Geübte Häklerinnen brauchen etwa vier Stunden für ein Exemplar. Foto: Jeanette Tröger

Gehäkelte Oktopusse helfen Frühgeborenen – eine Aufgabe für geübte Häklerinnen

Wie geht das zusammen – kleine „Tintenfische“ und Frühchen? Des Rätsels Lösung findet sich in Neuhengstett im Begegnungsraum Rössle.

 

Der ehrenamtlich koordinierte Begegnungsraum Rössle ist quasi das kommunale Wohnzimmer in Neuhengstett. Hier finden viele kleinere Gruppen und Veranstaltungen einen einfach zugänglichen Raum. Neben Spieletreffs, Job-Café und Internetkursen gibt es allerlei kreative Angebote, es wird genäht, gemalt und gebastelt oder es trifft sich eine Gruppe unter dem Motto „Wolle und mehr“ zum Stricken, Filzen, Sticken oder Häkeln. Josephine Stemmer ist die ebenso leidenschaftliche wie versierte Häkelenthusiastin, die ihr Wissen gerne an Häkel-Neulinge weitergibt und Geübte bei ihren Vorhaben mit Rat und Tat unterstützt. Und weil Häkeln in Gesellschaft einfach mehr Spaß macht, treffen sich etwa einmal im Monat Häkelbegeisterte im Rössle, um eigene Ideen umzusetzen oder – und damit sind wir beim Thema –seit Kurzem kleine Oktopusse zu häkeln.

Wie kam es zum Oktopus-Häkeln?

„Eine Frau aus meinem Familienumfeld hat eine Freundin, die Krankenschwester ist und von der hat sie erfahren, dass in manchen Kliniken den Frühchen gehäkelte Oktopusse mit in den Inkubator gelegt werden.“ erzählt Stemmer im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Netz finden sich einige Informationen, wie die Idee dazu entstanden ist. 2013 hat eine dänische Mutter ihrem viel zu früh geborenen Baby einen Oktopus mit acht in sich gedrehten Tentakeln gehäkelt und mit in den Brutkasten gelegt. Die beobachteten positiven Auswirkungen auf das Frühgeborene wiederholten sich bei weiteren Frühchen, die ebenfalls so ein Kuscheltier in ihr Inkubator-Bettchen bekamen. Die Kleinen wurden ruhiger, ihr Herzschlag und ihre Atmung wurden regelmäßiger und sie hielten eher die Tentakel ihres Oktopus fest statt an den Schläuchen und Kabeln von Magensonde und Überwachungstechnik zu ziehen. Die gehäkelten Tentakel ähneln wohl der Nabelschnur, die den Babys aus dem Mutterleib so vertraut war, und geben ihnen ein Gefühl von Geborgenheit.

Mittlerweile werden weltweit kleine Tintenfische für Frühgeborene gehäkelt, es gibt auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Gruppen, die nach einer genauen Anleitung und unter Beachtung von strengen Hygiene- und Materialvorgaben die kleinen Kuscheltiere herstellen.

„Es ist eine Aufgabe für geübte Häklerinnen,“ sagt Stemmer, denn es brauche etwa vier Stunden, bis so ein kleines Tentakel-Tier mit ganz, ganz festen Maschen und aus fusselfreier Baumwolle gehäkelt ist. Zwischen den Maschen dürfen keine Löcher sein, sonst könnten sich die winzigen Fingerchen der Babys darin verfangen. Und die Tentakel dürfen auch nicht zu lang sein, damit sich die Kleinen nicht darin verwickeln. Der tropfenförmige Kopf wird mit Stopfwolle so fest wie ein Tennisball ausgestopft.

Wie viele Oktopusse sind schon gefertigt?

Bis jetzt hat die Häkelgruppe etwa zehn der kleinen Tintenfische fertiggestellt. Es sollen jedoch noch weitere dazukommen. Die Häkelfreundinnen treffen sich wieder am 16. April 2026 ab 14.30 Uhr im Rössle. Vielleicht wird ja ein regelmäßiges Oktopus-Projekt aus der jetzt umgesetzten Idee, wer weiß? Die in Neuhengstett gefertigten Oktopusse sollen den Frühchen einer Klinik im Umfeld Wegbegleiter bei ihrem herausfordernden Start ins Leben sein, berichtet Stemmer.

Zu den regelmäßigen Wolle-Treffs, die im Mitteilungsblatt der Gemeinde Althengstett und auf dem Instagram-Account des Familienzentrums angekündigt werden, sind jedoch auch Teilnehmerinnen oder Teilnehmer eingeladen, die ins Häkeln (wieder)einsteigen oder ein eigenes Häkelprojekt beginnen oder vollenden möchten.

Gemütlich wird es auf jeden Fall, denn für Kuchen und Kaffee ist ebenfalls gesorgt. Und ein nicht zu unterschätzender Mehrwert aller kreativen Gruppen, die sich im Rössle treffen, ist der gemeinschaftliche Austausch über das jeweilige Hobby.