein Viertel der Trossinger hatten 2024 keinen deutschen Pass. Die jüngere, starke Migration stelle die Stadt vor Herausforderungen. „In vielen Kindergartengruppen wird in neun von zehn Elternhäusern nicht deutsch gesprochen.“ Es sei wichtig, Kindern und Jugendlichen den Wertekanon eines friedlichen Miteinanders, den Wert von Leistung und der Notwendigkeit, sich in die Stadtgesellschaft einzubringen, zu vermitteln. Eine gute Begleitung insbesondere von Kindern und Jugendlichen dazu, sei nicht nur eine „moralische Verpflichtung sondern auch volkswirtschaftliche Notwendigkeit“. Hinter jeder Schwierigkeit stünden ungeahnte Chancen. Veränderung brauche Mut und koste Kraft.

Von links: Ernst Burgbacher, Gerard Deleye und Bürgermeisterin Susanne Irion.

Ernst Burgbacher hielt die Laudatio auf Gerard Deleye, dem die Bürgermeisterin anschließend die Bürgermedaille überreichte. Deleye sei als Profimusiker viel unterwegs gewesen mit damaligen Größen wie Pepe Lienhard. 1980 ließ Deleye sich mit seiner Frau in der Musikstadt nieder. „Damit ist er Trossinger geworden. Das war ein Glücksfall für die beiden, aber auch für Trossingen.“ Seine Leidenschaft war die Stadtkapelle. Vorbildlich außerdem sein Engagement für das Cluses-Komittee, das er in Nachfolge von Ernst Pfister übernahm. „Er wollte den französischen Mitbürgern deutlich machen, wie toll Trossingen ist.“ Vorbildlich außerdem die Bereitschaft immer dort mit anzupacken, wo es nötig ist.

Bürgermedaille für Deleye

Beim Neujahrsempfang waren der Bürgermeister von Cluses mit Frau zugegen. Auch das eine Anerkennung für die Person Gerard Deleye. Ernst Burgbacher bezeichnete den neuen Träger der Bürgermedaille als „vorbildlichen Bürger der Stadt Trossingen“.

Gerard Deleye war sichtlich gerührt über Laudatio und Ehrung. „Ich freue mich sehr, und es ist eine Freude, mit euch zusammen zu arbeiten.“ Er dankte Ernst Burgbacher und dessen Frau, die sehr dafür verantwortlich seien, „dass wir uns gut in Trossingen integriert haben.“ Sein Dank ging ebenfalls an seine Frau und den drei Kindern. Dadurch, dass er als Berufsmusiker viel unterwegs gewesen sei, habe er keine Heimat mehr gehabt. Und die fand er mit seiner Familie schließlich in Trossingen.