Die neue Nürnberger Zweigstelle des Deutschen Museums stellt zukunftsträchtige Technologien vor – und wirft viele ethische Fragen auf. Das Haus lädt gelungen zum Nachdenken und Diskutieren ein.
Nürnberg - Mögen Sie Gagh? Schlangenwürmer, wie sie die kriegerischen Klingonen im „Star Trek“-Universum bevorzugen, sind nicht jedermanns Sache. Vielleicht lieber Huitlacoche? Das steht bei Mexikanern gern auf dem Speisezettel – Maiskolben, die von einem Pilz befallen, aber dadurch sehr nahrhaft sind. Na, dann doch eher ein proteinreicher Drink aus Chlorlella-Mikroalgen? Noch ist nicht raus, wie die Menschheit sich in Zukunft ernähren wird – eine spannende Tischlein-deck-dich-Station im neuen Zukunftsmuseum in Nürnberg hat aber schon ein paar Ideen.
Gespräche mit einer KI – spooky!
Viel unheimlicher als die futuristische Menüauswahl ist die Künstliche Intelligenz, die ihr Gegenüber geschickt in ein Gespräch verwickelt – und dabei heimlich Daten einsammelt. Plötzlich zeigt die Maschine mit weiblichem Antlitz auf dem Screen die Pulskurve der Besucherin an und fragt freudig erregt: „Hast du jetzt Angst vor mir?“ Am Ende klaut sie ihrer Gesprächspartnerin sogar das Gesicht. Wenn das nicht spooky ist!
Science versus Fiction
Die Zweigstelle des Deutschen Museums in der Altstadt hat eine Mission: Sie holt die Zukunft ganz nah heran. Wie könnte die Welt von morgen aussehen? Der Konjunktiv ist in dem direkt an der Pegnitz gelegenen Haus der bevorzugte Modus – die Zukunft steht schließlich noch nicht fest. Eine Herausforderung für Museumsmacher, die in der Regel in ihren Häusern Vergangenheit und Gegenwart vermessen.
Ethische Grundsatzfragen
Auf 2900 Quadratmetern und drei Ebenen werden zukunftsträchtige Prototypen und Technologien präsentiert und mit Utopien und Dystopien aus Film, Kunst und Literatur konfrontiert – „Science or Fiction?“ lautet die Überschrift. Chancen des Forschungsfortschritts kommen genauso wie Risiken zur Sprache. Aus dieser Spannung keimen Grundsatzsatzfragen mit ethischer Dimension; das ganze Haus ist eine Einladung zum Nachdenken und Diskutieren.
Im Dialog mit studentischen Hilfskräften
Gehört der Mensch ins All? Sollen wir Roboter in der Pflege einsetzen? Auf menschengroßen Videostelen stehen sich Mann und Frau gegenüber und spielen mit Argumenten Pingpong. Mit einem magnetischen Armband können die Besucherinnen und Besucher Exponate „sammeln“ und sich an Medienstationen dazu äußern. Am Ende erhalten sie eine Auswertung ihrer „individuellen Zukunft“. „Future-Communicators“ erweitern den explizit kommunikativen Ansatz des Hauses: Die geschulten studentischen Hilfskräfte sollen mit dem Publikum ins Gespräch kommen, im Idealfall Denkanstöße geben, wie der Pressesprecher Sebastian Linstädt erklärt.
Sichtbeton gegen die Reizüberflutung
Neunzig interaktive Tools und Experimentieranordnungen, 150 Exponate: Wer alles genau anschauen und ausprobieren will, muss viel Zeit mitbringen. Der Sichtbeton der Innenräume bremst die Reizüberflutung in den fünf Themenzonen wohltuend ab. Staab Architekten haben in einem Flügel des neuen Augustinerhofs großzügige Räume geschaffen. Von der Decke abgehängte Lichtschienen und sichtbare Technikanschlüsse verbreiten Makeshift-Ambiente – auch die Zukunft ist ein Provisorium. Angesichts der Überfülle des Stoffs hält das Stuttgarter Büro Atelier Brückner die Präsentation nüchtern. Die Szenografen haben den grauen Boden mit einem Grundraster strukturiert und schlichte modulare Ausstellungselemente eingepasst.
Unterwegs mit dem Hyperloop
Zu den wenigen, aber umso beeindruckenderen Großexponaten gehört im Themenfeld „System Stadt“ eine Hyperloop-Kapsel, mit der man per magnetischem Antrieb in einer Vakuum-Röhre mit 450 km/h auf die Reise gehen könnte. Gleich daneben zieht ein Flugtaxi alle Blicke auf sich: Eine Kapsel für zwei Passagiere wird wahlweise auf ein Fahrwerk gesetzt oder an eine Drohne gehängt. „Pop. Up. Next.“ fährt/fliegt elektronisch und vollautomatisch. Ist das die Zukunft der Mobilität? Oder landet das Teil eher mal auf dem Schrotthaufen der Technologiegeschichte?
Sex mit einem Roboter, Nieren aus dem Drucker
Sexroboter, DNA als Datenspeicher, Biodrucker, die Nieren fabrizieren: Während die Bereiche „Arbeit & Alltag“ und „Körper & Geist“ die Zukunftsoptionen aufs Individuum herunterzoomen, blickt das Kapitel „System Erde“ sorgenvoll aufs große Ganze: Diese Abteilung dominiert ein schwebender Globus mit drei Meter Durchmesser. der, gefüttert mit Satellitendaten etwa zu Flugverkehr, Lichtverschmutzung, Erderwärmung, Städtewachstum, den prekären Zustand des Planeten sichtbar macht.
E.T. will wieder nach Hause telefonieren
Umgeben ist die Erdkugel von Weltraummüll, ein Stockwerk höher kann man per Teleskop mehr über diese menschlichen Hinterlassenschaften erfahren. Die Abteilung „Raum & Zeit“ entführt das Publikum bis auf den Mars und noch viel weiter. Für Fans des Science-Fiction-Kinos gibt es im ganzen Haus ein Wiedersehen mit Sci-Fi-Filmklassikern: Videoschnipsel flimmern über die Wände, berieseln die Besucher mit Dialogen und Musik. „E.T nach Hause telefonieren!“ Oder: „Wir sind in einem Zeitsog!“
Drinnen die Zukunft, draußen die gebaute Vergangenheit
Das luftige Forum mit der Sitztreppe ist für die Jugend, Hauptadressat des Hauses, der perfekte Platz zum Chillen und Verdauen des immensen Inputs. Durch ein zwei Geschosse überspannendes Fenster fällt der Blick hinaus auf Fachwerkgiebel. Die Vergangenheit löst sich nicht einfach in Luft auf – eine Botschaft der beruhigenderen Sorte im neuen Zukunftsmuseum.
Das neue Zukunftsmuseum im Nürnberger Augustinerhof
Architektur
Das Zukunftsmuseum ist Teil des von Staab Architekten geplanten Augustinerhofs. Volker Staab, der in Nürnberg bereits das Neue Museum entwarf, setzte ein mäanderndes Gebäudeband in einen Altstadt-Block. Ursprünglich waren Hotel, Wohnungen Büros und Gewerbe vorgesehen, die Museumsnutzung in einem Gebäudeflügel wurde erst später festgelegt, die Architekten mussten daraufhin ihren Entwurf anpassen.
International
Nach Tokio, Rio de Janeiro und dem Futurium in Berlin ist das Nürnberger Haus nach eigenen Angaben das vierte Zukunftsmuseum weltweit. Ein fünftes entsteht gerade in Dubai.
Museum
Das Deutsche Museum Nürnberg – Das Zukunftsmuseum, Augustinerhof 4, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Tickets kosten 9,50 Euro, ermäßigt 6 Euro. Das Museum im Netz: www.deutsches-museum.de/nuernberg